Forderung von Umweltschützern

"Den Flüssen mehr Raum geben": Hilft Renaturierung gegen Niedrigwasser?

Ausgetrocknete Bäche, Niedrigwasser in Rhein und Donau - der Sommer 2026 hat gravierende Auswirkungen. Umweltschützer fordern mehr Raum für Flüsse, um sie gegen Dürre zu wappnen.

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Von Autor/in Dominik Bartoschek

Auch wenn es in den vergangenen Tagen geregnet hat - das Niedrigwasser in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg bleibt uns erhalten. Und damit die Frage, wie in künftigen Dürreperioden mehr Wasser in den Bach- und Flussbetten fließt. Die Antwort vieler Umweltschützer: mehr Raum für Bäche und Flüsse. Was ist dran an der Forderung?

Warum sind Flüsse mit mehr Raum besser gegen Niedrigwasser gewappnet?

Selbst wenn Bäche und Flüsse während langer Regenperioden stark ansteigen oder sogar Hochwasser führen: Meist ist der Effekt schnell wieder verpufft. "Alles Wasser, das in den Fluss kommt, ist ein bis zwei Wochen später im Meer und damit für das Land verloren." So sagt es Karsten Rinke, der Leiter des Department Seenforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Magdeburg.

Gäbe es aber entlang des Flusses Auwälder, alte Flussarme und Überschwemmungsflächen, saugen diese wie ein Schwamm überschüssiges Wasser auf, speichern es und geben es in Trockenzeiten dann langsam an den Fluss oder Bach ab.

Doch Gewässer sind hierzulande häufig stark begradigt und künstlich in ihre Betten gezwängt. Gibt man ihnen wieder mehr Raum, dann hilft das, Niedrigwasser abzuschwächen oder hinauszuzögern.

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Was wurde in Baden-Württemberg bereits getan, um Flüsse und Bäche zu renaturieren?

In Baden-Württemberg werden schon seit Jahren Bäche und Flüsse renaturiert. Laut Umweltministerium in Stuttgart sind an den rund 13.500 Kilometern der wichtigsten Gewässer des Landes "im Zeitraum 2010 bis 2024 an circa 220 Kilometer Gewässerstrukturmaßnahmen fertiggestellt worden. Maßnahmen mit einem Umfang von 300 Kilometern waren mit Stand 2024 begonnen."

Das Ministerium räumt in seiner Antwort an den SWR aber ein, "dass der bislang revitalisierte Anteil im Verhältnis zur Gesamtlänge des Gewässernetzes weiterhin deutlich ausbaufähig ist." Als Erfolgsbeispiele nennt das Ministerium zum Beispiel das Projekt "Agile Iller" oder das Projekt "Flusspark Neckaraue Tübingen".

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Was wurde bereits in RLP getan, um Flüsse und Bäche zu renaturieren?

Für RLP sagt das Umweltministerium in Mainz auf Anfrage des SWR: "Im Rahmen der Aktion Blau+ wurden seit 1994 etwa 300 Millionen Euro nur für Renaturierungen ausgegeben. Die Strecke beläuft sich dabei auf über 1.650 Kilometer Projekte zur biologischen Durchgängigkeit oder zur Verbesserung der hydromorphologischen Bedingungen. Das gesamte amtliche Gewässernetz umfasst dabei etwa 15.000 Kilometer."

Als Erfolgsbeispiel nennt das Ministerium ein Renaturierungsprojekt an der Nister im Westerwaldkreis.

Geht da noch mehr?

Wünschenswert wäre das, doch es gibt ein Problem: Wer Flüssen mehr Raum geben möchte, muss ihn sich von anderen Nutzern zurückholen. Dazu schreibt das Umweltministerium in Stuttgart: "Die größte Herausforderung (...) liegt in der Regel in der Flächenverfügbarkeit. Gewässer benötigen Raum, der häufig landwirtschaftlich genutzt, bebaut oder durch Infrastruktur belegt ist." Aus Mainz heißt es: "Außerhalb der Ortslagen liegen oft land- oder forstwirtschaftliche Flächen bis an den Gewässerrand und werden dementsprechend auch bewirtschaftet und stellen für die Nutzer einen erheblichen Wert da."

Das bedeutet: Renaturierungen würden zwar effektiv gegen Niedrigwasser helfen, seien an vielen Stellen mangels Flächen aber nicht oder häufig nur mit Konflikten umsetzbar.

Das Umweltbundesministerium sieht die besten Chancen auf die Renaturierung von Auen "in gering besiedelten Gebieten, beispielsweise an Elbe, Havel und Oder sowie den alpinen Zuflüssen zur Donau." Heißt im Umkehrschluss: Im oftmals dicht besiedelten Südwesten, vor allem entlang des Rheins, ist das Potenzial nicht allzu groß.

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Wenn Renaturierungen kaum umsetzbar sind - könnten Talsperren helfen?

Eine Talsperre als Wasser-Reservoir für den Fluss - diese Funktion erfüllt der Edersee in Hessen. Aus ihm kann in Trockenzeiten Wasser abgelassen werden, um den Wasserstand der Weser anzuheben. Wäre so etwas auch für Rhein und Donau denkbar, damit dort die Pegelstände nicht zu stark absinken?

Boris Lehmann, Lehrstuhlinhaber des Fachgebiets Wasserbau und Hydraulik an der TU Darmstadt, winkt auf SWR-Anfrage ab. Der Rhein sei viel größer und breiter als die Weser, es brauche große Wassermengen, um den Wasserstand zu erhöhen. Dafür seien Staubecken in einer Größenordnung nötig, dass es "gewässerökologisch und für die Landschaft ein Desaster" wäre. Für solche Talsperren sieht er deshalb "klare technische (...), aber vor allem auch gewässerökologische und naturschutzfachliche Hürden".

Was muss stattdessen geschehen, um Niedrigwasser zu bekämpfen?

Dafür muss unsere gesamte Landschaft, bildlich gesprochen, zu einem Schwamm werden. Statt möglichst schnell über die Kanalisation abzufließen, würde Regenwasser dann nämlich gespeichert. Helmholtz-Forscher Rinke sagt dazu: "Es gilt langfristig, den Wasserrückhalt in der Landschaft zu maximieren. Sogenannte schnelle Abflusskomponenten - zum Beispiel von versiegelten Flächen oder Entwässerungsmaßnahmen wie Drainagen - müssen in langsame Abflusskomponenten verwandelt werden, in denen das Wasser versickert anstatt abzulaufen."

Genau das wird zum Beispiel in zahlreichen Wäldern in RLP und Baden-Württemberg bereits umgesetzt: Entwässerungsgräben werden zugeschüttet, Versickerungsgruben angelegt. Das hilft den Bäumen, mit der Trockenheit klarzukommen. Aber es hilft auch Bächen und Flüssen. Denn ein Schwamm, der sich bei Regen vollsaugt, gibt das Wasser bei Dürre wieder ab, und speist damit Bäche und Flüsse. Es handelt sich um einen guten Weg, um Niedrigwasser selbst dort vorzubeugen, wo es kaum möglich ist, den Flüssen mehr Raum zu geben.

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Erstmals publiziert am
Stand
Onlinefassung
Marc-Julien Heinsch
SWR-Redakteur Marc-Julien Heinsch
Autor/in
Dominik Bartoschek