Publizistin Birgit Kelle

Leihmutterschaft verboten: Warum bleibt Deutschland strikt?

Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten – deshalb erfüllen sich manche Paare den Kinderwunsch im Ausland. Was regelt das Gesetz und was bedeutet es für Frauen und Kinder?

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Leihmutterschaft: ein Thema, das niemanden kalt lässt

Leihmutterschaft bewegt viele Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch – und sorgt zugleich für heftige ethische und politische Debatten. Während die Leihmutterschaft nach dem Embryonenschutzgesetz hierzulande verboten ist, boomt ein globaler Markt von Agenturen, Kliniken und Rechtsanwälten. Die Publizistin Birgit Kelle, vierfache Mutter und langjährige CDU-Politikerin, kritisiert im Gespräch mit SWR1 Leute Leihmutterschaft scharf und fordert: Deutschland soll beim Verbot bleiben – und prominente Gesetzgeber sollen sich an die eigenen Regeln halten.

Jens Spahn und Hendrik Streeck: Vertrauensverlust bei prominenten Fällen

Besonders kontrovers wurde die Diskussion um Leihmutterschaft in Deutschland durch zwei prominente Fälle Mitte 2026: CDU-Politiker Jens Spahn machte öffentlich, dass er mit seinem Mann in den USA mithilfe einer Leihmutter Vater geworden ist. Zuvor hatte schon der Virologe und damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Hendrik Streeck den gleichen Weg gewählt.

Wichtig in diesem Zusammenhang: Leihmutterschaft ist in Deutschland zwar verboten. Aber wenn deutsche Staatsbürger:innen sich einer Leihmutter im Ausland bedienen, ist das nicht ausdrücklich strafbar.

Doppelmoral bei Jens Spahn?

Birgit Kelles Kritik an Jens Spahn hat zwei Ebenen. Zum einen: Wenn ausgerechnet jene, die Gesetze machen, ins Ausland ausweichen, um die in Deutschland verbotene Leihmutterschaft zu nutzen, sei das eine "Doppelmoral".

Ich mach' zwar hier Gesetze im Bundestag und ihr sollt euch alle daran halten. Aber ich habe genug Geld, um im Ausland das zu tun, was ich euch verbiete.

Vertrauensverlust durch mangelnde Kommunikation?

Zweite Ebene von Birgit Kelles Kritik: die fehlende Offenheit gegenüber der eigenen Partei. Kelle bezieht sich dabei auf einen CDU-Parteitag, bei dem die Frauenunion das Nein zur Leihmutterschaft bekräftigt hatte. Nach Kelles Darstellung wussten Spahn und Streeck zu diesem Zeitpunkt bereits, dass Frauen in den USA für sie schwanger waren – sagten ihrer Partei aber nichts. Für Kelle folgt daraus ein politischer Vertrauensverlust:

Wenn nicht einmal die, die die Gesetze machen, sich an diese Gesetze halten: Mit welcher Legitimation kann ich noch verlangen, dass die Bürger dieses Landes sich an die Gesetze des Landes halten?

Die Konsequenz, so die Forderung von Birgit Kelle: Spahn und Streeck sollten ihr Mandat zurückgeben und sich entscheiden: Entweder persönliche Lebenspläne, die mit den Gesetzen kollidieren – oder das politische Amt.

Kinderwunsch und Grenzen: Gibt es ein Recht auf ein Kind?

Viele Paare erleben einen unerfüllten Kinderwunsch als schmerzhaft. Das kann laut Kelle jede und jeden treffen – unabhängig von Geschlecht oder Lebensform. Dennoch warnt sie davor, daraus ein einklagbares "Recht auf ein Kind" zu machen.

Niemand hat ein Recht auf ein Kind. Wer sollte mir dieses Recht gewährleisten? Hätten wir dieses Recht, müsste ja der deutsche Staat dafür sorgen, dass ich gefälligst ein Kind habe. Das ist ja absurd.

Juristisch ist klar: Es gibt in Deutschland kein Recht auf ein eigenes Kind. Umgekehrt haben Kinder aber Rechte, betont Kelle. Die UN-Kinderrechtskonvention beispielsweise gebe Kindern das Recht, ihre Eltern zu kennen und möglichst bei ihnen aufzuwachsen. Birgit Kelle macht in SWR1 Leute klar, dass für sie persönlich genau dieser Perspektivwechsel im Zentrum steht:

Dürfen wir alle ethischen Grenzen überschreiten, nur weil ein Erwachsener das sagt? Da sage ich nein, weil mir da die Perspektive des Kindes fehlt – nämlich die Frage, welche Rechte hat eigentlich dieses Kind, über dessen Kopf hinweg wir hier diskutieren?

Kinderrechte vs. Wünsche der Erwachsenen

Für Birgit Kelle ist der Kern der Debatte um Leihmutterschaft nicht der Kinderwunsch von Erwachsenen, sondern die Rechte des Kindes:

  • Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft
  • Recht auf Umgang mit den biologischen Eltern
  • Recht, nicht wie Objekte von Einem zum Anderen gereicht zu werden

Kelle verweist auf Erfahrungen von Menschen, die durch anonyme Samenspenden oder als Leihmutterschaftskinder entstanden sind. Viele würden später von einer starken Sehnsucht berichten, wissen zu wollen, wer ihre richtigen [biologischen, Anm. d. Red.] Eltern sind.

Selbst wenn die Familie, in der sie aufwachsen, liebevoll ist, bleibe die Frage "Wo komme ich her?" für viele Kinder zentral – spätestens in der Pubertät. Würde das verheimlicht, so Kelle, beschrieben Betroffene oft ein diffuses Gefühl, dass "etwas nicht stimmt".

Leihmutterschaft: Kosten, Agenturen und globale Ausbeutung

Leihmutterschaft ist ein lukratives Geschäft. Die Gesamtkosten liegen – je nach Land – zwischen rund 40.000 und deutlich über 160.000 Euro. Nur ein kleiner Teil des Geldes landet bei der Frau, die das Kind austrägt, sagt Kelle: In der Ukraine erhalte die Leihmutter oft weniger als 10.000 Euro, in den USA könnten es bis zu 40.000 Euro sein.

Kelle spricht von einem "Milliardenmarkt", mit Gewinnspannen von bis zu 70.000 Euro pro Kind. Birgit Kelle formuliert in SWR1 Leute ihre Kritik an dieser Praxis sehr deutlich:

Wir degradieren Kinder zu Objekten und Mütter einfach zu einem Brutkasten, als sei das OK, dass ich eine Frau einfach nur benutze […] Die Amerikaner haben [dafür sogar] den Begriff 'Rent a womb', also 'Miete einen Bauch'.

Sind Adoption, Pflegefamilie oder Co-Elternschaft die bessere Lösung?

Wer keine eigenen Kinder bekommen kann, habe in Deutschland andere Möglichkeiten, mit Kindern zu leben, sagt Birgit Kelle. Diese Lösungen finde sie persönlich besser als eine Leihmutterschaft.

Adoption

Das Ziel der Adoption sei, für das Kind die bestmöglichen Eltern zu finden. Geld dürfe nicht fließen; das sei ausdrücklich verboten, um Menschenhandel auszuschließen.

Adoption löst das Problem einer tragischen Situation. Ein Kind, das zur Adoption frei steht, kommt aus einer gebrochenen Familiensituation, aus einem tragischen Schicksal.

Pflegeelternschaft

Kinder, die vorübergehend oder dauerhaft nicht bei ihren leiblichen Eltern leben könnten, würden bei Pflegefamilien untergebracht.

Co-Elternschaft

Menschen könnten Kinder auch gemeinsam mit Freunden, Partnerinnen oder Partnern großziehen, ohne dass eine klassische Paarbeziehung bestehe.

Eine Freundin sagte den schönen Satz zu mir: 'Die Welt braucht auch Tanten. Ich bin jetzt Tante für sehr viele Patenkinder, für Neffen und Nichten.' … [Andere] haben sich sozusagen Dinge gesucht, wo sie für Kinder da sein können, um diesen unerfüllten Kinderwunsch sozusagen woanders hin zu kanalisieren.

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