Harald Egidi: Wald im Nationalpark leidet unter Hitze und Borkenkäfer
SWR1: Wie geht es dem Wald bei uns in Rheinland-Pfalz?
Dr. Harald Egidi: Der Wald leidet nach wie vor unter massiven Klimawandelfolgen. Auch wenn wir jetzt zwei etwas nassere, kühlere Jahre hatten und gerade die Borkenkäferschäden nicht so vorangeschritten sind.
Aber den Bäumen geht es nicht gut. Hitze und Trockenstress machen Ihnen doch sehr zu schaffen.
SWR1: Gefühlt hat der Borkenkäfer ganze Hänge kahl gefressen. Ist es mittlerweile besser geworden, was den Borkenkäfer angeht?
Egidi: Das ist schwer zu sagen. Die Entwicklung ist insbesondere im Westerwald losgegangen. Hier oben bei uns in der Hochwaldregion ist das einige Jahre später in dieser Massivität eingetreten. Das war 2022 und 2023.
Aber gerade bei uns im Nationalpark hat es durch den Borkenkäfer mehr oder weniger zwei Drittel der Fichten dahingerafft. Wenn es jetzt wieder einen extremen Hitzesommer gibt, steht der Borkenkäfer in den Startlöchern und es kann weitergehen.
Harald Egidi: Neue Vielfalt im Nationalpark
Im Kern des Nationalparks lassen wir diese Prozesse zu.
SWR1: Wie haben Sie das dann gelöst, haben Sie noch mal nachjustiert oder haben Sie den Wald einfach so gelassen?
Egidi: Im Randbereich zu anderen Waldbesitzenden mussten wir natürlich agieren. Dort haben wir befallene Bäume teilweise in erheblichen Mengen entnommen. Im Kern des Nationalparks lassen wir diese Prozesse zu.
Wir wollen lernen, was passiert in der Entwicklung, aus dieser Dynamik, wenn der Borkenkäfer zunächst die Bäume zum Absterben bringt. Es sieht im ersten Moment für viele sehr erschreckend aus. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man eine ganz neue Vielfalt, die dort entsteht.
SWR1: Sie überlassen den Wald im Prinzip sich selbst?
Egidi: In den Kernbereichen ist das unser Ziel. Es bleiben sämtliche Nährstoffe auf der Fläche. Selbst abgestorbene, liegende Bäume spenden noch Schatten. Der Wind weht nicht mehr so durch, dass es nicht so austrocknet.
Wenn das Holz in einen modrigen Zustand übergeht, hält es die Feuchtigkeit. Die Ansamungsbedingungen sind dann viel besser. [...]
Eine pieksige Fichtenkrone, die in der Fläche liegt, ist dann schon mal ein Hindernis für einen Hirsch […], der eben nicht an den jungen Bäumchen knabbert.
SWR1: Ist das die Rettung für die Zukunft für unseren Wald?
Egidi: Es ist eine Referenz, aber nicht das Konzept für alle übrigen Wälder. Wir haben in Deutschland nur 0,6 Prozent Wildnisfläche an Land. Auf dieser eng bemessenen Fläche wolen wir schauen:
Wie organisiert und wie reorganisiert sich die Natur von sich aus wieder, ohne dass der Mensch aktiv oder auch proaktiv eingreift. Darüber wissen wir noch viel zu wenig, insbesondere in Zeiten des Klimawandels.
Renaturierung von Hangmooren: Grabenverfüllung und Wasserrückhalt
SWR1: Ein anderes Projekt im Hochwald ist die Renaturierung der alten Hangmoore. Dort machen sie den Waldboden absichtlich wieder klatschnass. Welchen Effekt hat das für das Mikroklima?
Egidi: Man muss sich die Dimension vor Augen halten. Wir hatten Hunderte von Kilometern (Schützen-)Gräben hier im Gebiet. Teilweise sind diese immer noch vorhanden […] und haben nach wie vor die Wirkung, dass das Wasser viel zu schnell aus den Wäldern fließt.
Wir haben in einem großen Projekt […] um die 1.700 Grabenverschlüsse vorgenommen […]. Jetzt stellen wir fest […], dass die Flächen nasser sind und dass der Abfluss, wenn der große Regen kommt, später und nicht mit diesen Spitzen erfolgt.
Das heißt zum einen, die Fläche vernässt und erholt sich ein Stück weit. Zum anderen ist es aber auch ein Beitrag zum Hochwasserrückhalt. Ehe das Wasser schnell wieder in die tieferen Lagen fließt und dort zu gravierenden Schäden führt, können wir es hier im Entstehungsgebiet ein Stück weit zurückhalten.
SWR1: Hat das Auswirkungen auch auf die Waldbrandgefahr?
Egidi: Das weniger. Das sind ja große Freiflächen, von denen wir seinerzeit die Fichten weggenommen haben. Die Dynamik, auch dass sich Torfmoose dort wieder bilden, setzt gerade erst ein.
Das sind langfristige Prozesse. Ein Moor wächst einen Millimeter im Jahr […]. Da müssen wir schon ein paar Tage warten.
Wichtig ist: Wenn mehr modriges Holz in den Wäldern liegt […] und wenn dann quasi Barrieren dort liegen, trägt das auch ein Stück weit zum Eindämmen solcher Gefahren bei.
Dr. Harald Egidi: Keine endgültige Prognose für die Zukunft im Hochwald möglich
SWR1: Blicken wir in die Zukunft: Welchen Vorteil hat die Wildnis im Nationalpark im Vergleich zu einem Wald, der mühsam von Hand neu bepflanzt wird. Welchem Wald geht es im Jahr 2080 besser?
Egidi: Das wissen wir noch nicht. Ich kann nur sagen, dass der Wald im Nationalpark wesentlich mehr Strukturen aufzeigen wird, weil hier nicht mehr stark gleichaltrige Strukturen gegeben sind. Wir haben viele kleine "Patches" unterschiedlicher Baumarten unterschiedlichen Alters.
Ein großflächiger Ausfall eines Waldes, wie er eventuell droht, wenn ich nach einem großen Schadensereignis eine riesige Fläche in ein und demselben Jahr mit ein und derselben Baumart aufforste, ist hier nicht zu erwarten.
Wie weit allerdings die Folgen des Klimawandels mit Hitze und Dürre auch den Wald, der sich im Nationalpark wieder etabliert hat, zum Absterben bringt und diese Kreisläufe von Absterben und Erneuerung immer kürzer werden, das vermag man heute noch nicht zu sagen.
Insofern ist es spannend in einem Nationalpark mit Langzeitmonitoring diese Prozesse zu begleiten und ein Stück weit zu lernen: Was kann die Natur und was schafft sie im Zweifel auch nicht mehr.