Ökologische Tierhaltung

Kontrolle von Biofleisch: Wie sicher sind unsere Biosiegel?

Biofleisch steht für Tierwohl und Qualität. Ein Fall aus Ostdeutschland zeigt jedoch massive Missstände im Stall – und Lücken bei privaten und staatlichen Kontrollen.

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Stand

Von Autor/in Edgar Verheyen

Bio ist gefragt. Viele Verbraucher verbinden mit Biofleisch bessere Haltung, mehr Tierwohl und höhere Qualität. Ein ostdeutscher Biohof mit GÄA-Siegel zeigt jedoch, wie groß die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität sein kann.

Biosiegel und Tierwohl

Die Tierrechtsvereinigung Vier Pfoten e.V. hat Bilder ein einem Biobetrieb in Ostdeutschland gedreht. Zu sehen sind Legehennen in stark verschmutzten Ställen, verletzte und tote Tiere, überall Kot. „Das hier ist zum Beispiel ein Ausschnitt aus dem Stall der Hühner, wo man ein bereits verwestes Huhn sieht, was sich zwischen den anderen Tieren aufhält“, sagt Fiona Kaps. Der Landwirt müsse solche Tiere eigentlich sofort entfernen, um Infektionen zu vermeiden. In den Ställen habe es „extrem stark gestunken“, der Kot habe „Zentimeter hoch“ gestanden.

Gleichzeitig wirbt der Hof im Internet mit „tiergerechter Viehhaltung“ und idyllischen Bildern von Hühnern auf grünen Wiesen. Kaps berichtet, sie habe mit Problemen gerechnet, „und wenn man sich das dann selber mit den eigenen Augen anguckt, sieht man oft, dass es noch schlimmer ist.“

Kontrollen in Biohöfen

Wie kann das in einem biozertifizierten Betrieb passieren? Der Verband GÄA spricht in seinen Richtlinien von „Bio auf höchstem Niveau“, „ganzheitlich nachhaltig und sozial“. Für Legehennen ist saubere, trockene Einstreu vorgeschrieben. Doch kontrolliert werden diese Vorgaben nicht durch Veterinärämter, sondern durch private Kontrollfirmen.

Jochen Weins, früher Amtsveterinär, erklärt: Die Einhaltung der Bio-Kriterien überwachen von den Verbänden beauftragte Unternehmen. Diese seien zwar staatlich zugelassen. „Aber im Endeffekt ist es natürlich eine privatrechtliche Veranstaltung zwischen den beiden“, sagt er. Er bezweifelt, dass eine Firma, die einmal im Jahr anreist, eine echte Kontrolle durchführen kann – oft gehe es vor allem um Dokumente und Papier.

GÄA teilt schriftlich mit, die Betriebe würden von unabhängigen, staatlich zugelassenen Ökokontrollstellen kontrolliert. Einmal im Jahr finde eine angekündigte Regelkontrolle statt, zusätzliche Kontrollen meist unangekündigt. Vom betroffenen Hof erfahren wir jedoch, dass dort in diesem Jahr noch keine Verbandskontrolle stattgefunden hat.

Vier Pfoten zeigt Biohof an

Vier Pfoten hat den betroffenen Bio- Betrieb beim zuständigen Veterinäramt angezeigt. Auf Nachfrage erfahren wir, der Betrieb sei sofort kontrolliert worden, man habe Maßnahmen ergriffen. Schriftlich heißt es:

Die Mängel reichten von der ungenügenden Versorgung der Tiere, mangelhafte Haltungsbedingungen, Einsatz von unerlaubten Zusatzstoffen, mangelhafte Hygiene über die Kennzeichnung von Tieren bis zur Dokumentation(...) Es gab klare Auflagen zur Abstellung der vorgefunden Mängel(...) Außerdem wurden tierschutz- und tierseuchenrechtliche Bußgeldbescheide erlassen.

Rechtslage, Kontrolllücken und Biofleisch-Markt

Agrarwissenschaftler Prof. Albert Sundrum von der Universität Kassel sieht strukturelle Schwächen. Die Kontrolle könne nur prüfen, was der Gesetzgeber vorgibt. „Der Gesetzgeber sagt nichts über die hygienischen Verhältnisse aus. Keine Vorgaben über die Erkrankungsraten, die der Betrieb einhalten muss“, kritisiert er.

Im Mittelpunkt stünden Flächenvorgaben. Zwar könne ein Kontrolleur das Veterinäramt einschalten, doch im Alltag passiere das selten. Im Durchschnitt werde ein Betrieb nur alle 19 Jahre von einem staatlichen Kontrolleur besucht.

Betrug mit Bio lohnt sich

Parallel wächst der Markt für Biofleisch stark. „Demzufolge gibt es einen Druck, Bioprodukte vorrätig zu halten“, sagt Jochen Weins. Betrügereien und Schummeleien seien heute finanziell viel interessanter als früher, weil Bio inzwischen ein großes Marktsegment sei.

Die Preisunterschiede sprechen für sich: Ein Kilo konventionelles Rinderhackfleisch kostet beim Discounter etwa zehn Euro, Biohackfleisch rund 14,50 Euro – etwa 45 Prozent mehr. Beim Rinderbraten liegt der Aufschlag bei rund 20 Prozent. Trotzdem seien diese Preise für viele Höfe nicht kostendeckend, sagt Prof. Sundrum. Auch Bioerzeuger kämpften mit vielen Widrigkeiten und versuchten, ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern.

Mehr Kontrolle, mehr Vertrauen in Biosiegel

Für Verbraucher bleibt es schwierig zu erkennen, ob teuer gekauftes Biofleisch wirklich Tierwohl und gute Qualität garantiert. Der ostdeutsche Fall zeigt, dass auch biozertifizierte Betriebe gravierende Mängel haben können und Kontrollsysteme zu spät greifen.

Tierschützer und Fachleute fordern deshalb, amtliche Veterinärämter stärker in die Kontrollen der Bioverbände einzubinden. Dichtere, unabhängige Prüfungen könnten das Vertrauen in Biofleisch und Biosiegel stärken – und sicherstellen, dass Bio im Stall dem Bild auf der Verpackung entspricht.

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