Die Wirtschaft beklagt seit Jahren die hohen Strompreise in Deutschland als Standortnachteil. In allen Unternehmens- oder Verbandsumfragen tauchen die hohen Energiekosten als großes Problem auf.
Jetzt soll ein neues Instrument energieintensive Firmen unterstützten. Das ist Thema im aktuellen ARD Wirtschaftspodcast Plusminus, hier in der ARD Audiothek.Und zwar: Ein Industriestrompreis, der durch staatlich subventionierte Förderung die Kosten senkt.
Minimale Ersparnis von 0,375 Cent pro kWh berechnet
Erste Berechnungen zeigen aber: Das wird nicht klappen. Die Maßnahme kostet viel Geld, rund 3,1 Milliarden Euro - diese Subvention bringt aber wenig bis nichts. Die Ersparnis durch den neuen Industriestrompreis ist nach einer Plusminus-Rechnung minimal und beträgt nur 0,375 Cent pro Kilowattstunde (kWh).
Selbst für einen Energieriesen wie Thyssenkrupp wäre der Effekt verhältnismäßig gering und hätte wohl keinen Einfluss auf weitreichende Unternehmensentscheidungen. Deshalb kritisiert Christian Schimansky, Jurist beim Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie, die Förderung als überhaupt nicht hilfreich. Die Preissenkung vergleicht er sogar mit einer Gangstörung, die oft auf Krankheiten hinweist.
Was dabei herausgekommen ist, das ist ein minimaler Trippelschritt. Der wird uns gegenüber den anderen Stromkosten in den Konkurrenzländern USA, China, Indien oder Türkei überhaupt nicht helfen.
Industriestrompreis: Spanne von etwa 10 bis 18 Cent pro kWh
Was zahlen große, mittlere und kleine Unternehmen für ihren Strom? Diese Frage kann man nicht allgemein beantworten. Es gibt keinen Standardpreis, den alle Branchen oder Firmen bezahlen. Der Strompreis hängt vom Unternehmen, seinen Produkten, seinem Produktionsvolumen und weiteren Faktoren ab.
Bereits jetzt haben viele Betriebe die Möglichkeit, Vergünstigungen zu beantragen. Das hängt davon ab, wie viel Strom sie verbrauchen oder welcher Branche sie angehören. So entsteht eine breite Preisspanne für Strom - zwischen ungefähr zehn, elf Cent pro Kilowattstunde am unteren Ende, für Betriebe mit Vergünstigungen, und 18 Cent am oberen Ende, ohne Vergünstigungen.
Diese Preisspanne für Strom liegt tatsächlich über den Werten von anderen Industrienationen: Die USA und China bleiben deutlich unter zehn Cent pro Kilowattstunde. Innerhalb Europas liegt Deutschland auf Platz vier. Teurer sind nur noch Irland, Kroatien und Ungarn. In Schweden oder Finnland dagegen kostet Industriestrom gerade mal halb so viel wie bei uns.
Lage sei sehr angespannt IG Metall: Infrastruktur in Baden-Württemberg benötigt massive Investitionen
IG Metall-Bezirksleiterin Resch fordert massive Investitionen der neuen Bundesregierung in Baden-Württemberg. Unter anderem brauche es einen niedrigen Industriestrompreis.
Bestehende Förderung: weniger Stromsteuer, weniger Netzentgelte
Bestimmten Firmen wird in Deutschland ein Teil der Stromsteuer zurückerstattet. Das können sie bei ihrem zuständigen Hauptzollamt beantragen.
Eine andere Sparmöglichkeit ist es, weniger Netzentgelte zu zahlen. Diese Gebühr geht an die Netzbetreiber dafür, dass Strom durch ihre Netze fließen darf.
Diese Netzentgelte können für bestimmte Unternehmen sinken. Das Verfahren läuft über die Bundesnetzagentur.
Wie hoch wird der neue Industriestrompreis?
Bundeskanzler Merz hat beim neuen Industriestrompreis einen "Zielpreis" von ungefähr fünf Cent genannt. So ein Strompreis von fünf Cent würde der deutschen Wirtschaft vermutlich sehr helfen. Aber das ist leider eines von vielen Missverständnissen beim Industriestrom:
- Erstmal gilt die neue Förderung nur für den reinen Strompreis, den Beschaffungspreis an der Börse. Steuern, Abgaben, Netzentgelte fallen für die Förderung raus.
- Zudem geht es nur um den halben Verbrauch und um den halben Strompreis - damit noch Anreize übrigbleiben, trotzdem Energie zu sparen.
- Und dann muss die Hälfte der Förderung von den Unternehmen für klimaschonende Maßnahmen ausgegeben werden.
Im Ergebnis bedeutet dies: Durch die Förderung sinkt der Strompreis für Firmen, die heute keine Vergünstigung erhalten, von 18 Cent auf 17,625 Cent pro Kilowattstunde. Das wird die Wirtschaft definitiv nicht retten.
Beschlüsse im Koalitionsausschuss Günstigere Flugtickets und sinkender Industriestrompreis: die Reaktionen aus RLP
Der Koalitionsausschuss in Berlin hat Maßnahmen beschlossen, um die Wirtschaft zu stärken. Nun wird über die Auswirkungen diskutiert - auch in Rheinland-Pfalz. Nicht alle jubeln.
Ersparnis über Masse - große Unternehmen profitieren
Bei großen Unternehmen bleibt unterm Strich in Euro zwar mehr Förderung hängen. Aber große Firmen haben auch riesige Ausgaben.
Deutschlands größter Stahlhersteller Thyssenkrupp steckt gerade nach eigenen Angaben acht Milliarden Euro bis 2030 in die Energiewende. Die Ersparnis durch den neuen Industriestrompreis wäre nach einer Plusminus-Kalkulation mithilfe von KI rund 45 Millionen Euro pro Jahr. Im Vergleich zur Gesamtinvestition in die Energiewende von 8.000 Millionen Euro ist dies allerdings nicht viel.
Für kleinere Unternehmen lohnt sich der neue Industriestrompreis kaum, weil die Bürokratie für die Anträge vermutlich viel zu aufwendig sein wird. Die geforderten klimaschonenden Gegenleistungen müssen geprüft und zertifiziert werden. Dies kann für längere Rechtsunsicherheit sorgen.
Rund drei Milliarden Euro Steuergeld stehen nun im Laufe von über drei Jahren für den neuen Strompreis bereit. Der Nutzen wird minimal sein, fürchten Energieexperten.
Niedrige Netzentgelte wirken besser als subventionierter Industriestrom
Es gibt bessere Maßnahmen und davon sind einige sogar schon umgesetzt. Wie zum Beispiel der Zuschuss zu den Netzentgelten, die auch beim Industriestrom einen größeren Teil des Preises ausmachen.
Diese Unterstützung wirkt, denn die Netzentgelte werden in diesem Jahr sinken, das zeigen Prognosen. Den Industriestrompreis hätte es gar nicht gebraucht.