Baden-Württemberg erlebt derzeit ein historisches Wasserdefizit. Laut Angaben des Umweltministeriums ist die klimatische Wasserbilanz Anfang August so niedrig wie nie zuvor in den vorliegenden Daten seit 1991. Heißt: In diesem Jahr ist deutlich mehr Wasser verdunstet, als durch Regen nachgekommen ist. Das hat drastische Folgen: Im Land melden 59 Prozent der Pegel des Niedrigwasser-Informationszentrums extrem niedrige Wasserstände, 28 Prozent sehr niedrige Wasserstände. Welche Auswirkungen hat das aufs Land?
- Welche Region ist besonders von Niedrigwasser betroffen?
- Wieso haben die Flüsse gerade so wenig Wasser?
- Wie geht es dem Grundwasser in BW?
- Wie kritisch ist die aktuelle Situation?
- Was das Niedrigwasser für die Wirtschaft bedeutet
- Was das Niedrigwasser für Wasserkraftwerke bedeutet
- Schifffahrt auf dem Rhein ist eingeschränkt
- Was das Niedrigwasser für den Bodensee bedeutet
- Welche Folgen hat das für die Ökologie?
Welche Regionen sind besonders von Niedrigwasser betroffen?
Eine Besonderheit von Niedrigwasser ist laut Umweltministerium, dass es großräumig auftrete. Es gebe Gebiete, die durch ihre Geologie besonders schnell auf Trockenheit reagierten, wie zum Beispiel in Teilen des Schwarzwaldes. "Allerdings hat sich die Trockenheit schon so weit ausgebreitet und ist so weit fortgeschritten, dass wir derzeit landesweit und in nahezu allen Gewässern Niedrigwasser sehen", schreibt das Umweltministerium.
Wassertemperaturen überdurchschnittlich hoch Hitzesommer trifft Bodensee, Donau, Neckar und Rhein - teils extremes Niedrigwasser
Die Trockenheit sorgt für extrem niedrige Wasserstände in Flüssen und Seen. Und die Wetterprognose für den August liefert wenig Grund zur Hoffnung.
Wieso haben die Flüsse gerade so wenig Wasser?
Der Ökologe Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ) erklärt: "Es ist eine Gemengelage, die da zusammenkommt. Es ist sehr warm und wir haben relativ wenig Niederschlag. Das heißt, es kommt auf der einen Seite wenig Wasser rein und es verdunstet auf der anderen Seite viel durch die hohen Temperaturen." Dazu kommt: "Wir hatten ein außergewöhnlich trockenes Frühjahr. Und das hat eben auch dazu geführt, dass wir jetzt eine Situation haben, wo wenig Wasser in den Grundwasserspeichern ist."
Ein weiterer Aspekt sei die Schneeschmelze, die sich geändert habe. Das betreffe etwa den Bodensee. "Gewöhnlich hatten wir dort bis in den Sommer hinein Schmelzwasserabfluss, der zu einer guten Wasserversorgung des Bodensees und des Rheins beigetragen hat. Dieser Effekt hat stark abgenommen." Im vergangenen Winter fiel dem Deutschen Wetterdienst zufolge - wie zuletzt häufig - weniger Schnee als im langjährigen Mittel, auch wenn es große regionale Unterschiede gab. Insgesamt war der Winter demnach zu trocken, sonnig und mild.
Nur ein Drittel der üblichen Wassermenge im Main Wenig Wasser in Neckar und Main: Mit diesen Einschränkungen fahren Schiffe trotzdem
Die Lage sei nicht so schlimm wie auf dem Rhein, doch auch auf Neckar und Main gibt es Einschränkungen. Schiffe kommen durch das wenige Wasser nur noch langsam voran.
Wie geht es dem Grundwasser in BW?
Die Messstellen der Landesanstalt für Umwelt zeigen rückläufige Grundwasserverhältnisse. 48 Prozent befinden sich noch im Normalbereich. Etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent) ist bereits auf niedrigem Niveau, und nur 7 Prozent zeigen ein stabiles Niveau. "Aufgrund der aktuellen Wetterlage und Aussichten werden Grundwasserstände und Quellschüttungen weiter zurückgehen", so das Umweltministerium.
Wie kritisch ist die aktuelle Situation?
"Die Lage ist durchaus kritisch. Die Natur leidet stark, Kleingewässer und Randbereiche von Flüssen, also wichtige Auen-Ökosysteme trocknen aus. Kritisch ist es aber auch für die Wirtschaft. Am Rhein können Schiffe teils nicht mehr voll beladen fahren. Lieferketten werden gestört und am Ende macht sich das auch in der wirtschaftlichen Wertschöpfung bemerkbar", so Weitere vom UFZ. Regionale Schauer und Gewitter schafften keine wirklich nachhaltige Abhilfe, sondern nur ein vorübergehendes Ansteigen der Wasserstände.
Was das Niedrigwasser für die Wirtschaft bedeutet
Das aktuelle Niedrigwasser wird sich wohl negativ auf die deutsche Wirtschaft auswirken. Das geht aus Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor. Das IW warnt angesichts des Niedrigwassers vor einem Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozentpunkte. Nach aktuellen Prognosen würde das bedeuten, dass das BIP gar nicht wächst oder sogar schrumpft.
Was das Niedrigwasser für Wasserkraftwerke bedeutet
Die anhaltende Trockenheit führt bei mehreren Wasserkraftwerken des Energieversorgers EnBW zu deutlich geringerer Stromproduktion. Nach Angaben des Unternehmens wirken sich die niedrigen Wasserstände in den Flüssen bereits spürbar auf die Erzeugung der Laufwasserkraftwerke aus.
Niedrige Pegelstände bei Flüssen Weniger Strom aus Wasserkraftwerken wegen Trockenheit
Niedrige Wasserstände in mehreren Flüssen bremsen laut EnBW die Stromproduktion in Baden-Württemberg. Einige kleinere Anlagen arbeiten nur eingeschränkt.
Schifffahrt auf dem Rhein ist eingeschränkt
Der Pegelstand auf dem Rhein bei Karlsruhe ist derzeit extrem niedrig - um die drei Meter beträgt er seit einigen Tagen. Das hat Auswirkungen auf die Schifffahrt. Wenig Wasser bedeutet für die Transportschiffe auf dem Rhein weniger Ladung, damit sie nicht auf Grund laufen. Aktuell schippert teilweise nur ein Fünftel der herkömmlichen Fracht flussauf- und abwärts.
Was das Niedrigwasser für den Bodensee bedeutet
Auch für den Bodensee hat das Niedrigwasser erhebliche Folgen. Teilweise müssen Badegäste mittlerweile erst durch übel riechenden Schlamm laufen, bevor sie zum Wasser gelangen. Grund für den Gestank sind winzige Lebewesen, die abgestorbene Pflanzenreste und andere organische Stoffe abbauen. Dabei entstehen Gase wie Schwefelwasserstoff. Auch Bootbesitzer spüren die Folgen der niedrigen Wasserstandspegel: Einige Liegeplätze für Segelboote liegen mittlerweile trocken.
Welche Folgen hat das für die Ökologie?
Die extreme Hitze und das Niedrigwasser machen sich auch in Freiburg bemerkbar. So könnte das Baden in der Dreisam bei der Brauerei Ganter bald verboten werden. Die Stadt und das Regierungspräsidium Freiburg prüfen derzeit ein Betretungsverbot für diesen Bereich. Denn: Dort befinden sich Rückzugsorte für Fische - sogenannte Kältepools. Gerade in besonders trockenen und heißen Sommern, sind diese überlebenswichtig für Wassertiere. Vereinzelt gab es laut Angaben des Umweltministeriums schon Fischsterben infolge zu hoher Wassertemperaturen. Es gebe auch schon trockenfallende Gewässerabschnitte. Die Folgen seien Fisch-, Muschel- und Kleintiersterben.