Katharina Hübner: Großeltern haben heute eine andere Rolle
SWR1: Es gibt viele Eltern, die sagen, also unsere eigenen Eltern, so aus der Boomer-Generation, die fallen als Großeltern mehr oder weniger aus. Ist das richtig?
Katharina Hübner: Ja, es gibt so eine Tendenz, dass es weniger wird, dass die Großeltern sich einbringen. Das hat oft damit zu tun, dass Großeltern nicht mehr die Rolle innehaben, wie sie es von früher kennen.
Großeltern haben viel mehr Rollen inne, sind vielleicht noch selber berufstätig und haben vielleicht auch noch eigene Eltern, um die sie sich kümmern müssen. Und selbst wenn sie in Rente sind, sieht das Leben von Großeltern heute oftmals ein bisschen anders aus.
Nicht so wie es bei unseren Großeltern war, für die es klar war, welche Rolle sie jetzt innehaben. Sie haben eigene Hobbys, sind vielleicht noch unterwegs mit Reisen und leben das Leben, das sie früher nicht hatten.
SWR1: Mit anderen Worten, selbst bestimmt und noch sehr aktiv, oder?
Hübner: Genau. Vielleicht könnte man das auch so sehen, dass das, was Großeltern früher als Eltern hatten, dass da vielleicht ganz viel nicht gelebt wurde, was sie eigentlich gerne leben wollten und dass sie das heute nachholen.
Katharina Hübner: Engagement von Großeltern aktiviert unausgesprochenen Generationenvertrag
SWR1: Ist das aber nicht auch ein bisschen egoistisch, wenn man auf die große Familie guckt und vielleicht denkt: Oma und Opa könnten ja auch mal helfen?
Hübner: Es ist oftmals ein unausgesprochener Generationenvertrag, der da wirkt. Wenn wir als Eltern heute, damals kennengelernt haben, dass die Großeltern sich kümmern, dann kann es sein, dass wir als Eltern heute sagen, na ja, dann sollten meine Eltern das auch tun.
Das ist vielleicht etwas, was bei den Großeltern heute gar nicht anklingt. Und dann entsteht eine Diskrepanz, wenn man nicht darüber redet, sondern diesen Generationenvertrag unausgesprochen weiterlebt. […]
Katharina Hübner: Engagement der Großeltern mehr als zeitliches "Auffangen"
SWR1: Vielleicht versuchen wir es mal ein bisschen motivations- und inspirationsmäßig. Denn die wechselseitige Wirkung von Enkelkindern und Großeltern, die hat ja unfassbare viele Vorteile …
Hübner: Auf jeden Fall! Großeltern sind ja nicht nur da, um zeitlich etwas aufzufangen oder für die Betreuung da zu sein. Es ist eine große Bereicherung für Kinder, wie Großeltern ihre Rolle leben. Aber es gibt auch viel mitzunehmen an Vorbildfunktionen.
Das ist einfach noch mal etwas anderes, als wenn man einen Babysitter hat oder die Kita. Großeltern haben da einfach eine ganz spezielle Rolle für Kinder.
SWR1 … weil sie immer was Süßes haben?
Hübner: Das sind auch Dinge, die oftmals zu Konflikten führen können, was da für unterschiedliche Vorstellungen sind, wie Kinder dann von den Großeltern betreut werden. Ich glaube, da dürfen wir auch hingucken und dürfen auch sehen, was sind die guten Gründe von Großeltern dahinter, dass sie Süßigkeiten oder Medien oder Sonstiges nutzen.
SWR1: Und Großeltern wissen ja, wie wir alle wissen, alles besser!
Hübner: Finden sie?
SWR1: Wenn meine Mutter zu uns nach Hause kam, um sich um ihre Enkelkinder zu kümmern, dann war eine gewisse Lockerheit unsererseits nötig, damit man das ein bisschen überhört. Weil die Oma natürlich immer genau wusste, wann, wie man sich zu benehmen hat und was so auf den Teller kommen muss […] Da geht man schon sehr unterschiedlich ran.
Hübner: Großeltern haben eben schon mal Kinder großgezogen und denken, das oder das würde ich anders machen. Ich denke auch, da braucht es immer wieder Gespräche: Was erwartest du? Was erwarte ich? Wie stellen wir uns das hier vor? Und nicht einfach unausgesprochene Erwartungen im Raum stehen zu lassen.
Gleichzeitig tauchen ganz oft aber auch Themen auf, bei denen Eltern heute sagen, wenn ich auf meine Kindheit gucke, da ist vieles vielleicht auch einfach nicht gut gelaufen und das habe ich mir anders vorgestellt. Das ist auch so ein Konflikt, der dann wieder auftaucht.
Mit einem Enkelkind wird eine alte Eltern-Kind-Beziehung wieder aktiviert und aus der Tochter wird eben selbst Mutter oder aus dem Sohn wird selbst Vater. Und plötzlich gucke ich mir Themen an, die in der Vergangenheit liegen, die plötzlich auch noch mitwirken unter all dem, was gerade aktuell ist. Eben das, was vergangen ist und wo ich vielleicht sage, das hat mir nicht gut getan oder das möchte ich anders haben.
Katharina Hübner: Engagement der Großeltern = bedingungslose Liebe
SWR1: Vielleicht schaffen Sie es, in einem Satz zu sagen: Wenn Enkelkinder mit Großeltern zusammen sind, was können sie am meisten voneinander lernen?
Hübner: Ich glaube, bedingungslose Liebe. Das ist etwas, das Großeltern sehr gut weitergeben können, weil sie oftmals diesen ganzen "Mental-Load" drumherum nicht mehr haben und diese bedingungslose Liebe einfach an ihre Enkelkinder weitergeben können.