Seine Behandlung und Therapie soll auch Auswirkungen auf öffentliche Auftritte von Thomas Gottschalk gehabt haben. "Desorientiert" habe er gewirkt, wird im Netz geschrieben. Welche Auswirkungen die Diagnose und Behandlung bei Krebspatienten haben kann, das weiß Professor Dr. Thomas Seufferlein von der Universitätsklinik in Ulm.
SWR1: Können Krebsmedikamente denn im Prinzip so eine Nebenwirkung haben, dass jemand irgendwie desorientiert wirkt?
Prof. Dr. Thomas Seufferlein: Na, Sie müssen sich vorstellen, dass es zunächst einmal schon die Diagnose selbst ist, die das Leben komplett verändert. Wenn Sie einen bösartigen Tumor diagnostiziert bekommen, operiert werden und dann auch noch eine Strahlentherapie erhalten, macht das natürlich etwas mit Ihnen. Sie denken über viele Dinge nach. Vieles, was früher wichtig war und im Fokus stand, verschiebt sich, weil andere Dinge wichtiger werden.
Krebserkrankung – Die Diagnose "Krebs" verändert das ganze Leben
Dazu kommen durch die Behandlungen Nebenwirkungen. Das müssen nicht einmal Medikamente sein, sondern es können auch die Behandlungen selbst sein, die Nachwirkungen haben. Sie merken zum Beispiel ständig, dass etwas gemacht wurde: sei es eine Narbe nach der Operation, sei es ein trockener Mund oder etwas anderes, das Ihnen auffällt und Sie sonst nicht wahrgenommen hätten. Das ruft einfach ins Bewusstsein, dass etwas anders ist als früher.
Das allein setzt schon einen ganzen Gedankengang in Bewegung, sodass das Leben völlig anders ist als vorher. Es gibt tatsächlich ein "Vorher" und ein "Nachher". Das macht einfach etwas mit einem als Mensch. Dazu kommt, dass eine Tumorerkrankung selbst viele Auswirkungen haben kann, wie zum Beispiel Müdigkeit. Der Fachausdruck wäre hier Fatigue. Das ist eine tiefe Erschöpfung, die teilweise durch Medikamente noch verstärkt wird.
Bei einer Krebserkrankung gibt es ein "Vorher" und ein "Nachher"
Man merkt dann diese lähmende Müdigkeit, die da ist. Man reagiert langsamer und weniger gut auf Anforderungen von außen. Es geht einfach nicht mehr so schnell, man ist nicht mehr so schlagfertig und merkt selbst, dass man langsamer wird. Und das ist unglaublich schwer zu akzeptieren.
Brustkrebs Awareness Monat Oktober Nach der Brustkrebs-Therapie: "Das Leben, was kommt [...], ist soviel wichtiger geworden!"
Im Oktober rückt das Thema Brustkrebs in den Fokus. Viele Aktionen machen auf die Krankheit aufmerksam. Wir begleiten Sabine Schwiemann nach ihrer Brustkrebs-Therapie.
SWR1: Die Forschung hat ja viele neue Behandlungsmethoden bei Krebs hervorgebracht. Oft ist Krebs gar kein Todesurteil mehr, oder?
Seufferlein: Gott sei Dank, muss man sagen. Wir erleben gerade eine Revolution in der Onkologie, mit vielen neuen, sehr gezielten Medikamenten, die glücklicherweise wenige Nebenwirkungen haben und gleichzeitig sehr wirksam sind.
Wir erleben gerade eine Revolution in der Onkologie!
Die personalisierte Therapie wird langsam Wirklichkeit – und zwar im gesamten Bereich der Onkologie, auch bei bisher schwer behandelbaren Erkrankungen. Wir haben heute tatsächlich Patientinnen und Patienten, für die eine bestimmte Diagnose vor einigen Jahren noch eine sehr kurze Lebenserwartung bedeutete, die jetzt sehr lange überleben oder sogar geheilt sind.
"40% der Tumorerkrankungen könnten [...] verhindert werden"
SWR1: Krebs ist mittlerweile zu einer Volkskrankheit geworden. Stimmt die These, dass es gar nicht mehr die Frage ist, ob man Krebs bekommt, sondern nur, wann?
Seufferlein: Nicht ganz, weil wir unheimlich viel tun könnten – wenn wir es tun würden. Prävention ist, glaube ich, das, worüber wir uns am meisten Gedanken machen sollten. Bis zu 40 Prozent aller Tumorerkrankungen könnten durch das Wahrnehmen von bereits vorhandenen Vorsorgemaßnahmen verhindert werden.
Ich denke da an die Darmkrebsvorsorge, die Brustkrebsvorsorge oder jetzt auch an die Prostatakrebsvorsorge. Es wird auch ein neues Programm zur Lungenkrebsvorsorge geben. Wenn wir diese Maßnahmen konsequent befolgen und zusätzlich unser Leben anpassen – also Primärprävention betreiben, uns bewegen, keinen Alkohol trinken und uns gesund, das heißt mediterran, ernähren – könnten wir wahnsinnig viel erreichen.
Wir könnten tatsächlich verhindern, Krebs zu bekommen, oder ihn im frühen Stadium erkennen. Früherkennung bedeutet, dass viele Krebserkrankungen heilbar werden – und zwar oft ohne lange medikamentöse Therapie.