Nicole Schulze bezeichnet sich selbst als Sexarbeiterin. Der Begriff sei neutral, "Prostituierte" eher negativ besetzt. Sie bietet ihre Dienste legal in einem Wohnwagen nahe Trier an. Gleichzeitig ist sie auch Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung.
Und Vorstandsvorsitzende des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen. SWR Aktuell hat mit ihr über die aktuelle Diskussion zur Prostitution und über die Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes gesprochen.
SWR Aktuell: Frau Schulze, viele Sexarbeitende sind wahrscheinlich unfreiwillig in diesen Job gedrängt worden. Sie aber sagen, Ihnen macht Ihr Beruf Spaß. Wie kommt das?
Nicole Schulze: Ich war schon immer ein sexpositiver Mensch. Ich hatte mit Berührungen von anderen Menschen gar keine Probleme. Auch an intimen Stellen. Ich war damals in der Anfangszeit hoch verschuldet, war in der Insolvenz und hatte kein Geld. Da fand ich in der Sexarbeit die legale Möglichkeit, aus den Schulden rauszukommen.
Vom Loverboy ausgebeutet
SWR Aktuell: Sie arbeiten eigenverantwortlich, haben keinen Zuhälter, werden nicht ausgebeutet, was ja tatsächlich in der Prostitution weit verbreitet ist. Also sind sie doch privilegiert in ihrem Job?
Schulze: Das würde ich nicht so sagen. Ich hab auf dem Kölner Straßenstrich angefangen, konnte aber nicht mit Geld umgehen, denn sonst hätte ich keine Schulden gehabt. Deshalb bin ich in eine Loverboy-Geschichte reingeraten.
Ich habe sieben Jahre lang mein ganzes Geld einem Mann gegeben in der Hoffnung, dass er es für mich spart. Zuerst hat er es auch für mich ausgegeben. Aber dann nur noch für sich selbst. Als ich in die Sexarbeit eingestiegen bin, war ich also schon marginalisiert und sozial schwach.
SWR Aktuell: Heute engagieren Sie sich aber als Vorstandsvorsitzende im Berufsverband sexuelle und erotische Dienstleistungen.
Die Vernetzung im Verband stärkt.
Schulze: Ich bin nach dem Loverboy zurück nach Trier und da habe ich auf dem Gesundheitsamt eine liebe Mitarbeiterin kennengelernt, die mir vom Verband erzählt hat. Dann habe ich überlegt, man kann sich da vernetzen. Auch mal drüber reden, wenn mir was Unangenehmes passiert. Die Vernetzung stärkt, das ist Empowerment.
Vorgeschriebene Gesundheitsberatung unterschiedlich geregelt
SWR Aktuell: Die Mitarbeiterin im Gesundheitsamt haben Sie kennengelernt, weil eine Gesundheitsberatung und eine Meldung bei der Behörde notwendig sind, wenn man legal in der Sexarbeit arbeiten will. Dann bekommt man einen Ausweis. Was halten Sie davon?
Schulze: Ich halte das nicht für zielführend. Weil man sich fragt: Was passiert mit den Daten, die dort erhoben werden? Da wünsche ich mir mehr Transparenz.
Und es ist unterschiedlich geregelt. In Trier kostet die Beratung Geld, woanders nicht. Eine Frau, die aus armen Verhältnissen kommt, hat ja gar kein Geld. Sie will ihr Geld in der Sexarbeit verdienen. Also wird sie sich hier in Trier auch nicht anmelden, weil sie es nicht bezahlen kann. Dann geht sie natürlich in den illegalen Raum.
Städte in RLP bekämpfen illegale Prostitution "Deutschland ist der Puff Europas" - Diskussion um Sexkaufverbot
Bundestagspräsidentin Klöckner fordert ein Sexkaufverbot in Deutschland. Doch das ist umstritten. Derweil setzen Kommunen in RLP auf stärkere Kontrollen gegen illegale Prostitution.
Angst vor Datenmissbrauch
SWR Aktuell: Gibt es noch andere Hürden, die Frauen davon abhalten, sich offiziell anzumelden, um legal arbeiten zu können?
Schulze: Ich kann da ein persönliches Beispiel geben. Ich habe meinen ersten Ausweis 2017 in Trier gemacht, als das Prostituiertenschutzgesetz verabschiedet wurde. Alle zwei Jahre muss ich den neu machen und das hab ich dann in Köln gemacht.
Wenn ich höre, dass meine Daten mit der normalen Post verschickt werden, fühle ich mich unsicher.
Ich musste den alten Ausweis abgeben und habe gefragt, was damit passiert. Da hat der Mitarbeiter mir als Antwort gegeben: "Der geht jetzt mit der Deutschen Post zurück nach Trier." Wenn ich so was höre, dass die Daten eigentlich geheim sein sollten, aber mit der normalen Post verschickt werden, dann fühle ich mich unsicher.
Wenn ich jetzt noch Kinder hätte im Kindergartenalter oder im Schulalter und es käme raus, ich bin Prostituierte, dann kann man sich ja vorstellen, was passiert. Dann werden die als Hurentochter oder Hurensohn bezeichnet.
SWR Aktuell: Sie haben das Prostituiertenschutzgesetz angesprochen. Das wurde in diesem Jahr von Wissenschaftlern evaluiert. Demnach sind Stärken des Gesetzes unter anderem, dass es die Sichtbarkeit von Prostituierten verbessert, das Gewerbe besser reguliert und ein Schritt ist, Schutzinstrumente zu etablieren. Wie bewerten Sie die Ergebnisse der Evaluation?
Schulze: Sie hat auch gezeigt, dass das Gesetz viele Schwächen hat. Mir ist es ein Anliegen, dass wir das jetzt angehen und zwar gemeinsam, also mit Verbänden, mit Sexarbeitenden, mit Betreibern von Bordellen, mit Beratungsstellen.
SWR Aktuell: Für die Evaluation wurden rund 2.300 Sexarbeitende befragt, aber auch Behördenmitarbeiter, Kunden und Gewerbetreibende. Es gibt Kritik, weil man das Dunkelfeld der illegalen Sexarbeitenden oder solcher aus dem Ausland mit eventueller Sprachbarriere damit nicht erreicht habe. Was sagen Sie dazu?
Schulze: Wir haben ja als Verband daran mitgewirkt. Wir sind auf die Straße gegangen, ich zum Beispiel in Köln. Ich habe die Fragebögen direkt meinen Kolleginnen gegeben. Auch die ganzen Beratungsstellen haben mitgewirkt. Das ist die beste Evaluation, die wir uns vorstellen können.
Situation der Sexarbeitenden verbessern
SWR Aktuell: Die Evaluation empfiehlt unter anderem, Instrumente zu schaffen, damit mehr Menschen in der Prostitution durch Beratungen erreicht werden, Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus besser zu schützen und dass Behörden sich stärker mit Beratungsstellen vernetzen. Wie kann man das erreichen?
Schulze: Die Bundesregierung sollte den Beratungsstellen und Gesundheitsämtern mehr Geld zur Verfügung stellen, damit da auch wirklich geschultes Personal sitzt. Die Beratungsstelle "Ara" in Trier hat ein Gehalt, aufgeteilt auf zwei Mitarbeitende. Wie sollen zwei Halbtagsstellen uns alle erreichen?
Nur durch aufsuchende Arbeit können Kolleginnen in der Zwangsprostitution oder im Menschenhandel gesehen und gerettet werden.
Mehr Beratungsstellen gefordert
Die Beraterinnen bleiben in Trier und können nicht zum Beispiel bis Bitburg fahren und dort mit Sexarbeiterinnen sprechen. Aber nur durch eine solche aufsuchende Arbeit können die Kolleginnen in der Zwangsprostitution oder im Menschenhandel gesehen und gerettet werden.
Wenn die Damen in der Stelle in Trier krank sind, dann muss ich mindestens 100 Kilometer nach Koblenz, Mainz oder Ludwigshafen fahren, um mir Hilfe zu holen. Wir bräuchten dort auch viel mehr Menschen, die dolmetschen können. Und es sollte überhaupt auch mehr Beratungsstellen geben.
In Ferienappartments oder ehemaligen Studentenwohnheimen Sex für Geld: Wohnungsprostitution in Mainz
Frauen, die alleine in Wohnungen anschaffen, arbeiten oft illegal und sind ihren Freiern schutzlos ausgeliefert. Hier bietet die Beratungsstelle Selma Hilfe an.
SWR Aktuell: Wie könnten denn Sexarbeitende besser erreicht werden, bei denen das bisher schwer ist? Weil sie beispielsweise eine Sprachbarriere haben oder Angst, mit jemand "Offiziellem" zu sprechen, weil ihr Aufenthaltsstatus unsicher ist?
Schulze: Ich bin dafür, dass man mehr Peer-to-Peer-Arbeit anbietet. Dass wir Sexarbeitenden eine Aufgabe in der Beratung bekommen. Denn wenn ich jetzt in der Sexarbeit neu bin und ich will mich jemandem öffnen, dann habe ich zu einer Kollegin ein ganz anderes Verhältnis.
Verband sieht "Nordisches Modell" kritisch
SWR Aktuell: Nun fordern ja unter anderem CDU/CSU, dass Deutschland das "Nordische Modell" einführt. Das stammt aus skandinavischen Ländern. Dabei macht sich der Freier strafbar, die Prostituierte aber nicht. Was halten Sie von diesen Forderungen?
Schulze: Man muss die Sexarbeit einfach differenziert betrachten. Das eine ist Sexarbeit, das andere ist Menschenhandel. Wenn man das eine verbietet, wird es das andere nicht stoppen.
Beim nordischen Modell wird der Freier bestraft. Wenn der Freier Angst hat, dann geht er ja auch eher ins stille Kämmerlein, wo er nicht gesehen werden kann.
Ich vergleiche es gerne mit dem Bäcker: Wenn man dem sagt, er darf Brötchen backen, aber er darf sie nicht verkaufen, aber der Kunde sagt: "Boah, ich habe heute echt Bock auf ein knackiges Kürbiskernbrötchen", dann geht er heimlich in die Bäckerei und kauft dem Bäcker das Brötchen ab.
Die Sexarbeitenden wollen ihre Kunden schützen, weil sie ihr Geld an ihnen verdienen. Damit mein Kunde nicht bestraft wird, gehe ich mit ihm in dunkle Ecken und mache es im dunklen Raum. Ich war auf dem Straßenstrich und hatte zum Glück keine schlechten Erfahrungen.
Ursachen für Menschenhandel bekämpfen
Natürlich gibt es auch die. Aber dann ist es doch besser, wenn man die Sexarbeitenden in das sichtbare Feld holt. In Frankreich und Schweden ist Sexkauf verboten, findet aber weiter statt. Nur eben nicht sichtbar.
Viele Sexarbeitende kommen aus Osteuropa, um schnelles Geld zu verdienen. Dann muss man nicht die Sexarbeit, sondern die Armut dieser Menschen bekämpfen.
Behördenübergreifende Zusammenarbeit Nach Prostituiertenmord: Koblenz geht gegen illegale Wohnungsprostitution vor
Prostituierte leben gefährlich - das wurde Koblenzer Behörden nach einem Mordfall im Jahr 2023 schmerzlich bewusst. Deshalb arbeiten sie jetzt noch stärker mit der Polizei zusammen.
SWR Aktuell: Was wäre also eine Lösung?
Schulze: Wir haben Gesetze in Deutschland, die Menschenhandel unter Strafe stellen. Aber meiner Meinung nach wird das nicht umgesetzt. Die Polizei hat zu wenig Personal, es können keine Kontrollen durchgeführt werden.
Wenn man das alles stärken würde, dann wäre das auch anders. Ich wünsche mir einfach, dass die Bundesregierung da den Fokus drauf legt, uns, also alle zu stärken, die in dem Bereich sind, anstatt Verboten.