Präventionsexpertin und Kriminalhauptkommissarin Carolin Blum vom Polizeipräsidium Koblenz erklärt, wie Betrüger vorgehen und wie man sich im Ernstfall verhalten sollte.
So setzen Betrüger ihre Opfer bei Schockanrufen unter Druck
SWR1: Ein Schockanruf kann jede Person treffen. Wieso schaffen die Betrüger das?
Carolin Blum: [...] Weil die Täter unfassbar geschickt vorgehen, unfassbar gut manipulieren. Man muss sich das bildlich vorstellen: Wir werden zu einer Marionette. Wir funktionieren nicht mehr, wie wir es gewohnt wären, nämlich mit rationalem Verstand. Die setzen ihre Anker bei unseren tiefsten Emotionen, tiefsten Sorgen und Nöten, sodass wir auf einmal alles tun, was sie von uns verlangen.
SWR1: Das heißt: Sie drücken einfach unsere Knöpfe, unsere Trigger, und dann zapple ich im Netz.
Blum: Genau so ist es. Dann machen sie das so geschickt, dass wir häufig bis zum bitteren Ende, nämlich bis zur Geldabhebung und bis zur Geldübergabe in diesem Netz hängen bleiben.
SWR1: Die bauen auch Druck auf. Oft muss es ganz schnell gehen. Wichtig ist ja zu wissen, dass Staatsanwaltschaft und Polizei niemals Geld, Schmucksachen oder Werte von uns verlangen würden.
Blum: Genau, die richtige Polizei und die richtige Staatsanwaltschaft würden das niemals verlangen. Sie würden niemals bei Ihnen zu Hause anrufen und Geld oder Wertsachen von Ihnen verlangen. Dass Sie diese Dinge irgendwo deponieren vor der Haustür oder, dass Sie mit diesem Geld irgendwo an einen vereinbarten Ort kommen und dann aus dem Autofenster heraus zum Beispiel 50.000 Euro im Briefumschlag aushändigen. [...]
Gefälschte Telefonnummern: So funktioniert Call-ID-Spoofing
SWR1: Was viele heute erzählt haben: Auf dem Display der Anrufenden stand eine bekannte Nummer oder sogar die 110. Wie ist das möglich?
Blum: Täter fingieren diese Nummern über ein sogenanntes Call-ID-Spoofing. Das heißt: Es wird uns eine falsche Nummer vorgegaukelt. Wir glauben, da ruft mich gerade ein Polizist an. Faktisch steckt dahinter wahrscheinlich eine ausländische Nummer, eine Mobilfunknummer, irgendeine Nummer, die wir nicht kennen. Das kann auch die Nummer der örtlichen Bank oder des örtlichen Krankenhauses sein. Theoretisch kann uns jede Nummer vorgegaukelt werden.
Mit einem einfachen Trick Schockanrufe entlarven
SWR1: Und deshalb brauchen wir einen super gut funktionierenden Notfallkoffer.
Blum: Wir empfehlen tatsächlich, einen Aufsteller ans Telefon zu machen. Den gibt es auch auf unserer Seite polizei-beratung.de, bei jedem Polizeipräsidium und bei den Präventionsstellen. Auf diesem Aufsteller auf der Rückseite gibt es eine Zeile, in der drinsteht: "Meine Notfallkontakte." Hier sollte man jetzt nicht die Angehörigen draufschreiben, sondern zwei Namen, einen männlichen und einen weiblichen Namen, zum Beispiel "Melanie" und "Peter".
Wenn mich dann ein solcher Schockanruf mal ereilt, und ich merke vielleicht, dass man hier gerade einen Namen aus mir rauskitzeln will, sollte ich diese Karte umdrehen und sagen: "Melanie, bist du das? Ist da gerade die Melanie?" Wenn der Anrufer darauf eingeht, was er zwangsläufig tun wird, weil es für ihn das Eingangstor in diese Betrugsmasche ist, dann weiß ich sofort: Nein, das kann nicht sein, weil diese Melanie gibt es bei mir in der Familie nicht.
Warum ein Codewort vor Betrügern am Telefon schützen kann
SWR1: Deshalb ist es dann auch so gut, ein Codewort zu vereinbaren. Wenn zum Beispiel die Enkeltochter zu der Großtante sagt: "Du hast drei Leute, die dich anrufen. Wenn du unsicher bist, ob wir es sind, fragst du zurück: 'Sag mir das Codewort'."
Blum: Genau, richtig. Also es ist wirklich mit einer der besten Varianten, sich zu versichern. Man muss dann eben standhaft bleiben. Denn eins gehört auch zur Wahrheit dazu: Nicht immer legen die Täter dann auf und nehmen das so hin.
Manchmal werden sie auch ausfallend und wollen Druck ausüben, dass die Leute dann einknicken. Dann wirklich standhaft bleiben. Ohne dieses Codewort passiert hier nichts, außer dass ich irgendwann wirklich auflege.
SWR1: Machen wir es zum Schluss jetzt nochmal so wie im Flugzeug. Da gibt es auch diese Kommandos: Gurte auf, Schuhe aus, alles liegen lassen, raus. Welche Formel gibt es in diesem Fall?
Blum: Die Formel würde heißen: aufmerksam bleiben, informiert sein. Das wäre das Wichtigste. Das Zweitwichtigste: Nutzen Sie technische Möglichkeiten wie Anrufbeantworter-Mailbox. Ich gehe an keine mir nicht bekannte Nummer mehr dran. Und das Letzte: Telefonbucheintrag löschen und im Zweifel sofort auflegen.