"Hau ab hier. Fahr auf dem Radweg." Durchs geöffnete Autofenster bekam Stefan Weinert eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit ziemlich deutlich gemacht, dass er auf der Straße nichts zu suchen habe. "An der Stelle gibt es keinen Radweg und ich habe das gleiche Recht wie alle anderen, die Straße zu nutzen", sagt Stefan Weinert.
Es gibt Leute, die meinen, Radfahrer seien ein Verkehrshindernis
Ein anderes Mal streckte ihm eine Autofahrerin die Zunge raus, als er gerade eine Vollbremsung hinlegte, weil die Frau ihm die Vorfahrt nahm. "Leider gibt es immer noch Leute, die meinen, Radfahrer seien ein Verkehrshindernis, oder sie übersehen uns einfach."
Seit fast 25 Jahren pendelt Weinert mit dem Rad fast jeden Tag die sechs Kilometer bis zu seiner Arbeitsstelle in Trier. In dieser Zeit habe sich aber auch viel getan. "Der Umgang ist schon etwas respektvoller geworden."
Auseinandersetzungen auf der Straße
Autofahrer gegen Radfahrer: Wer das Internet nach Artikeln oder Dokus zu dem Thema durchsucht, bekommt den Eindruck, dass hier ein Kampf um die Vorherrschaft auf der Straße ausgefochten wird.
Die allermeisten Autofahrer sind auch gleichzeitig Radfahrer
Verkehrspsychologin Anja Katharina Huemer hält von der Zuspitzung wenig. "Sehr viele Autofahrer sind auch gleichzeitig Radfahrer und umgekehrt", sagt die Psychologin. Mal agiere man aus der Rolle des Autofahrers ein anderes Mal aus Sicht des Radfahrers. In Situationen in denen es dann laut wird, sehe man sich als die Person, die alles richtig mache.
Wut und Beleidigungen Interview mit Verkehrspsychologin: Deshalb geraten Autofahrer und Radler aneinander
Verkehrspsychologin Anja Katharina Huemer erklärt im SWR-Interview, ob es einen "Krieg" zwischen Rad- und Autofahrern gibt. Und was zu tun ist, damit beide sicher ans Ziel kommen.
"Man verzeiht sich selbst mehr als dem anderen. Der ist dann der Rücksichtslose und Aggressive. Und das übertragen wir automatisch auf alle anderen. Also auf alle Radfahrer oder umgekehrt alle Autofahrer." Was fehle, sei die Information, warum der andere heute Morgen so gereizt ist. Jeder kenne nur seine eigene Situation und entschuldige sein eigenes Fehlverhalten.
Es brodelt in der Social-Media-Welt
Der Streit auf der Straße wird in der Social-Media-Welt noch viel schlimmer weitergeführt, findet der Trierer Radfahrer Stefan Weinert, der selber auch Autofahrer ist: "Wenn in Trier ein Teil einer Straße in einen Radweg umgewandelt wird, dann brodelt es in den sozialen Netzwerken. Das wird von vielen nicht akzeptiert. Mag daran liegen, dass die Straßenplanung jahrzehntelang vor allem auf Autos ausgerichtet war."
Letztlich gehe es um eine Prioritätensetzung der Städte und Gemeinden, sagt Verkehrspsychologin Anja Katharina Huemer: "Wollen Städte das Autofahrer so unbehelligt und nah wie möglich Innenstädte erreichen oder geht es auch darum Radfahrern auf ihren Wegen in die City mehr Schutz zu bieten?"
Fortschritte in den letzten 20 Jahren
Der Autoverkehr nehme viel Platz in Anspruch. Beim Fahren wie beim Parken. Sollen Radfahrer gut geschützt in Städten von A nach B kommen, bräuchten sie an einigen Stellen auch mehr Platz. "Das kann dann ein Teil der Straße sein. Oder eine Parkreihe, die wegfällt."
Der Trierer Radpendler Stefan Weinert beobachtete in Trier in den letzten 20 Jahren viele Fortschritte beim Miteinander auf der Straße. Auch wenn sich schon einiges verbessert habe, das Trierer Radwegenetz lasse noch viele Wünsche offen.
SWR-Reporter macht den Selbst-Test Fünf gefährliche Stellen: Wo Fahrradfahren in Trier riskant wird
In Trier stoßen Radfahrer immer wieder auf gefährliche oder unübersichtliche Stellen. SWR-Reporter Martin Schmitt hat sich besonders kritische Punkte angeschaut - im Selbst-Test.
Von manchen Radfahrern wünscht er sich aber mehr Regeltreue. "Ich ärgere mich maßlos über Radler, die rote Ampeln missachten, auf Gehwegen fahren, weil es schneller geht, oder abends ohne Licht unterwegs sind. Das ist gefährlich und schürt Vorurteile gegenüber Radlern. Da sollte man beim Radfahren mehr drauf achten."