Zuhal Resne schaut auf den Monitor. Die Leiterin der Beratungsstelle Selma ist auf Internetplattformen wie "Kauf mich" oder "Ladies" unterwegs. Sie sucht nach Frauen, die möglicherweise ihre Hilfe benötigen.
Freier können auf den Seiten eingrenzen, was sie suchen: Frauen als Sexobjekte, gelistet nach Alter, Herkunft und danach, was sie für Geld bereit sind zu tun. Resne gibt ihren Standort ein und bekommt Profile über Frauen angezeigt schon in zwei Kilometern Entfernung, in einer Wohnung.
Wohnungsprostitution in Mainz verbreitet
Die Sozialarbeiterinnen der Beratungsstelle Selma listen wöchentlich systematisch auf: Wie viele Menschen bieten sich als Prostituierte in Bordellen an, wie viele in Hotels, wie viele in Wohnungen? Und sie stellen fest: Seit Corona hat die Wohnungsprostitution extrem zugenommen.
Bis zu 88 Frauen seien in Mainz gleichzeitig in privaten Räumen "verfügbar". Zuhal Resne geht davon aus, dass die meisten dieser Frauen illegal arbeiten. In Mainz ist ihr nur eine Terminwohnung bekannt, die offiziell für Prostitution erlaubt ist.
Frauen im Verborgenen ohne Schutz vor Gewalt
Was sich in den Wohnungen abspielt, ob Frauen Zwängen ausgesetzt sind, das wissen die Behörden nicht.
Oft werden die Frauen mutmaßlich von Dritten in Appartmenthäusern eingebucht, zum Beispiel in ehemaligen Studentenwohnheimen mit vielen Ein-Zimmer-Appartments. Oder es werden Ferienwohnungen für sie gebucht.
Wohnungsprostitution weitgehend unentdeckt
Die Adressen der Anbieterinnen erfahren die Freier meist erst, wenn sie mit ihnen über Textnachrichten auf dem Handy Kontakt aufgebaut haben. Dann werden zumeist erst Preislisten verschickt und Details vereinbart. Behörden und die Beratungsstelle Selma kommen dann oft nicht weiter.
Behördenübergreifende Zusammenarbeit Nach Prostituiertenmord: Koblenz geht gegen illegale Wohnungsprostitution vor
Prostituierte leben gefährlich - das wurde Koblenzer Behörden nach einem Mordfall im Jahr 2023 schmerzlich bewusst. Deshalb arbeiten sie jetzt noch stärker mit der Polizei zusammen.
Das Ordnungsamt in Mainz arbeitet bei Kontrollen von mutmaßlichen illegalen Terminwohnungen mit der Polizei zusammen. Im Jahr 2024 hat das Ordnungsamt 18 Kontrollen durchgeführt. Elf fanden in Wohnungen statt und sieben in Hotels.
Es ist ein Elend und es ist freiwillig. Allerdings ist fraglich, inwieweit man von "freiwillig" sprechen kann.
Inwieweit die Frauen ihre sexuellen Dienste und ihre Körper freiwillig für Geld anbieten, sei fraglich, sagt Resne. Selbst, wenn sie nicht von einem Zuhälter oder von kriminellen Organisationen dazu gezwungen würden.
Geldsorgen in Heimatländern
Die meisten hätten sehr große Geldsorgen in ihrer Heimat. Deswegen kämen sie aus Bulgarien, Rumänien oder aus anderen südosteuropäischen Ländern nach Deutschland. Neuerdings seien auch viele junge Frauen aus Asien in der Prostitution.
Sie alle kämen, weil sie gehört hätten, dass man hier mit Prostitution sehr viel Geld verdienen könne. Für sich selbst behielten die Frauen aber oft kaum etwas.
Das meiste Geld geht sofort in die Heimat. Krankenversicherungsbeiträge und Gesundheitsvorsorge für die Frauen selbst, fällt hinten runter.
Beratungsstelle Selma sucht Kontakt zu den Frauen
In der Geschäftsstelle in der Mainzer Altstadt haben die Frauen eine Anlaufstelle. Dort gibt es zweimal in der Woche ein offenes Café und eine Sprechstunde. Allerdings kommen die wenigsten Klientinnen von sich aus, so die Erfahrung der Sozialarbeiterinnen.
Deswegen suchen die Mitarbeiterinnen von Selma aktiv nach den Frauen im Internet. Wie die Freier versuchen sie sie anzuschreiben und ihnen ihren Flyer zu schicken.
Ausstieg ist ein langer und schwieriger Weg
Viele Frauen brauchen medizinische Hilfe und haben Schulden. Alleine kommen sie da nicht raus.Manchmal dauert es Jahre bis eine Frau sich meldet, sagt Resne. Anrufe nehmen die Betroffenen meist nicht entgegen oder sie wimmeln die Sozialarbeiterinnen ab.
Manchmal gäbe es aber auch Erfolgserlebnisse: Kürzlich habe sie einen Anruf von einer Frau bekommen, der sie vor mehr als einem Jahr ihre Hilfe angeboten habe. Die wolle jetzt endgültig raus aus der Prostitution, sagt Resne.