Wir haben mit dem Sportpsychologen Jürgen Walter darüber gesprochen, welche negativen Auswirkungen zu großer Leistungsdruck auf die junge Generation haben kann. Und warum es entscheidend ist, auch das Scheitern zuzulassen, um eine gesunde mentale Entwicklung zu fördern.
Leistungsdruck: Wenn Erfolg zur Last wird
SWR1: Warum warnen Sie vor zu großem Leistungsdruck?
Jürgen Walter: Wenn es zu viel wird, dann ist das schädlich für die Kinder und die Jugendlichen. Sie haben vor allen Dingen auch erlebt, dass vielfach die Kinder erlernen, dass sie nur dann geliebt werden, wenn sie Erfolge haben. Und das kann es ja nicht sein. Das Gegenteil wäre aber auch nicht gut. Wenn man sich gar nicht mit anderen messen kann und gar nicht weiß, wo man steht. Das wird man später auch im ganzen Leben brauchen, sich messen mit anderen.
Die Rolle der Eltern bei Leistungsdruck im Sport
SWR1: Liegt das Problem darin, dass ehrgeizige Eltern ihre Kinder ablehnen oder nicht fördern, wenn diese nicht den gewünschten Erfolg erzielen?
Walter: Ja, die Eltern spielen schon eine große Rolle. Oft ist es auch so, dass Eltern etwas nicht erreicht haben und dann sollen es die Kinder richten. Ich habe aber erlebt, dass Eltern da durchaus empfänglich sind, wenn man das mit ihnen bespricht und ein Augenmerk drauflegt, wie viel Druck sie damit auf die Kinder ausüben. Die sind da schon Reflexionsfähig.
Leistungsdruck im Sport: Der Spaß geht verloren
SWR1: Warum wird Sport, insbesondere die Bundesjugendspiele, nicht mehr als Freude oder Freizeitaktivität wahrgenommen, sondern eher als ein "krankhaftes" Vergleichen und Messen?
Walter: Ich glaube, dass die Welt insgesamt härter geworden ist, auch durch Social Media und durch Vergleiche überall. Da kann ich gar nicht verhindern, dass sich das dann auch auf die Bundesjugendspiele überträgt. Da wird auch verglichen, viel mehr als früher. Der Spaß- und Spielfreude-Gedanke ist viel zu wenig noch da.
Leistungsdruck und Ablenkung: Hindernis für Erfolge im Sport
SWR1: Warum bringen wir keine Leistungssportler mehr hervor und holen nicht mehr so viele Goldmedaillen wie früher? Liegt es daran, dass Kinder zu sehr geschont werden?
Walter: Ich glaube, Kinder und Jugendliche sind auch viel zu sehr abgelenkt. Früher gab es beispielsweise auch keine Social Media Netzwerke. Die Kinder und Jugendlichen hatten mehr Kontrolle und Zeit, sich auf den Sport zu konzentrieren. Das ist sehr schwierig geworden. Die Zeit ist immer zu knapp, beziehungsweise man nimmt sie sich nicht mehr.
Der Einfluss von Leistungsdruck auf die mentale Stärke im Sport
SWR1: Das würde bedeuten, dass es bald keine Ronaldo’s oder Messi’s mehr geben wird?
Walter: Ja, ich mache mir auch ein bisschen Sorgen. Es ist aber nicht nur so, dass die Trainingseinsätze und Trainingszeiten und das Trainingsengagement zu niedrig sind, sondern auch, dass das Thema mentale Stärke unterschätzt wird. Ich kann noch so trainieren, wenn es im Kopf nicht stimmt. Dann wird es nicht funktionieren.
Leistungsdruck überwinden: Scheitern als Teil des Lernprozesses im Sport verstehen
SWR1: Man muss vor allen Dingen auch das Scheitern lernen ...
Walter: Das ist ganz wichtig. Ich sage meinen Kindern und Jugendlichen – und die finden das wirklich gut: ihr könnt überhaupt nicht verlieren. Ihr gewinnt, ihr spielt Unentschieden oder ihr gewinnt an Erfahrung. Das Wort verlieren, das empfehle ich zu streichen. Ich gewinne, ich spiele Unentschieden, oder ich gewinne an Erfahrung.