Essstörung durch häufige Diäten

Ernährungscoach Frédéric Letzner: Verzicht ist auch keine Lösung

Häufige Diäten können Essstörungen auslösen. Warum jetzt verzichten, wenn wir es sonst auch nicht machen? Der Ernährungscoach Frédéric Letzner schaut auf die Ursachen unserer Essgewohnheiten.

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Stand

Ernährungscoach Frédéric Letzner: Verzicht und Belohnungsessen

SWR1: Kein Alkohol, kein Zucker, kein Fleisch. Was soll das mit dem Verzicht?

Letzner: Der ist eher kontraproduktiv. Das eine ist, wenn wir nicht auf unser Hungergefühl achten, also der Kopf übernimmt die Kontrolle, dann verlieren wir langfristig unser Körpergefühl.

Das ist ein Problem, was es langfristig eher schlimmer macht, als dass es irgendetwas nützt. Und wenn wir uns immer wieder Zucker verbieten. Dann wird der Zucker noch interessanter als Belohnungsessen oder emotionales Essen. Das ist so ein psychologischer, gemeiner Effekt. Diäten sorgen häufig dafür, dass Menschen langfristig mehr zu einem Belohnungsessen tendieren.

Diäten sorgen häufig dafür, dass Menschen langfristig mehr zu einem Belohnungsessen tendieren.

SWR1: Toll, dann esse ich einfach genauso weiter…

Letzner: Das ist ja so nicht gedacht. Dass wir uns sehr viel verbauen durch Diäten, das ist der wichtige Aspekt. Wenn wir mehr lernen, Hunger und Sättigungsgefühl und eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, essen wir unterm Strich weniger Süßigkeiten als durch das Verbot.

Kleine Ziele besser als 10-Wochen-Challenge

SWR1: Aber macht es gar keinen Sinn, jetzt mal ein bisschen kürzer zu treten?

Letzner: Ein bisschen kürzertreten ist noch mal was anderes. Die Psychologie weiß eines relativ klar: Wenn wir uns Ziele in kleinen Schritten setzen und die immer wieder anpassen, ist das zielführender, als die nächste 10-Wochen-Challenge zu machen. Dieses 'Ganz oder gar nicht' Ding ist langfristig gar nicht umsetzbar. Es ist auch eher Stress. In kleinen Schritten zu denken, ist besser. Diese Diätmentalität ist langfristig kontraproduktiv. Sie erzeugt eher ein gestörtes Essverhalten.

Diese Diätmentalität ist langfristig kontraproduktiv. Sie erzeugt eher ein gestörtes Essverhalten.

SWR1: Manche brauchen eine Challenge, damit sie überhaupt mal was machen …

Letzner: In meiner Arbeit beobachte ich ganz häufig, dass an der falschen Baustelle gearbeitet wird. Emotionales Essen ist eine sehr relevante Baustelle bei Übergewicht und Adipositas. Viele Menschen funktionieren den ganzen Tag, machen keine Pausen und abends haben sie dann dieses Stressessen, weil sie ganz hohe innere Anspannung haben.

Mal langsamer machen, statt Verzicht

Letzner: Es ist die falsche Botschaft, zu sagen: Streng dich noch mehr an und mach die nächste Challenge. Eine bessere Botschaft wäre:

Mach mal weniger, mach mal mehr Pausen, mach mal langsamer.

Kümmere dich mehr um deine Bedürfnisse. Also die Forschung ist da sehr eindeutig, dass Diäten eine Challenge sind.

Wir können es natürlich auch Detox oder Kur nennen. Das sind alles andere Worte für diese Diätmentalität. Und die ist langfristig kontraproduktiv. Sie erzeugt eher ein gestörtes Essverhalten.

Vorsicht, wenn Alkohol der Entspannung dient

SWR1: Mal kurz zum Alkohol. Ich mache immer diesen "Dry January". Mir persönlich hilft das, wenn ich mal auf Alkohol verzichte.

Letzner: Beim Alkohol sollten wir uns die Frage stellen, aus welchem Grund mache ich das? Wenn es tendenziell eher der Grund ist, dass ich mich dadurch entspanne, meine Spannung reguliere oder mich belohne, ist häufig nicht Genuss die Intention.

Dann wäre ich vorsichtig und darf das immer wieder für mich reflektieren. Das ist beim Alkohol genauso wie bei Zucker.

Menschen mit häufigen Diäten tendieren zu gestörtem Essverhalten

SWR1: Um es auf den Punkt zu bringen: Fasten und Verzicht ist für Sie Blödsinn?

Letzner: Die Studienlage ist relativ klar. Menschen, die sehr regelmäßig Diäten machen, tendieren häufiger zum Belohnungsessen. Und sie haben tendenziell ein gestörteres Essverhalten bis hin zur Essstörung.

Deswegen geht es meines Erachtens eher um den gesunden Umgang damit als um den Verzicht. [...]

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Marktcheck SWR

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Veit Berthold
SWR1 RP Moderator Veit Berthold
Interview mit
Frédéric Letzner
Onlinefassung
SWR1 Rheinland-Pfalz
Eins gehört gehört. SWR1. (Schriftzug SWR1 auf gelbem Hintergrund)