Wasser mit Geschmack ist zum Lifestyle geworden – und zum Milliardengeschäft. Marken wie Holy, Waterdrop, Air Up und Meßmer versprechen auf Social Media: mehr Trinken, ganz ohne Zucker, oft mit „natürlichen“ Aromen, Vitaminen oder Mineralstoffen.
Viele Produkte werden als gesunde Alternative zu Softdrinks positioniert. Die ARD Verbraucher-Redaktion geht der Frage nach, wie gesund diese Trend-Getränke wirklich sind – und wo Risiken bei Süßstoffen, Vitaminen, Koffein und Säuren liegen.
Holy, Waterdrop, Air Up und Messmer: Wie Influencer Wasser „gesund“ machen
Der Markt für Erfrischungsgetränke boomt: 2025 lag der globale Umsatz laut Branchenangaben bei rund 705 Milliarden US-Dollar, Tendenz steigend. Besonders gefragt sind zuckerfreie Alternativen – und genau hier setzen die neuen Marken an.
Waterdrop inszeniert seine Brausetabletten („Microdrinks“) mit großen Namen aus dem Tennissport, etwa Taylor Fritz, Jan-Lennard Struff und zeitweise Novak Djokovic. Air Up wirbt mit Fußballstar Toni Kroos und setzt auf Duft-Pods, die Wasser geschmacklich aufwerten sollen. Influencer zeigen auf TikTok und YouTube, wie ein Drop oder Pod „ganz nebenbei“ das Wasser aufwertet.
Moritz Lambrecht, Experte für Influencer-Marketing, ordnet das ein: „Es ist halt sehr, sehr glaubwürdig, ne? Also glaubwürdiger als eine Zusammenarbeit mit irgendwelchen Lifestyle-Promis. Weil Sportler verkörpern ja das Versprechen der Leistungsfähigkeit, der Hydration etc.“
Holy setzt auf eine andere Strategie: aggressives Influencer-Marketing mit YouTubern und Streamern. Die „Holy Squad“ – eine Community von Content-Creators – bewirbt die Pulverdrinks mit Rabattcodes an ihre Communities. Negative Bewertungen wie „Schmeckt mir nicht“ oder „Hatte danach drei Tage lang Durchfall“ werden offensiv in Slogans aufgegriffen.
Kommunikationsforscher PD Dr. Nils S. Borchers vom Institut für Medienwissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen sieht darin eine bewusste Anpassung an Internetkultur. „Hier lässt sich Holy in meinen Augen eigentlich sehr gut auf die Internetkultur ein, in der eben auch mal was ironisch gebrochen werden kann, auch negative Punkte aufgegriffen werden können.“
Auch das Tee-Traditionsunternehmen Meßmer ist mit „Cold Teas“ und TV-Promi Kai Pflaume auf Instagram beim Flavoured-Water-Hype dabei – wenn auch marketingseitig deutlich zurückhaltender.
Preis-Check: Wie teuer ist Wasser mit Geschmack pro Liter?
Hinter den Lifestyle-Versprechen stehen vergleichsweise hohe Literpreise:
- Waterdrop: je nach Sorte etwa 1,50 bis 1,70 Euro pro Liter.
- Air Up: ohne Anschaffungskosten für die Flasche 40 bis 60 Cent pro Liter – die spezielle Flasche kostet rund 35 Euro. Im Starter-Set für 39,99 Euro (Flasche plus drei Pods, insgesamt 15 Liter) liegt der Literpreis anfangs bei 2,66 Euro, erst bei längerer Nutzung sinken die Kosten.
- Holy: stark sorten- und packungsabhängig. Die günstigste Vorteilspackung mit 50 Portionen liegt bei 1,60 Euro pro Liter, Einzelportions-Packungen kommen auf fast 4 Euro pro Liter.
- Meßmer Cold Teas: je nach Sorte 45 bis 90 Cent pro Liter und damit vergleichsweise preiswert.
Zum Vergleich: Softdrinks wie Cola, Fanta oder Sprite Zero sind im Handel meist zwischen 70 Cent und über 2 Euro pro Liter erhältlich. Insgesamt liegt Wasser mit Geschmack aus Pulver, Drops oder Pods im oberen Preisbereich – vor allem zum Einstieg.
Health Claims und Holy Energy: Wie weit dürfen Marken gehen?
Viele Anbieter bewerben ihre Produkte mit Gesundheitsversprechen: mehr Wasseraufnahme, entspannte Blutgefäße, "geiler Geschmack mit gutem Gewissen" oder bessere Konzentration.
Besonders auffällig ist Air Up mit Aussagen zur Wirkung ausreichender Hydration auf Blutgefäße, Hormone und Gehirnleistung. Das Unternehmen verweist auf eine selbstfinanzierte Doppelblindstudie mit 50 Teilnehmenden. Im EU-Studienregister sind Methodik und Aufbau vermerkt, Ergebnisse aber nicht veröffentlicht; in unabhängigen Fachjournalen findet sich die Studie nicht.
Medizinrechtsanwältin Susanne Punsmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen kritisiert das deutlich. Sie sagt: "Tatsächlich finde ich es sehr merkwürdig, dass man mit einer Studie wirbt und diese noch nicht einmal veröffentlicht. Das kenne ich so nicht. Anbieter, die eine Studie haben, veröffentlichen diese im Regelfall."
Zudem gelten für gesundheitsbezogene Werbung strenge Vorgaben der EU-Health-Claims-Verordnung. Sie regelt, welche Aussagen zu Wirkung und Gesundheit bei Lebensmitteln überhaupt erlaubt sind.
Susanne Punsmann erklärt: "Soweit es sich um ein Lebensmittel handelt und gesundheitsbezogene Werbung stattfindet, richtet sich das nach der Health-Claims-Verordnung. […] Es darf nicht übertrieben werden, wie wir das beispielsweise bei ‚Dein Gehirn schärft sich‘ vorliegen haben."
Air Up hat seine Website inzwischen überarbeitet: Konkrete Aussagen wie "Das ist kein Marketinggerede, wir haben eine klinische Doppelblindstudie durchgeführt. Hier ist, was wir herausgefunden haben" wurden durch allgemeinere Formulierungen ersetzt wie "Kleine Gewohnheit, große Wirkung". Die Health Claims sind mittlerweile mit Sternchen versehen, die auf den zugelassenen Gesundheitsclaim für Wasser verweisen.
Süßstoffe in Waterdrop und Holy: Wie sicher sind die Zuckerersatzstoffe?
Damit Wasser mit Geschmack süß wird, setzen die Hersteller – ähnlich wie klassische Zero-Softdrinks – auf Süßstoffe statt Zucker. Wie viel davon unbedenklich ist, legt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) über sogenannte ADI-Werte (Acceptable Daily Intake) fest.
Ernährungsforscher Dr. med. Stefan Kabisch von der Charité Universitätsmedizin Berlin ordnet das ein: „Die ADI-Werte sind auf einem so hohen Sicherheitsniveau angesetzt, dass man gleichzeitig sehr große Getränkemengen zu sich nehmen müsste, um diesen Wert zu erreichen. Es ist unrealistisch, dass man das schafft.“
Die EFSA hat 2026 alle Süßstoffe neu bewertet und sie in den bisher angegebenen Höchstwerten für ungefährlich befunden. In dieser Spanne gelten Süßstoffe als sicher.
Trotzdem bleiben Fragen offen: Mögliche Auswirkungen auf das Darmmikrobiom, das Hormonsystem oder den Stoffwechsel konnten in Studien bislang weder eindeutig belegt noch ausgeschlossen werden.
Dr. Stefan Kabisch betont: „Insofern sind einfach ganz viele Fragen offen, um das hundertprozentig zu bewerten. Aber besser als Zucker ist es sehr wahrscheinlich.“
Für viele Konsumentinnen und Konsumenten heißt das: Süßstoffe können helfen, Zucker zu sparen – sind aber kein Freifahrtschein, um literweise stark gesüßte Trendgetränke zu konsumieren.
Gefährliche Süßungsmittel? Low-Sugar-Hype: Schaden Zuckerersatzstoffe der Gesundheit?
Viele möchten sich zuckerfrei oder zuckerreduziert ernähren. Vermarktet die Lebensmittelindustrie Produkte als "low sugar", obwohl auch sie den Blutzuckerspiegel erhöhen können?
Vitamine und Mineralstoffe: Können Holy und Waterdrop zu viel des Guten sein?
Einige Produkte werden gezielt mit „wertvollen Vitaminen“ und Mineralstoffen beworben. Besonders Holy und Waterdrop setzen auf angereicherte Drinks:
- Waterdrop: In vielen Sorten stecken unter anderem Vitamin C, Vitamin B6, Thiamin und Vitamin B12.
- Holy: Die Eistees enthalten vor allem natürliches Vitamin C aus Acerola. Reihen wie Holy Zero und die Hydration-Pulver sind mit verschiedenen Vitaminen angereichert, und insbesondere die Milchshakes enthalten recht hohe Dosen (unter anderem C, D3, B2, B3, B5, B12). Bei Milchshakes wird das Pulver mit rund 300 Milliliter Milch angerührt – und liefert damit überraschend viele Vitamine pro Portion.
Ernährungsmediziner Dr. Stefan Kabisch warnt vor dauerhaften Hochdosen.
Einerseits gibt es fettlösliche Vitamine, die in unserem Körper gespeichert werden. Wenn wir von denen langfristig zu viel zu uns nehmen, können Gesundheitsrisiken daraus resultieren. Für Vitamin A, für Vitamin E und für Vitamin D ist das sehr gut gezeigt.
Auch bei wasserlöslichen Vitaminen wie B6 und Folsäure gibt es Daten zu steigendem Krebsrisiko bei hoher, langandauernder Supplementation.
Richtig viele Vitamine zu sich zu nehmen, ist nicht automatisch ein Gesundheitsvorteil – das kann auch nach hinten losgehen.
Hinzu kommt, dass mehrere Mineralstoffe im Darm um die gleichen Transporter konkurrieren.
Für Magnesium, Kalzium, Zink und Kupfer gilt das. […] Wenn man die alle gleichzeitig einnimmt, dann behindern die sich gegenseitig, und am Ende habe ich möglicherweise trotzdem eine Mangelversorgung, obwohl ich glaube, ausreichend damit versorgt zu sein.
Auf Nachfrage der ARD Verbraucher-Redaktion verweist Waterdrop darauf, dass ihre Produkte eine Ergänzung einer ausgewogenen Ernährung sein sollen und „darüber hinausgehende gesundheitliche Versprechen“ bewusst nicht kommuniziert würden. Holy hat auf eine Anfrage zu den hohen Vitaminmengen bis Redaktionsschluss nicht geantwortet.
Energy-Drinks von Holy enthalten ähnlich viele Vitamine wie die Milchshakes sowie Stoffe wie L-Tyrosin, Grüntee-Extrakt, Cholin und 160 Milligramm Koffein und gelten rechtlich als Nahrungsergänzungsmittel. Sie müssen entsprechend gekennzeichnet und mit Warnhinweisen versehen werden - etwa zu maximalen Tagesmengen.
Die anderen Wasserzusätze mit Vitaminen und Mineralstoffen gelten dagegen nur als „angereicherte Lebensmittel“ – sie brauchen solche Hinweise nicht.
Koffein in Holy Energy und Waterdrop Turbo Boost: Risiko für Jugendliche
Neben Süßstoffen und Vitaminen spielt Koffein eine zentrale Rolle. Holy Energy und Waterdrop Turbo Boost enthalten pro 500 Milliliter rund 160 Milligramm Koffein – das entspricht etwa zwei 250-ml-Dosen Red Bull, dem Produkt des Marktführers im Bereich Energy Drinks.
Die EFSA hat für Kinder und Jugendliche eine unbedenkliche Grenze festgelegt, die bei leichten Personen - unter 53 Kilogramm - durch eine einzelne Portion bereits überschritten werden kann. Problematisch ist, dass ein halber Liter als „eine Portion“ ausgewiesen wird. Die Verbraucherzentrale warnt daher ausdrücklich vor regelmäßigem Konsum solcher High-Caffeine-Drinks.
Meßmer bietet einen Cold Tea auch mit Koffein an. Ein halber Liter kommt auf etwa 105 Milligramm Koffein – im EFSA-Rahmen für Jugendliche aber immer noch mehr als eine Dose des Produkts des bekannten Herstellers Red Bull.
Die Deutsche Herzstiftung weist darauf hin, dass zu viel Koffein Herzrhythmusstörungen, Schlaflosigkeit und Magen-Darm-Beschwerden verursachen kann. Besonders bei einem hohen Konsum von koffeinhaltigen Getränken ist Vorsicht geboten.
Zahnschmelz-Gefahr: Wie sauer sind Holy, Waterdrop und Cold Teas?
Ein wichtiger Punkt ist die Säurebelastung für die Zähne. Viele Produkte – Holy, Waterdrop, Meßmer Cold Teas – enthalten Zitronen- oder Apfelsäure als Säuerungsmittel, Konservierungsstoff und Geschmacksverstärker. Nur Air Up kommt ohne solche Zusätze aus.
Der natürliche pH-Wert im Mund liegt etwa bei 7 - neutral. Sobald der pH-Wert unter etwa 5,5 fällt, beginnt der Zahnschmelz sich zu lösen – es drohen sogenannte Erosionen.
Mit einem pH-Messgerät wurden einige Trendgetränke im korrekten Mischverhältnis überprüft:
- Meßmer Cold Tea Pflaume: etwa pH 3,7
- Waterdrop Zitrone-Limette: etwa pH 3,98
- Holy „Saurer Apfel“: etwa pH 3,19
Zum Vergleich: Klassische Softdrinks wie Cola, Fanta oder Sprite Zero liegen meist zwischen pH 2,5 und 3,1.
Parodontologin Professorin Nicole B. Arweiler zeigt sich überrascht: „Ich bin doch durchaus sehr überrascht, wie niedrig diese pH-Werte von solchen Trendgetränken sind - obwohl man davon ausgeht, es wäre nur verdünntes Wasser.“
Besonders kritisch ist, wenn diese Drinks nicht nur gelegentlich, sondern über den ganzen Tag verteilt schluckweise konsumiert werden. Dann bekommt der Speichel kaum Gelegenheit, die Säure zu neutralisieren. Die Folge können ausgeprägte Zahnerosionen sein.
Wir sehen verstärkt mittlerweile diese Säureschäden, wo wir die Zähne dann eher gelb und defekter haben. Der schützende Zahnschmelz ist weg.
„Erosionen sind eine große Herausforderung für unsere Zähne und lösen quasi bei den jungen Menschen die Karies ab“, erklärt Professorin Arweiler.
Ist der Zahnschmelz erst einmal weg, ist der Zahn quasi schutzlos. Das Risiko steigt für Temperaturempfindlichkeit, freiliegende Zahnnerven, Karies und im Extremfall Zahnverlust.
Waterdrop betont in seiner Stellungnahme gegenüber der ARD Verbraucher-Redaktion, dass Zitronen- und Apfelsäure in fast allen fruchtigen Getränken vorkommen – auch in Säften, Schorlen und vielen „Wassern mit Geschmack“. Das Erosionsrisiko hänge stark vom Konsumverhalten ab.
Meßmer verweist darauf, dass die Auswirkungen auf den Zahnschmelz individuell von der Zahnbeschaffenheit abhängen.
Air Up im Vergleich: Duft statt Zutatenliste
Eine Sonderrolle spielt Air Up: In der Nährwerttabelle steht praktisch nichts, denn im Pod-Drink befindet sich ausschließlich normales Wasser. Der Geschmack entsteht durch die von Air Up beworbene „Scent-Taste-Technologie“.
Beim Trinken wird aromatisierte Luft aus dem Duft-Pod mit angesaugt. Diese Duft-Luft steigt über den Rachen zur Nase; das Gehirn interpretiert den Geruch als Geschmack auf der Zunge. Laut Hersteller bestehen die Pods aus natürlichen Duftstoffen aus Früchten, Kräutern und Gewürzen - ohne künstliche Aromen.
Für die Zahngesundheit ist das positiv: kein Zucker, keine Säuren, kein Süßstoff im Getränk selbst – es bleibt pures Wasser. Kritisch bleibt jedoch, wie oben beschrieben, die Nutzung von Studien und Health Claims im Marketing.
Fazit: Wie oft sollte man Holy, Air Up, Waterdrop und Cold Teas trinken?
Wasser mit Geschmack kann helfen, mehr zu trinken und Zucker aus klassischen Softdrinks zu sparen. Trotzdem sind die Trendprodukte kein Freifahrtschein für Gesundheit:
- Süßstoffe sind zwar reguliert und in den üblichen Mengen wahrscheinlich sicherer als Zucker, aber Langzeiteffekte sind nicht vollständig geklärt.
- Hoch dosierte Vitamine und Mineralstoffe können bei Dauergebrauch gesundheitliche Risiken bergen – von Störungen der Nährstoffaufnahme bis zu erhöhtem Krebsrisiko.
- Hohe Koffeinmengen wie in Holy Energy oder Waterdrop Turbo Boost sind vor allem für Jugendliche problematisch.
- Starke Säurebelastung durch Zitronen- und Apfelsäure kann zu Zahnerosionen führen, wenn die Drinks häufig und über den Tag verteilt getrunken werden.
- Air Up schneidet ernährungsphysiologisch besser ab, weil tatsächlich nur Wasser getrunken wird – bleibt aber im Marketing in einer von Verbraucherschützern kritisierten Grauzone, wenn mit nicht veröffentlichten Studien geworben wird.
Pures Leitungswasser ist und bleibt der unangefochtene Champion. Holy, Waterdrop, Air Up und Cold Teas eignen sich eher als gelegentliche Alternative zu Limonaden oder als süßes Extra – nicht als dauerhafter Ersatz für Wasser von morgens bis abends.
Beteiligte Expertinnen und Experten
Moritz Lambrecht, Influencer Marketing Experte
PD Dr. Nils S. Borchers, Schwerpunkt Digitale Strategische Kommunikation, Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen
Susanne Punsmann, Rechtsanwältin für Medizinrecht, Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen
Dr. med. Stefan Kabisch, Ernährungsforscher, an der Charité Universitätsmedizin Berlin
Professorin Nicole B. Arweiler, Direktorin der Abteilung für Parodontologie der Philipps-Universität Marburg