Vor kurzem konnte man die Schlagzeile lesen: "Babyboomer-Häuser könnten Markt überschwemmen. Experten sprechen schon von einem 'Silver Tsunami'". Gemeint ist, dass, wenn die Boomer sterben oder ins Altersheim ziehen, plötzlich ganz viele Häuser auf den Markt kommen könnten.
Annette Spellerberg ist an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie. Sie beobachtet den Immobilienmarkt in Rheinland-Pfalz schon länger.
Spellerberg über mögliche Häuserschwemme: Anteil der Babyboomer, die umzieht, ist gering
SWR1: Was ist dran am "Silver Tsunami" am Immobilienmarkt?
Annette Spellerberg: Erstmal noch nichts, weil die Babyboomer gerade in Rente oder Pension gehen. Das heißt: Sie leben noch 30 Jahre, wenn es gut geht. Diese Menschen sind eigentlich sehr zufrieden in den Häusern und Wohnungen, in denen sie leben. Sie wohnen natürlich auf viel Fläche, haben auch häufiger ein Eigenheim erreichen können, aber sie haben überhaupt kein Interesse auszuziehen.
Das heißt: Der Anteil der Babyboomer, der faktisch umzieht, ist ausgesprochen gering. Und aus dem Eigentum noch mal geringer als aus Mietwohnungen. Diese Wohnungen werden in der nächsten Zeit eigentlich nicht frei. Und die Häuser schon gar nicht.
SWR1: Also rechnen Sie nicht mit einer Angebotsschwemme und damit, dass die Preise auf einmal fallen?
Spellerberg: Nein, überhaupt nicht. Die Babyboomer sind zwischen 1955 und 1970 geboren. Man kann sich ausrechnen, dass sie jetzt Anfang 60 sind, vielleicht gehen sie in die 70er über. Aber die Lebenserwartung ist entsprechend hoch. Sie haben noch ein glückliches Leben vor sich und wollen ihr Leben noch verwirklichen, meist in ihren Häusern.
Man möchte dort, wo man sehr lange Jahre verbracht hat, vielleicht die Familie hatte, auch altern. Das sind die vertrauten Räume, da sind die Freunde, Verwandte, die ganzen Erinnerungen an die Familie. Es besteht nur sehr selten das Interesse, dieses Zuhause, was ja ein Lebensmittelpunkt ist, zu verlassen.
ARD-Mitmachaktion #besserwohnen: Wie wohnt Deutschland wirklich?
Die ARD-Mitmachaktion ist abgeschlossen. Vielen Dank an alle Teilnehmenden für die zahlreichen Beiträge und persönlichen Einblicke.
Spellerberg über Immobilienmarkt und Babyboomer: Förderung vom Teilen statt warten auf Häuserschwemme
SWR1: Oft leben am Ende die Eltern oder Großeltern alleine in einem viel zu großen Haus. Was ist denn mit dem Modell, ein paar Räume abzugeben?
Spellerberg: Ich halte das für sehr sinnvoll. Nur drei Prozent der Eigentümer sind jährlich in den letzten Jahren umgezogen. Das ist wenig, aber die Häuser sind groß. Babyboomer wohnen im Schnitt auf 100 Quadratmetern und mehr. Wohnungen und Häuser zu teilen, halte ich für den viel besseren Ansatz, als zu sagen: Die Älteren müssen nun die Häuser räumen.
SWR1: Und so kann ohne Neubau auch relativ einfach Wohnraum geschaffen werden?
Spellerberg: Ganz genau. Es ist immer noch die Frage, wo diese Häuser stehen. Ist dort Leerstand oder ist dort auch eine Nachfrage? Aber zurzeit ziehen die Älteren eher in die suburbanen und ländlichen Räume, nicht in die Städte. Wenn man es mit Förderinstrumenten für Einliegerwohnungen und Wohnungstrennungen mit vernünftigem Schallschutz schafft, privaten Eingängen, Menschen zu motivieren [...], halte ich das für realistischer, als zu sagen: "Zieht doch bitte aus."