SWR1: In welchem Alter ist es für Kinder besonders schwierig, wenn sich die Eltern trennen? Was erleben Sie in der Praxis?
Katharina Grünewald: Ich glaube, es fühlt sich für viele schwieriger an, wenn die Kinder in der Pubertät, also schon älter, sind. Denn dann bekommen sie diese Dinge natürlich sehr bewusst mit und rebellieren eventuell sogar.
Ich finde, das Gute daran ist, dass die Kinder dann auch die Chance haben, das bewusst zu erleben. Man kann diese Konflikte, die es da gibt, auch direkt behandeln. Man kann den Kindern bewusst mitgeben, wie man mit Konflikten umgeht.
SWR1: Wie offen sollten Eltern mit ihren Kindern über das Thema Trennung und Scheidung sprechen?
Grünewald: Altersgemäß können Kinder das schon relativ früh nachvollziehen, wenn man sich nicht mehr versteht oder wenn man Streit hat. Da kann man schon gut mit den Kindern sprechen. Man sollte aufpassen, dass man nicht die Kinder in den Mittelpunkt stellt.
Also wenn Kinder, gerade kleine Kinder in einem Streit ihren Namen hören und sich dann mit dem Streit in Verbindung bringen, dann ist das Risiko relativ groß, dass sie die Schuld auch auf sich nehmen. Sie denken dann: Es geht ja immer nur um mich, also bin ich schuld.
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SWR1: Kinder fühlen sich bei einer Trennung zwischen Mama und Papa hin- und hergerissen. Was können Eltern tun, um das abzufangen?
Grünewald: Die Hauptschwierigkeit ist, dass man ja in der Trennung selbst so mit sich beschäftigt ist. Man hat gute Gründe, warum man sich vom Partner oder der Partnerin trennen möchte. Dann funktioniert die Kommunikation auf der Elternebene oft nicht mehr gut.
Aber dieses Funktionieren wäre genau die Voraussetzung dafür, dass Kinder zwischen Mama und Papa unbeschwert hin- und herwechseln können.
Wenn die Kommunikation nicht funktioniert, dann sind Kinder in der Not, [...] all das, was zwischen Mama und Papa unausgesprochen bleibt, selbst unbewusst transportieren zu müssen.
Wenn die Kommunikation nicht funktioniert, dann sind Kinder in der Not, die Spannungen, die Kränkungen, die Missverständnisse, all das, was zwischen Mama und Papa unausgesprochen bleibt, selbst unbewusst transportieren zu müssen.
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Während der Trennung einen Ruhepol für die Kinder finden
SWR1: Eltern leben in der Trennungssituation ihre Konflikte oft vor den Kindern aus. Was kann den Kindern in so einer Lage helfen?
Grünewald: Die Eltern haben die Verantwortung und die Kinder haben ein Recht auf Führung, gerade in diesen schwierigen Situationen. Da wäre es gut, wenn die Eltern vielleicht gucken, wie können wir uns in einem sicheren Rahmen auseinandersetzen?
Das heißt: Welche Regeln machen wir? Wie können wir streiten, ohne dass die Kinder sich bedroht fühlen? Gut wäre, wenn die Kinder einen eigenen Ruhepol bekämen, wo ihre Perspektive zählt. Das könnten zum Beispiel Großeltern, eine Patentante oder ein Patenonkel sein, die konsequent einfach nur die Perspektive des Kindes im Auge behalten.
Liebesbeziehungen der Kinder werden beeinflusst
SWR1: Wie wirkt die Erfahrung aus der Trennung der Eltern sich später auf die Kinder und deren Beziehungsverhalten aus?
Grünewald: Ein wichtiger Punkt, den ich in meiner Praxis immer wieder bemerke, ist, dass Kinder, die eine Trennung erlebt haben, natürlich Schwierigkeiten haben, selbst eine liebevolle Liebesbeziehung einzugehen. Eine Beziehung, die auch Konflikten standhält. Denn sie haben nicht gelernt, wie sie mit Schwierigkeiten umgehen.
Was ich hier häufig sehe ist, dass man dann um alles in der Welt einen Konflikt vermeiden möchte und lieber eine Faust in der Tasche macht, und die Luft anhält […]. Das hält man aber nicht allzu lange durch. Meistens geht das bis zu dem Punkt, wo man nicht mehr kann, und dann explodiert leider die ganze schöne Liebesbeziehung.
Kinder, die eine Trennung erlebt haben, [haben] natürlich Schwierigkeiten, selbst eine liebevolle Liebesbeziehung einzugehen.
Da wäre es einfach so wichtig, dass man den Kindern im Prinzip ein Vorbild ist und sagt, […] es ist nicht immer alles einfach und schön und so wie ich es gerne hätte. Deshalb ist es so wichtig, die Auseinandersetzung zu wagen, statt die Trennung zu riskieren.
SWR1: Heißt das: Scheidungskinder müssten bei ihren eigenen Kindern dann etwas anders machen?
Grünewald: Ja, das nehmen sich auch viele vor […]. Das Problem ist nur: Wenn man das nicht sehr bewusst bearbeitet und sich da auf der Bewusstheitsebene neu entscheidet, […] dann passiert genau das, was allen Menschen passiert, wenn sie unter Stress geraten: Dann agieren wir genauso, wie wir es als Kind von unseren Eltern erlebt haben.