Das Land Baden-Württemberg hat für landwirtschaftliche Öko-Betriebe den Katastrophenfall im Sinne des europäischen Öko-Rechts ausgerufen - wie schon in den Jahren 2018 und 2022. Doch was bedeutet das genau? Ist Bio weiterhin Bio? Wird auch die konventionelle Landwirtschaft entlastet? Und werden die Produkte nun teurer? Antworten auf die wichtigsten Fragen:
- Was bedeutet der Katastrophenfall?
- Welches Futter betrifft die Regelung?
- Für wen gilt diese Regelung?
- Wie lange gilt diese Regelung?
- Was plant die Landesregierung darüber hinaus?
- Soll es finanzielle Unterstützung geben?
- Gibt es auch Entlastungen für konventionelle Betriebe?
- Fehlt den konventionellen Betrieben dann Futter?
- Was bedeutet der Katastrophenfall für die Verbraucher?
- Werden die Bio-Produkte nun teurer?
- Könnten konventionelle Produkte teurer werden?
- Dürfen Bio-Produkte weiterhin als Bio ausgezeichnet werden?
Was bedeutet der Katastrophenfall?
Weil Bio-Futter fehlt dürfen Betriebe mit ökologischer Landwirtschaft seit dem 7. August nun auch konventionelles Futter zukaufen und verfüttern. Dafür müssen sie einen entsprechenden Antrag beim Regierungspräsidium Karlsruhe stellen, welches für die Öko-Kontrolle zuständig ist. Nach der erfolgreichen Prüfung sollen die Ausnahmegenehmigungen laut Landwirtschaftsministerium "kurzfristig" erteilt werden. Wie schnell das genau geht, kann das Ministerium nicht sagen, teilte auf SWR-Anfrage aber mit: "Die für die Öko-Kontrolle in Baden-Württemberg zuständige Behörde beim Regierungspräsidium Karlsruhe wird diese Anträge mit Priorität prüfen und entscheiden."
Vor allem fehlt Bio-Futter Futtermangel in der Landwirtschaft wegen Dürre: Baden-Württemberg ruft Katastrophenfall für Ökobetriebe aus
Die Dürre sorgt für Futtermangel in der Landwirtschaft, insbesondere bei Ökobetrieben. Das Ministerium ergreift deshalb jetzt Maßnahmen. Was das für Bio-Bauern bedeutet.
Welches Futter betrifft die Regelung?
Es geht vor allem um Raufutter wie Heu und Silage sowie Feldfutter wie Ackergras und Klee. Kraftfuttermittel aus Getreide oder Ölsaaten wie zum Beispiel Raps fallen zum jetzigen Zeitpunkt nicht unter die Ausnahmen.
Für wen gilt diese Regelung?
Die Regelung gilt nur für ökologische Betriebe mit Pflanzenfressern, deren Futtergrundlage Rau- oder Feldfutter ist. Aktuell gibt es in Baden-Württemberg laut Regierungspräsidium Karlsruhe insgesamt 5.246 landwirtschaftliche Öko-Betriebe.
Wie lange gilt diese Regelung?
Laut Ministerium ist die Regelung bis zum 31. Mai 2027 befristet: "Spätestens dann ist davon auszugehen, dass Futtermittel der ersten Ernte 2027 für die Betriebe wieder zur Verfügung stehen."
Was plant die Landesregierung darüber hinaus?
Das Land erlaubt den Landwirten nun auch, brachliegende Flächen vorübergehend für die Futtermittelproduktion zu nutzen. Außerdem will Landwirtschaftsministerin Marion Gentges (CDU) dem Kabinett vorschlagen, dass auf Flächen im Acker- und Gartenbau, die eigentlich begrünt werden sollten, auch Futtermischungen ausgesät werden dürfen. Dieses Futter dürfte dann auch an andere Landwirte weitergegeben werden.
Soll es finanzielle Unterstützung geben?
In Abstimmung mit dem Finanzministerium prüft das Landwirtschaftsministerium, ob es für die entstandenen Schäden einen gewissen finanziellen Ausgleich gibt. Dabei könnte es um den zusätzlichen Futterkauf sowie die damit verbundenen Transportkosten gehen. Außerdem will Gentges bei der Agrarministerkonferenz einen Antrag einbringen, dass die betroffenen Betriebe steuerfreie Risikorücklagen bilden können.
Gibt es auch Entlastungen für konventionelle Betriebe?
Das Land will auch die konventionellen Betriebe entlasten. Die Maßnahmen sind dabei quasi deckungsgleich. Laut Ministerium dürfen auch konventionelle Betriebe stillgelegte Flächen wieder in Produktion nehmen. Und: Auf eigentlich zu begrünenden Flächen darf Futter angebaut werden und die finanziellen Entlastungen - wenn sie kommen - würden für konventionelle Betriebe gleichermaßen gelten.
Fehlt den konventionellen Betrieben dann Futter?
Tatsächlich verkaufen die konventionellen Betriebe ihren Bio-Kollegen nun das Futter. Das können sie aber nur, wenn sie mehr haben als ihre eigenen Tiere benötigen. Und genau das könnte zum Problem werden. Denn auf den Weiden und Wiesen der konventionellen Milchkuhhalter wänMengen verkaufen. Allerdings haben konventionelle Betriebe beim Zukauf mehr Spielraum, weil der konventionelle Markt insgesamt größer ist.
Was bedeutet der Katastrophenfall für die Verbraucher?
Manche Betriebe sehen sich jetzt schon gezwungen, die Anzahl ihrer Kühe zu reduzieren. Die Folge könnte also sein, dass es in den kommenden Monaten weniger Bio-Milchprodukte geben wird.
Werden Bio-Produkte nun teurer?
Möglicherweise. Die Landwirte müssen nun Futter zukaufen, das sie sonst durch ihre eigenen Wiesen und Weiden schon haben. Und wenn es weniger Bio-Milchprodukte gibt, also das Angebot sinkt, dann steigt in der Regel der Preis. Allerdings lasse sich das laut Ministerium nicht pauschal sagen. Es gäbe vielfältige Einflussfaktoren auf die Preisbildung.
Hunderte Betriebe im Land betroffen Zahlreiche Rinder mit eingeschlepptem Virus infiziert: Welche Regionen in BW betroffen sind
Ein Virus, das in Deutschland bisher nicht bekannt war, sorgt bei Rindern für Fieber, Durchfall und weniger Milch. Für den Menschen besteht nach jetzigem Stand keine Gefahr.
Könnten konventionelle Produkte teurer werden?
Bei konventionellen Milchviehbetrieben ist die Situation ähnlich: Wenn auf den Futterwiesen nichts wächst, dann fehlt Futter, das auf dem Markt derzeit sowieso knapp ist und teuer zugekauft werden muss. Also könnten auch hier die Preise steigen. Darüber hinaus stehen Milchviehbetriebe aktuell zusätzlich durch ein neues, offenbar eingeschlepptes Virus unter Druck. Es sorgt für Fieber und Durchfall bei den Tieren, weswegen Milchkühe weniger Milch geben. Auch das könnte zu steigenden Preisen führen, ist aber zum aktuellen Zeitpunkt schwer abschätzbar.
Dürfen Bio-Produkte weiterhin als Bio ausgezeichnet werden?
Das europäische Öko-Recht sieht bei außergewöhnlichen Situationen - wie etwa schweren Dürren - bestimmte Ausnahmen von den Produktionsvorschriften vor. Wenn sich die Bio-Höfe an die übrigen Vorgaben des Öko-Rechts - wie beispielsweise Haltungsbedingungen - halten, gelten die Produkte weiterhin als Bio und dürfen laut Ministerium so auch vermarktet werden. Letztlich kommt es aber darauf an, ob die Molkereien, die die Höfe beliefern, die Milch noch als Bio-Ware ankaufen. Sonst bekommen die Bio-Milchviehbetriebe weniger Geld: Nämlich nur den Preis, der für konventionelle Milch bezahlt wird.