SWR1: Welche Beziehung haben Sie zu ihrem Haustier?
Prof. Andrea Beetz: Ich hoffe, eine sehr gute. Ich habe schon immer Hunde und zurzeit auch wieder einen. Der macht mir sehr viel Freude und ist auch wirklich Familienmitglied. So sollte es ja eigentlich auch immer sein.
Nicht jeder hat eine gute Beziehung zu seinem Haustier
SWR1: Manche Menschen haben zu ihrem Haustier ein gespaltenes Verhältnis: Einerseits ist es das liebe Kuscheltier, andererseits ist es auch lästig, z.B. wenn man in Urlaub will.
Beetz: Ich glaube, da müssen wir differenzieren. Für die einen ist es wirklich ein Familienmitglied, ein Sozialpartner, ein Kuscheltier. Und man nimmt auch viel Rücksicht drauf.
Andere holen sich vielleicht unüberlegt ein Tier. Und die sagen dann im ersten Moment, wenn es nicht passt, weil der Urlaub vor der Tür steht […], dann geben wir es halt ab. Ich glaube aber, dass das unterschiedliche Leute sind.
Hochgradige Emotionen, Bindung und Rücksichtnahme und diese "Wegwerfeinstellung" sind nicht in einer Person gebunden.
Unüberlegter Haustier-Kauf von der Couch aus
SWR1: Kann es sein, dass manche Menschen Tiere wie Online-Bestellungen behandeln? Also: auspacken, kurz freuen, aber wenn es nicht wie gewünscht läuft, dann Rückgaberecht?
Beetz: Ich glaube, bei manchen Menschen ist das heute so, nachdem sie Tiere ja auch im Internet kaufen können. […]
Man sitzt auf der Couch und bestellt sich ein Tier. Das ist natürlich viel weniger Investment, als wenn man sich drum kümmert, wo ist vielleicht ein guter Tierschutzverein oder ein Züchter. Wo muss ich vielleicht sogar ein halbes Jahr oder länger warten?
Da muss man wirklich überlegen: Will ich das wirklich? Und das verändert die Wertigkeit, wie mit dem Tier umgegangen wird, in vielen Fällen.
SWR1: Warum sind manche sich nicht im Klaren, dass es kein Tamagotchi ist, sondern ein lebendes Tier?
Beetz: Wir würden hoffen, dass sich diese Einstellung nicht weiter ausweitet. Ach, ich hol' mir mal schnell das Accessoire, Hund, Katze, manchmal auch mit Qualzucht-Merkmalen, nur weil es so süß ausschaut.
Ich glaube, viele sind tatsächlich beeinflusst vom Internet: Sobald ich gesucht habe, bekomme ich immer wieder über die Algorithmen Bilder von netten Hunden und Katzen geschickt. Sodass dieser Wunsch immer an der Oberfläche bleibt.
Früher konnte man eher abschalten. Man hat sich mal informiert. Dann hat man gesagt: Na ja, ist vielleicht doch nichts für mich. Es kostet viel Geld. Es kostet viel Zeit. Heute kriegen sie immer wieder diese Bilder oder Nachrichten geschickt. Sodass das im Kopf vorne bleibt.
Bedürfnisbefriedigung statt Verantwortung fürs Tier
Beetz: Ich glaube, die Leute sind weniger bereit, langfristig Verantwortung zu übernehmen. Dieses "Ich bin für mein eigenes Handeln und für ein Lebewesen verantwortlich", das steht nicht mehr so im Vordergrund. Es ist eben diese schnelle Bedürfnisbefriedigung: Sie müssen nicht mehr wochenlang auf irgendwas warten. Sie machen einen Klick und bestellen.
So haben auch Menschen, die sich das kaum überlegt haben, die Möglichkeit, ein Tier zu holen. Dann ist es da. Und dann merkt man: Der Hund, die Katze, das Meerschweinchen, das will ja Aufmerksamkeit. Das braucht Futter. Das verursacht Kosten. Der Umgang mit dem Tier sollte immer verantwortungsvoll sein. Denn sonst habe ich ja mehr Probleme, als dass es mir Freude macht.
Ein Haustier bedeutet Lebensumstellung
SWR1: Für alle, die ein Haustier möchten. Haben Sie eine ehrliche Frage, die sich jeder stellen sollte, bevor er eine Entscheidung trifft?
Beetz: Ja. Bin ich bereit, mein Leben, meinen Lebensstil an die Haustierhaltung anzupassen? Bin ich bereit auch mal Rücksicht zu nehmen auf die Bedürfnisse des Tieres? Damit die Beziehung zwischen diesem Heimtier und mir funktioniert und für beide Seiten gut ist.