Ludwigshafen ist kein Einzelfall

Gewalt, Zerstörung und Drohungen - Schulen im Land unter Druck

Nach den Vorfällen an zwei Realschulen in Ludwigshafen melden sich immer mehr Schulen in RLP. Gewalt gegen Lehrkräfte nimmt zu, es herrscht oft ein Klima der Angst.

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Von Autor/in Oliver Böhm

Brandbriefe, Überlastungsanzeigen, Beschwerdebriefe. Seit Wochen kocht die Debatte um die Lage an rheinland-pfälzischen Schulen hoch. Auslöser war ein Amokalarm am Schulzentrum im Ludwigshafener Stadtteil Mundenheim Ende Oktober. Dort befindet sich auch die Karolina-Burger-Realschule Plus, die seitdem für Schlagzeilen sorgt. Dort sind Polizei und Feuerwehr seit Jahren ständig vor Ort, es gibt mehr als 100 Strafanzeigen. Im Mai bedrohte eine Schülerin sogar eine Lehrerin mit einem Messer.

Bildungsminister Sven Teuber (SPD) spricht im Interview mit dem SWR von "einzelnen Fällen, in denen tatsächlich Gewalt ausgeübt wird, wie es an der Karolina-Burger-Realschule war". Dort müsse man null Toleranz wahren und den Lehrkräften den Rücken stärken, so Teuber.

Der Minister spricht aber auch von einem gesellschaftlichen Problem. Das erlebe man etwa bei Angriffen auf Polizisten, Rettungskräfte und "schrecklicherweise jetzt auch bei Lehrerinnen und Lehrern."

Wir müssen aber auch sagen, Lehrerinnen und Lehrer sind nicht dazu da, Reparaturbetrieb von Gesellschaft zu sein, sondern Unterricht zu machen.

Gewalt und Vandalismus keine Einzelfälle

Rückmeldungen aus Rheinland-Pfalz belegen allerdings: Gewalt und Verrohung sind keine Einzelfälle. Eine Lehrerin aus dem Raum Mainz meldet sich bei der "Zur Sache"-Redaktion. Auch sie unterrichtet an einer Realschule Plus. Ein Interview vor der Kamera möchte sie nicht geben, will anonym bleiben. Aber sie schreibt auf, wie es an ihrer Schule zugeht: Unter Schülern gehöre gegenseitiges Beleidigen zum Alltag. Ebenso Provokationen und Lügen. Dazu komme Vandalismus. Verstopfte Toiletten, heruntergetretene Spülkästen, vollgeschmierte Wände. Durch TikTok-Videos angestiftet würden Schüler Stühle aus dem Fenster werfen oder Klassenkameraden die Hosen runterziehen.

Ähnliche Vorfälle gibt es offenbar an der Crucenia Realschule Plus in Bad Kreuznach. Im Namen des Kollegiums schreibt der Personalrat eine Überlastungsanzeige an Minister Teuber. Aggressivität, Respektlosigkeit, Aufsässigkeit auch gegenüber Lehrern, heißt es in dem Schreiben. Einige Schüler stellten eine ernsthafte Gefahr für die Schulgemeinschaft dar. "Diese Belastungsanzeige ist nicht unser erster Versuch, auf unsere Lage aufmerksam zu machen," heißt es in dem Schreiben an Minister Teuber. Zwar habe es vor fast zwei Jahren bereits ein Gespräch mit dem Ministerium und der Schulaufsicht gegeben. Aber: "Eine Verbesserung wurde nicht herbeigeführt."

Nach der Überlastungsanzeige habe es bereits zwei Treffen gegeben, so die ADD. Aber:

Alle Beteiligten sind sich aber darüber einig, dass vorschnelle Lösungen nicht zielführend sind.

Kaum Unterstützung von Eltern

Bis sich etwas ändert, wird es also dauern. Dabei wäre Eile geboten. Denn Unterstützung von den Eltern der Schüler, die Probleme machen, gebe es kaum. Oft seien die desinteressiert, nicht erreichbar, oder reagierten genervt, sogar beleidigend, heißt es im Brief der Crucenia Schule. Ähnliches schildert die Lehrerin aus dem Raum Mainz aus ihrer Schule: Ein 13-jähriger Junge weigerte sich seiner Lehrerin zur Begrüßung die Hand zu geben. Aus religiösen Gründen. Als Frau sei sie unrein. Würden Eltern auf solches Verhalten ihrer Kinder angesprochen, bezeichneten die die Lehrer als rassistisch.

Tabu-Thema Gewalt an Schulen

Wie herausfordernd die Lage an Schulen inzwischen ist, weiß Lars Lamowski von der Gewerkschaft VBE als Rektor einer Grundschule aus eigener Erfahrung. Aber es sei ein Tabu-Thema. "Man traut sich da nicht dran, man möchte nicht in die Öffentlichkeit", sagt Lamowski. Lehrerinnen und Lehrer müssten einen Ansprechpartner haben.

Es muss eine Stelle geben, die unabhängig erfasst, wie viele Gewaltvorfälle tatsächlich stattfinden. Das haben wir bis heute nicht.

Mehr als 100 Rückmeldungen beim Portal der CDU

Dass sich die Situation an Schulen in den vergangenen Jahren verschärft hat, belegen auch Zahlen des Innenministeriums aus der Polizeilichen Kriminalstatistik. Seit 2018 hat sich die Zahl der angezeigten Straftaten verdoppelt - auf fast 1.700 im vergangenen Jahr. Meist geht es um Körperverletzung.

Die CDU-Opposition im Landtag hat seit Mitte November ein Meldeportal für Lehrer, Eltern und Schüler - bislang gab es gut 120 Rückmeldungen, wenn auch meist anonym. CDU-Landeschef Gordon Schnieder hält das für ein klares Signal an die Landesregierung. Die Fehlerkultur müsse beim Bildungsministerium, bei der Landesregierung und bei der Aufsichtsbehörde liegen.

Bildungsminister Teuber hält davon allerdings wenig und spricht von einem "Petz-Portal". Das kenne er in diesem Zusammenhang aus Landesverbänden der AfD. Teuber verweist stattdessen auf das Startchancen-Programm von Bund und Ländern.

Schulen könnten sich über das Programm Hilfe von externen Experten holen und vor Ort selbst entscheiden, was sie brauchen, so Teuber. "An der Karolina-Burger-Realschule zum Beispiel wird das auch dazu führen, dass jetzt noch mehr Schulsozialarbeit kommt, weil die Schule sich da jetzt drum gekümmert hat."

Leidtragende der Situation sind nicht nur Lehrer, sondern auch die Schüler selbst. An der Crucenia Realschule in Bad Kreuznach haben einige Klassen Fehlzeiten pro Schuljahr von durchschnittlich mehr als 30 Tagen. Wie wollen die Schüler einmal ins Berufsleben starten? Und was ist mit der Mehrheit der Schüler, die lernen will? Der Personalrat sagt klar: "Ihr Recht auf Bildung bleibt hinter der Realität zurück."

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Oliver Böhm
Onlinefassung
Susanne Weber
Bild von Susanne Weber, Redakteurin bei SWR Aktuell in Rheinland-Pfalz

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