Immer, wenn ich sehe, wie ich da in diesem Trümmerhaufen sitze, stellt sich die Frage: Wie konnte ich da lebend rauskommen?
Alex Späth ist 29 Jahre alt, als sich sein Leben in wenigen Sekunden verändert. An einem Sommermorgen im Juni 2018 startet der erfahrene Segelflugpilot vom Flugplatz in Esslingen – und stürzt kurz nach dem Start auf eine Waldlichtung.
Er überlebt schwer verletzt, sein Körper ist zertrümmert. Wie gelingt es ihm, nach einem solchen Unglück weiterzumachen – und bleibt der Traum vom Fliegen?
Egal, was im Leben passiert: Es geht letztlich immer weiter. Es gibt immer einen Weg!
Heute sagt Alex rückblickend: In der Zeit nach dem Unfall lernt er vor allem eines – Vertrauen. Vertrauen ins Leben und in sich selbst.
Segelfliegen: Wenn der Strömungsabriss zum Absturz führt
Alex war schon vor dem Unfall ein sehr erfahrener Segelflieger. Im Untersuchungsbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) sind 3.046 Flugstunden vermerkt, zudem besitzt er eine Lehrberechtigung für Segelflug. Ein Jahr vor dem Unfall gewinnt er die Deutsche Meisterschaft und qualifiziert sich für die Weltmeisterschaft in Polen 2018. Dorthin will er mit seiner Freundin Christie reisen – mit besten Chancen im Gepäck.
Am 14. Juni 2018 lässt sich Alex auf dem Flugplatz Esslingen von einem erfahrenen Schlepp-Piloten in die Höhe ziehen. Es ist ein Manöver, das beide schon mehrfach miteinander geflogen sind. Was dann genau schiefgeht, lässt sich später nicht endgültig klären. Sicher ist: Es kommt zu einem Strömungsabriss.
Die Tragflächen erzeugen keinen Auftrieb mehr, der Segelflieger sackt weg. Das Schleppseil reißt, wie für den Notfall vorgesehen, an seiner Sollbruchstelle. Dann geht alles extrem schnell.
Der letzte Funkspruch war: Schnell, ich schmier' gleich ab! Ein paar Sekunden später hatte ich den Strömungsriss. Und dann geht das ja innerhalb von Sekunden. Vom Funkspruch bis zum Seilriss und auf dem Boden einschlagen sind das vielleicht vier oder fünf Sekunden.
Alex stürzt auf eine Waldlichtung. Alles liegt in Trümmern – das Flugzeug, der Körper von Alex, und erst einmal auch sein bisheriges Leben.
Reha nach dem Flugunfall: Zurück ins Leben
Zwölf Stunden lang wird Alex operiert. Mehrere Tage hängt er zwischen Leben und Tod. Eine gute Woche dauert es, bis er die Augen wieder aufmacht. An seiner Seite: Freundin Christie – und ihre gemeinsame Tochter Lotta, noch winzig klein im Bauch. Christie ist im dritten Monat schwanger.
Alex sagt heute: Ohne Christie hätte er diese Zeit wahrscheinlich nicht so geschafft. Sie weicht im Krankenhaus nicht von seiner Seite, führt in einem kleinen Heft Tagebuch für ihn, um die Erinnerungslücken nach seinem "kompletten Filmriss" zu schließen. Sie ist, wie er es nennt, "sein Jackpot".
Christie ist von Anfang an überzeugt, dass Alex trotz der massiven Verletzungen überleben wird. Alex kämpft, muss praktisch alles, jede kleinste Körperfunktion – sogar das Pinkeln – wieder neu lernen.
Therapie, Schmerzen und Alltag nach dem Crash
Sein Ehrgeiz, sagt Alex, war wahrscheinlich auch enorm wichtig, um wieder auf die Beine zu kommen.
Ich hab' so für mich das Gefühl: Ich hab diesen Unfall überlebt, mich kann jetzt nichts mehr umbringen. Auch wenn das Schwachsinn ist, weil: Vielleicht war es ja alles Glück. Aber diese Gedanken haben dann so eine Macht, dass die dann zumindest ein Stück weit dazu führen, dass es sich erträglicher damit leben lässt.
Heute ist Alex körperlich wieder komplett hergestellt – eine medizinische Meisterleistung, wie er betont. Daran beteiligt sind die behandelnden Ärzte, die Pflegerinnen und seine Physiotherapeutin Resi. Sie trainiert mit ihm so lange, bis er bei der Hochzeit mit Christie den Weg zum Altar zu Fuß gehen kann – nur wenige Monate nach dem Crash.
Nach dem Flugzeug-Absturz: körperliche und seelische Wunden
Ganz verschwunden sind die Folgen des Absturzes aber nicht. Alex kämpft mit dumpfen Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Phasen tiefer Erschöpfung. Damit muss er leben lernen – und Wege finden, im Alltag damit umzugehen, ohne dass sein Leben nur noch um Beschwerden kreist.
Parallel dazu tauchen existenzielle Fragen auf: Wie soll er seine Familie ernähren? Wie soll er wieder Geld verdienen?
Ich hatte Phasen, wo ich dachte: So kann ich nicht weiterleben, ich schaff’s nicht mehr. Ich habe mir ganz schlimme Untergangs-Szenarien herbeigeredet, die letztlich alle nichtig waren. Es geht immer weiter!
Faszination Fliegen: Sehnsucht nach Höhe, Weite und Freiheit
Trotz allem bleibt die Faszination fürs Segelfliegen. Auf dem Dachgeschoss-Balkon seines Hauses in Schwäbisch Gmünd hat Alex sich einen "Hochsitz" gebaut. Über die Dächer hinweg reicht der Blick bis zur Ostalb. Ein paar Meter näher am Himmel, ein Gefühl von Freiheit – und ein wenig so wie der Blick aus einem Cockpit.
Es gibt einen schönen Spruch als Segelflieger: The sky is the limit – so there is no limit!
Der Reiz beim Segelfliegen liegt für ihn auch darin, nicht eingeengt zu sein, sich gedanklich treiben zu lassen. Alex schwärmt von Flügen nah am Matterhorn vorbei – und von langen "Wanderflügen" bis nach Südfrankreich: ein Spiel aus Thermik, Sonne und Luftmassen, .
Da fühlt man sich einerseits wie der Geilste der Welt und denkt, man ist der König. Und andererseits bist Du so ultra ehrfürchtig davor, weil Du halt diese Vier- und Fünftausender vor Dir hast und Du fliegst in diesem kleinen, 400 Kilo Leichtflugzeug herum. Und dann denkst Du: 'Wie geil kann es bitte noch sein?'
Die Sehnsucht nach Höhe und Weite bleibt. Gleichzeitig weiß Alex, wie schnell sich die Situation in der Luft dramatisch drehen kann – und wie sehr der eigene Körper bei einem Crash an Grenzen gebracht wird.
Fast schon nebenbei erzählt Alex, dass der Absturz von 2018 nicht sein erster war. Schon zuvor hat er einen Crash mit einem Segelflugzeug überlebt – fast ohne Schrammen. Wie viel Glück kann ein Mensch haben?
Kinder, Achtsamkeit und neue Bodenhaftung
Nach dem Unfall lernt Alex – unterstützt durch therapeutische Begleitung – sich im Alltag bewusst zu zentrieren, ähnlich wie in buddhistischen Achtsamkeitsübungen.
"Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich und bin gedanklich eben nicht schon beim Gehen", beschreibt er. Ganz so, wie er es bei seinem Sohn Emil beobachten kann, wenn der Sand schaufelt: ganz im Hier und Jetzt, konzentriert auf das, was er gerade tut.
"Jeder trägt dieses Kind, das im Hier und Jetzt lebt, in sich", sagt Alex. Deshalb wünscht er sich auch in seinem Beruf als Lehrer, dass wir uns auf dieses "innere Kind" besinnen und es möglichst lange erhalten, statt es abzutrainieren.
Kinder helfen dir ziemlich gut, den Fokus von dir wegzurücken. Weg von dem ständigen 'Um-sich-selbst-kreisen'. Und sie zeigen dir, wie leben im Hier und Jetzt geht – eine gute Methode gegen Grübel-Dauerschleifen. Dieses innere Kind darf nie verloren gehen!