Im November 2023 erschütterte der grausame Mord an einer jungen Frau Koblenz und die Region: Monatelang hatten ihre Mörder sie gequält und zur Prostitution gezwungen. All das spielte sich in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus im Koblenzer Stadtteil Rauental ab - unbemerkt von der Öffentlichkeit.
Für Polizei und Koblenzer Behörden war das ein Weckruf. Daher gründete die Kriminalpolizei Koblenz wenig später die Besondere Aufbauorganisation (BAO) "Rotlicht", um ein genaueres Bild der Prostitutionsszene in Koblenz und Umgebung zu erhalten. Besonders der Bereich der illegalen Wohnungsprostitution sollte in den Blick genommen werden. Doch dafür war die Zusammenarbeit mit den kommunalen Behörden unerlässlich.
Polizei und kommunale Behörden arbeiten zusammen
Denn die Polizei kann nicht ohne Weiteres eine Wohnung durchsuchen. Dafür braucht sie einen Anfangsverdacht für eine Straftat. Weil Prostitution in Deutschland weitgehend legal ist, ist das aber nur selten der Fall. Bei städtischen Behörden sieht das etwas anders aus: Hier reicht mitunter der Verdacht auf eine Ordnungswidrigkeit. Wird beispielsweise ein Gebäude in einem Wohngebiet ohne entsprechende Genehmigung für Prostitution genutzt - dann darf das Bauamt kontrollieren. Ist eine Prostituierte nicht korrekt angemeldet, kontrolliert das Ordnungsamt.
Also lud die neu gegründete BAO "Rotlicht" im April 2024 erstmals Vertreter der kommunalen Behörden zum Gespräch ein, um über ein gemeinsames Vorgehen gegen Wohnungsprostitution in Koblenz zu beraten. Seitdem trifft sich dieses Team regelmäßig, alle vier Wochen. Monatlich finden in Koblenz auch behördenübergreifende Wohnungskontrollen statt, um Fälle von Wohnungsprostitution aufzudecken. Dadurch hat die Polizei die Möglichkeit, Personalien aufzunehmen und mit den Prostituierten ins Gespräch zu kommen.
SOLWODI: Verdacht auf kriminelle Machenschaften
Bei den Prostituierten, die bei den Durchsuchungen angetroffen wurden, handelt es sich laut Bauamt Koblenz fast ausschließlich um Osteuropäerinnen, zum Beispiel aus Rumänien und Bulgarien. Oft sprechen sie demnach kaum Deutsch.
Wie die Hilforganisation SOLWODI berichtet, erhalten Freier bei der Kontaktanbahnung auf einschlägigen Internetportalen oft standardisierte Antworten in perfektem Deutsch. Das lege nahe, dass die Profile nicht von den Frauen selbst betreut würden. Die Hilfsorganisation vermutet, dass Zuhälter oder kriminelle Netzwerke dahinter stecken.
Bauamt Koblenz: Frauen wechseln oft die Wohnung
Darauf weisen auch Beobachtungen des Koblenzer Bauamtes hin: Es sei aufgefallen, dass immer wieder die gleichen Namen als Eigentümer der zweckentfremdeten Wohnungen auftauchten. Oft seien die Räume nur provisorisch eingerichtet: Bett, Kommode, Kühlschrank und nicht viel mehr. Denn meist blieben die Frauen nicht lange an einem Ort. Eine Frau habe in einer Befragung berichtet, dass sie alle sechs Wochen in eine andere Wohnung ihres Vermieters wechsle, erzählt Baudezernent Andreas Lukas (Grüne).
Die Frau habe ausgesagt, sie zahle dem Mann eine wöchentliche Miete von 600 Euro in bar. Aus Lukas' Sicht treibt solche Wohnungseigentümer schlicht die Gier. Ihm persönlich gehen die Einsätze immer wieder nahe: "Diese Diskrepanz zwischen dem großen Leid auf der einen Seite und der Bereicherung auf der anderen Seite, wo insbesondere junge Frauen wie eine Ware ausgenutzt werden - das nimmt man dann schon mit." Der Baudezernent glaubt nicht, dass all diese Frauen sich freiwillig und selbst bestimmt prostituieren.
Carsten Röhrig, Sachgebietsleiter der Bauaufsicht, hat den Eindruck, dass die Behörden bislang nur einen Teil der Personen kennen, die in dieses Geschäft verwickelt sind. "Daher ist davon auszugehen, dass das ein krimineller Ring ist, der so agiert. Und das teilweise auch deutschlandweit."
Gemeinsame Kontrollen gegen illegale Wohnungsprostitution zeigen Erfolg
Aus Sicht der Beteiligten lohnen sich die gemeinsamen Bemühungen trotzdem: Es sei allein schon ein Vorteil, dass die Behörden nun stärker zusammengewachsen seien, sagt ein Polizist von der BAO "Rotlicht". Dadurch kennen alle Beteiligten jetzt ihre Ansprechpartner persönlich und können von einander lernen. Auch habe die Polizei durch die verstärkten Kontrollen jetzt ein detailliertes Gesamtbild im Bereich der Wohnungsprostitution in der Region.
Die Polizei sieht diese Kontrollen auch als Gelegenheit, sich gegenüber den betroffenen Frauen als ansprechbar zu präsentieren und ihnen auf Wunsch auch Kontakte zu Hilfsorganisationen zu vermitteln. Auch das Koblenzer Bauamt ist mit der Kooperation zufrieden: In einigen der durchsuchten Objekte wohnten inzwischen wieder "normale" Mieter, heißt es.