Mir hat tatsächlich auch ein Therapeut gesagt: 'Vielleicht war die Scham wirklich das erste Gefühl, was du je gespürt berührt hast, weil sich eventuell die Mama schon geschämt hat, während sie schwanger war'.
Miriam Yung Min Stein wurde in Südkorea geboren. In SWR1 Leute erzählt sie, dass sie als Neugeborenes ausgesetzt und später von einer deutschen Familie adoptiert wurde. In ihren Texten setzt sie sich mit genau diesen Themen auseinander: Fragen von Herkunft, Identität und Zugehörigkeit. Und auch das Gefühl der Scham über ihre eigene Herkunfts-Geschichte spielt eine Rolle.
Das Gefühl, was mich mein Leben lang begleitet hat, ist, dass irgendwas mit mir nicht stimmt, dass irgendwas ganz tief in mir falsch ist – weil: Man hat mich ausgesetzt. Ich hab jetzt gedacht, jetzt bin ich fast 50, jetzt kann ich dieses Gefühl eigentlich mal aussortieren.
Herkunftsscham: Wenn man glaubt, nicht dazuzugehören
Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Und: Was macht das mit mir? Miriam Yung Min Steins aktuelles Buch "Die unverschämte Frau" soll zeigen, wie mächtig Scham auf unser Leben wirkt. Der Psychoanalytiker Leon Wurmser spricht von "Urscham", die einem schon "in die Wiege gelegt" wurde.
Ob es diese Urscham tatsächlich gibt, lässt Stein in SWR1 Leute offen. Kleine Kinder könnten Scham als abstraktes Gefühl noch gar nicht benennen. Sicher aber ist sie sich, dass ihre frühe Erfahrung, "nicht gewollt" und "sichtbar anders" zu sein, sie geprägt hat.
Scham kann aus unterschiedlichen Gründen entstehen
Herkunftsscham kann auch in Familien entstehen, etwa bei Kindern sehr junger Eltern ("wegen dir mussten wir heiraten") oder sogenannten "Nachkömmlingen". Ebenso schämen sich Menschen aus armen Familien – Scham entsteht überall dort, wo Menschen das Gefühl haben: "Ich gehöre nicht dazu."
Wenn es sowas wie eine Grundscham gibt, wie Sie sagen, gibt es dann auch einen Grundstolz?
Miriam Yun Min Stein beantwortet diese Frage am Beispiel ihres Sohns. Er sei stolz auf seine asiatischen Wurzeln – ein Gefühl, das sie inspirierend findet. Eine Grundhaltung, dass man "einfach froh ist, so zu sein, wie man ist".
Psychologie Scham – Wann sie hemmt und wann sie hilft
Wir schämen uns für unseren Körper, unsere Herkunft, dafür, nicht so zu sein, wie wir sein wollen oder uns andere haben wollen. Die Scham schützt aber auch unsere Privat- und Intimsphäre.
Körperscham und Arztbesuch: Wenn Peinlichkeit krank macht
Scham hat viele Gesichter. Ein wichtiger Bereich ist der eigene Körper – für Frauen noch stärker als für Männer. Die Forschung zeigt: Alle Menschen schämen sich, aber die Gründe unterscheiden sich je nach Geschlecht.
Bei Männern hängt Scham oft am Status und der Ehre – etwa Haus und Auto. Bei Frauen – historisch betrachtet – an Keuschheit und heute vor allem am Aussehen: Gewicht, Falten, graue Haare. Alles, was Frauen als vermeintlicher "Makel" vermittelt wird.
Scham beginnt aber auch schon viel früher: Menschen schämen sich für Schuppen oder Körpergeruch. Diese Angst, unangenehm aufzufallen, diese Körperscham, kann dann zum Gesundheitsproblem werden. Etwa, wenn sich Menschen aus Scham nicht trauen, zum Arzt zu gehen oder Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.
Das wird dann natürlich ein großes, auch ein volkswirtschaftliches Thema: Wir wissen ja alle, dass Vorsorge so wichtig ist im Gesundheitssystem.
Gesellschaft Nackt sein – Zwischen Freizügigkeit und Schamgefühl
Oben ohne im Schwimmbad, nackt in der Familie, bedeckt in der Sauna: Womit wir uns wohlfühlen, hängt von Erziehung, Alter, Geschlecht, Kultur und von persönlichen Vorlieben ab.
Scham als gesellschaftlicher Kitt
Was passiert im Körper, wenn wir uns schämen? Im Gehirn läuft eine Stressreaktion ab: Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet, das vegetative Nervensystem spielt mit. Hände werden schwitzig, das Gesicht wird heiß und rot, der Blick senkt sich. Scham fühlt sich deshalb körperlich so bedrohlich an, dass viele Menschen "im Erdboden versinken" möchten.
Meist kommt zur Scham dann noch die "Schuld". Etwa wenn man beim Schwarzfahren erwischt wird. Man hat gegen Regeln verstoßen (Schuld) und wird sichtbar bloßgestellt (Scham).
Schuld sagt, ich habe etwas Falsches getan. Scham sagt, ich bin falsch. Ein großer Unterschied! Diese beiden Gefühle kommen aber gerne im Duo.
Genau hier liegt der gesellschaftliche Nutzen von Scham. Sie ist wie "eine eingebaute Justitia" – ein inneres Gericht – das uns davon abhält, auszuscheren und unsere Gruppe zu gefährden.
Weisser Ring kritisiert Überheblichkeit Die Scham der Opfer - warum das Umfeld so wichtig ist
Ob Betrug, Gewalt oder Missbrauch, viele Opfer gehen aus Scham nicht zur Polizei. Dabei spielt nicht selten das direkte Umfeld eine zentrale Rolle, mahnt der Weisse Ring Heilbronn.
Schamlosigkeit als gesellschaftliches und politisches Problem
Gleichzeitig erlebt Stein unsere Zeit als "schamlos". Menschen mit Verantwortung könnten öffentlich Unwahrheiten verbreiten, ohne Konsequenzen zu tragen. Auf Straßen liege Müll, der einfach liegen gelassen wird.
Die Frage, so Stein in SWR1 Leute, sei nicht mehr: "Gehört sich das?", sondern: "Was habe ich davon?" Erfolg und Profit zählten oft mehr als Anstand und Gemeinschaft. Für Stein ist das eine gefährliche Verschiebung: Wer sich für nichts mehr schämt, hebelt Kooperation und Mitgefühl aus.
Deswegen ist natürlich für mich die große Frage: Welche Scham sollte man behalten? Da kam ich auf die Anstandsscham: Dass man ein bisschen Anstand behält, dass man seinen Müll wegräumt, dass man den Raum anderer Leute respektiert. Oder eben auch in politisch bewegten Zeiten wie diesen, dass man das, was man bekommen hat, eben auch möglichst verantwortungsvoll umsetzt.
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So können wir Scham begegnen
Um sich der Scham nicht einfach zu ergeben, hat Miriam Yun Min Stein einen ganz konkreten Vorschlag: Scham sortieren wie den eigenen Kleiderschrank.
Ich guck mir einfach mein ganzes Leben an und schau mir mal die Scham-Momente an: Wie so einen Moment, wo man einen Schrank ausmistet.
Was engt ein und darf weg? Was erinnert an schmerzhafte, falsche Normen – etwa, dass Frauen nur schön sind, wenn sie möglichst wenig essen, jung aussehen oder keinen Bauch haben? Und welche Scham schützt Würde und Zusammenleben – etwa die, andere nicht zu demütigen?
Miriam Yun Min Stein fasst diesen "Kleiderschrank ausmisten"-Vorschlag in vier ganz konkreten Schritten zusammen:
- Körperscham hinterfragen: Älter werden, graue Haare, Falten oder Appetit sind keine moralischen Fehler. Niemand sollte sich dafür schämen.
- Gesundheit vor Peinlichkeit stellen: Vorsorgeuntersuchungen sind wichtig. Scham entscheidet nicht darüber, ob ein Termin wahrgenommen wird.
- Andere nicht beschämen: Kommentare über Essverhalten, Körperformen oder Herkunft sind selten hilfreich.
- Anstandsscham bewahren: Wer andere bewusst täuscht oder Menschen öffentlich bloßstellt, zeigt aus Steins Sicht ein unwürdiges Verhalten.
Ganz ohne Scham geht es nicht
Miriam Yung Min Steins Fazit: Ganz ohne Scham geht es nicht, aber falsche Scham lässt sich aussortieren. Zentral ist, zu unterscheiden, wann Scham unsere Würde schützt – und wann sie uns klein macht.
Der Psychoanalytiker Leon Wurmser hat eigentlich eine sehr, wie ich finde, poetische Definition der Scham mitgeliefert: 'Die Scham ist die Wächterin der Würde'. Und das hat die Scham mit dem Grundgesetz gemeinsam: Die Würde des Menschen ist unantastbar.