Ein 17-jähriges Mädchen wird vermisst - vor fünf Tagen ist sie von ihrem Wohnort in Rheinhessen verschwunden, jetzt hat die Polizei eine Suchmeldung mit Foto veröffentlicht. Sie hofft, dass sich Menschen melden, die das Mädchen gesehen haben.
Nur wenige Vermisste bleiben länger verschwunden
Vermisstenmeldungen wie diese gehen beim Polizeipräsidium Mainz ständig ein - gerade jetzt in der warmen Jahreszeit suchen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte jede Nacht im Schnitt nach fünf verschwundenen Kindern und Jugendlichen.
Die meisten kommen nach wenigen Stunden von allein zurück, in seltenen Fällen bleiben sie aber auch tagelang verschwunden, sagt Kriminalhauptkommissar Dominic Gillot. Er leitet das Kommissariat 11 im Polizeipräsidium Mainz, zu dem auch die Suche nach Vermissten gehört.
Warum Kinder und Jugendliche verschwinden
Die Schicksale, die hinter diesen Vermisstenfällen stehen, sind sehr unterschiedlich. Häufig sind es Teenager, die aus ihren ursprünglichen Familien herausgenommen werden mussten, weil die Eltern sich nicht richtig um sie gekümmert haben, erzählt Gillot. Sie werden in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht und reißen dann von dort aus, manchmal mehrere Nächte hintereinander. Manche wollen nach Hause zurück, andere wollen einfach rebellieren und sich nichts vorschreiben lassen.
Rebellion gegen die Eltern ist auch häufig der Grund bei den Jugendlichen, die von zuhause weglaufen. Einige befinden sich aber auch in Ausnahmesituationen, etwa, weil sie einen Schicksalsschlag erlitten haben oder an Erkrankungen wie Depressionen leiden.
Wie die Polizei Mainz nach vermissten Jugendlichen sucht
Für die Polizei ist es am schwierigsten abzuwägen, ob die vermissten Jugendlichen wirklich in Gefahr sind. Sind sie einfach nur aufmüpfig und wollen selbst entscheiden, wann sie abends nach Hause kommen? Oder steckt eine echte Notlage dahinter, könnte es beispielsweise sein, dass jemand über Suizid nachdenkt?
Je nachdem, wie diese Abwägung ausgeht, laufen dann die verschiedenen Stufen der Suche an: Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte klappern Orte ab, an denen die Vermissten sich aufhalten könnten, befragen Freunde und Bekannte und versuchen, die Vermissten per Telefon zu erreichen. Manchmal gelingt es, über Messengerdienste Kontakt mit den verschwundenen Jugendlichen aufzunehmen, manchmal kommt keine Reaktion.
Öffentliche Fahndung nur nach sorgfältiger Abwägung
Richtig kritisch wird es, wenn man ernsthaft befürchten muss, dass die Betroffenen sich etwas antun könnten, oder dass sie in die Drogenszene oder ins Rotlichtmilieu abrutschen könnten. "Wenn solche Hinweise bestehen, dann läuten bei uns sämtliche Alarmglocken", erklärt Gillot.
Ob wir wirklich ein Foto der Vermissten veröffentlichen, prüfen wir sehr genau. Denn wenn das einmal im Netz ist, bleibt es da.
Und dann wird die Suche weiter ausgedehnt bis hin zur öffentlichen Fahndung mit einem Foto. Das müsse man aber sehr genau abwägen. Denn wenn das Foto einmal im Netz ist, wüssten auch alle Freunde, Schulkameraden und Lehrer Bescheid. "Das ist schon ein schwerer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Jugendlichen", sagt Gillot.
Suche mit Hubschraubern und Hundestaffeln
Wenn alles nicht zum gewünschten Erfolg führt und eine echte Gefahr besteht, suchen die Beamtinnen und Beamten in Extremfällen sogar mit Hubschraubern oder Hundestaffeln nach den Vermissten.
Natürlich bindet das unheimlich viel Personal. Aber dafür sind wir da.
Über das ganze Jahr gesehen laufen in Mainz und Rheinhessen rund 800 bis 900 Vermisstenmeldungen von Kindern und Jugendlichen auf, sagt Gillot. Gerade in den Sommermonaten häufen sie sich - auch nachts. Das bedeutet für die Polizei, dass sie jede Nacht etliche Beamtinnen und Beamte für die aufwendige Suche abstellen muss. Aber das sei nun einmal ihre Aufgabe, sagt Gillot.
Längerfristig Vermisste in Mainz und Rheinhessen
Selten kommt es vor, dass Jugendliche wirklich länger als 14 Tage verschwunden bleiben. Aktuell hat das Polizeipräsidium Mainz zehn auf der Liste der längerfristig Vermissten. Dabei handelt es sich laut Gillot aber durchgehend um unbegleitete minderjährige Asylsuchende, die nur auf der "Durchreise" sind und hier nur kurz aufgegriffen werden.
Wenn Vermisstenfälle tragisch enden
Dass hinter den Vermisstenfällen ein Verbrechen steckt, passiert in Mainz zum Glück so gut wie nie. Aber dass man jemanden nur noch tot findet, der seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat, das kann auch hier vorkommen.
Umso schöner ist es, wenn die Fälle gut ausgehen, sagt Gillot: Jedesmal, wenn ein junger Mensch gefunden wird und zu seinen verzweifelten Angehörigen zurückgebracht werden kann, ist ein Erfolgserlebnis. "Dann macht die Arbeit richtig Spaß und dann weiß man: Man muss weiter immer alles versuchen."