Allgemeinmediziner Wolfgang Knüll

Nahtoderfahrungen: Was aus medizinischer Sicht dahinter steckt

Was passiert mit uns, wenn das Herz aufhört zu schlagen? Sind Nahtoderfahrungen bloß Illusionen eines sterbenden Gehirns, oder öffnet sich das Tor zu einer erweiterten Realität?

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Stand

Eine Erfahrung als junger Assistenzarzt hat die weitere Laufbahn Wolfgang Knülls verändert. Vor über 45 Jahren musste er um einen Patienten kämpfen – fast eine Stunde lang hat er ihn reanimiert. Am Ende die große Erleichterung bei allen: Er hat überlebt. Allerdings war ausgerechnet der Patient unglücklich. Er sprach von einem schönen Licht, einer schönen Musik. Das kollidierte mit allem, was Wolfgang Knüll im Medizinstudium gelernt hatte. Seit diesem Zeitpunkt hatte er einen Zweifel und seine Neugier war geweckt.

Was ist eine Nahtoderfahrung?

Sogenannte "Nahtoderfahrungen" sind intensive Erlebnisse. Sie können nicht nur im Falle eines klinischen Todes auftreten. Auch bei Meditationen, Depressionen oder kurz vor einem Unfall ist es möglich, eine Nahtoderfahrung zu haben. Menschen, die diese Erfahrungen gemacht haben, sprechen hinterher von Licht, von einem Tunnel, davon, dass sie die Situation von oberhalb – also außerhalb ihres Körpers – beobachtet haben. Für Viele ist es ein wunderschönes Erlebnis. Den Begriff "Nahtoderfahrung" sieht Knöll allerdings kritisch.

Ich schlage vor, dass man den Begriff "fundamentale spirituelle Erfahrung" nimmt, denn der erfasst die Tiefe und Weite dieser Erfahrung, die Fundamentalität und erfasst auch die geistige Dimension.

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Wie lange dauern Nahtoderfahrungen?

Die Spanne ist groß. Knöll berichtet von einem Patienten mit extremen Herzrhythmusstörungen, der in einer neunsekündigen Pause des Herzschlags eine Nahtoderfahrung hatte. Auf der anderen Seite stehen Fälle von 20 Minuten und mehr, etwa bei komplexen Herzoperationen.

Ein von Knöll geschildertes Beispiel aus einem OP-Saal: Ein Patient konnte nach einer langen Phase ohne eigene Herzaktivität, nachdem alle Geräte abgestellt worden waren, doch noch gerettet werden. Später beschrieb er dem Chirurgen präzise den Operationssaal, die Position der Beteiligten, das Gespräch der Ärzte in der Tür – und sogar Telefonnummern auf einem Monitor, die erst nach Beginn der Operation dort angebracht worden waren. Für Knöll ist das eine typische "fundamentale spirituelle Erfahrung", die zeigt: Während der körperliche Organismus als tot gilt, scheint das Bewusstsein in einer anderen Form weiter zu bestehen.

Sind Nahtoderfahrungen wissenschaftlich bewiesen?

SWR1 Hörer Kurt meldet sich während der Sendung und fragt, ob das Thema nicht unwissenschaftlich sei. Wolfgang Knöll sagt dazu:

Die Diskussion kann nur unwissenschaftlich sein, in dem Sinne, dass wir den naturwissenschaftlichen Beweis nicht erbringen können. Wir haben Nachweise, wir haben Indizien. Aber es sind so viele, dass das abzuweisen, das halte ich dann auch für nicht erlaubt und würde dann sagen, das ist auch unwissenschaftlich.

Sind Nahtoderfahrungen immer schön?

Nahtoderfahrungen sind nicht immer schön. Bekannt sind zwar die Berichte von Tunnel, Licht, Geborgenheit, Liebe. Menschen machen aber auch negative Erfahrungen. Wer das Gesamtbild verstehen will, muss diese einbeziehen, sagt Knöll.

Seine Auswertung zeigt: Negative Erfahrungen stehen im Zusammenhang mit dem gelebten Leben. Ein Nahtoderfahrener formulierte es für ihn prägnant: "Jeder macht sich durch sein Leben seinen Himmel und seine Hölle selbst."

Wie verändert sich das Leben nach einer Nahtoderfahrung?

Jemand, der das erlebt hat, ist hinterher nicht mehr derselbe. Es gibt ein Leben vor der Nahtoderfahrung, es gibt ein Leben nach der Nahtoderfahrung.

Mediziner Wolfgang Knöll konnte einige Veränderungen bei Menschen mit Nahtoderfahrungen ausmachen. Diese Menschen hätten eine Liebe wahrgenommen, die wir uns nicht vorstellen können. Danach stelle sich nur die Frage: Hast du in deinem Leben liebevoll gehandelt oder hast du lieblos gehandelt? Viele würden hinterher ihr Leben komplett ändern – weil sie wüssten, dass Erfolg, Reichtum, Wohlstand keine Rolle spielen. Auch die Scheidungsrate gehe nach oben.

Manche hätten hinterher absolut keine Angst mehr – nicht vor dem Tod und auch nicht vor dem Leben, weil sie wissen, dass sie Vertrauen haben können in das, was geschieht. Außerdem seien hinterher viele Menschen tief religiös.

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