Niedrigwasser durch Trockenheit

Weniger Wasser im Bodensee: Welche Schätze jetzt zum Vorschein kommen

Der Bodensee führt so wenig Wasser wie selten. Rund um Reichenau, Mettnau und Lindau entstehen neue Inseln, die Uferlinie verschiebt sich und historische Geschichten werden lebendig.

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Von Autor/in Friederike Fiehler

Der Bodensee führt derzeit ungewöhnlich wenig Wasser. Das hat sichtbare Folgen für die Landschaft: Das Ufer verschiebt sich weit in die Flachwasserzone hinein. Immer mehr Seegrund liegt frei - und an einigen Stellen entstehen neue, kleine Inseln.

Wie stark sich der See bei Niedrigwasser verändern kann, zeigen historische Tiefstände. Viele seiner ungewöhnlichen verborgenen Orte kommen jedoch erst zum Vorschein, wenn der Pegel noch deutlich weiter sinkt.

Niedrigwasser am Bodensee: Diese Inseln sind schon sichtbar

Besonders deutlich zeigt sich das Niedrigwasser derzeit rund um die Insel Reichenau (Kreis Konstanz). Dort liegen mehrere Untiefen, die normalerweise vom Bodensee bedeckt sind. Sie heißen Straßenrain, Stuhlrain und Bradlenrain. Inzwischen ragen sie aus dem Wasser. Das bestätigte die Wasserschutzpolizei Reichenau dem SWR. Auch können westlich des Stuhlrains bei Niedrigwasser größere Steine aus dem Bodensee auftauchen.

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Der Grund dafür liegt unter Wasser. Der Untersee ist rund um die Reichenau an vielen Stellen sehr flach. Der Seegrund fällt nur langsam ab. Sinkt der Wasserspiegel um wenige Zentimeter, können deshalb große zusätzliche Flächen trockenfallen.

Liebesinsel bei Radolfzell: Niedrigwasser macht den Weg frei

Auch an der Halbinsel Mettnau bei Radolfzell (Kreis Konstanz) verändert das Niedrigwasser die Landschaft. Die kleine unbewohnte Liebesinsel liegt nur wenige Meter vor der Spitze der Halbinsel. Inzwischen ist der Wasserstand so niedrig, dass zwischen Mettnau und Liebesinsel Seegrund trockenliegt. Die Insel wäre damit theoretisch zu Fuß erreichbar.

Betreten darf man sie deshalb aber nicht. Die Liebesinsel liegt im Naturschutzgebiet. Die geschützten Flächen dürfen auch bei Niedrigwasser nicht betreten werden.

Lindau: Bei Niedrigwasser zu Fuß auf die Insel Hoy

Eine andere Folge des Niedrigwassers lässt sich bei Lindau beobachten. Die kleine Insel Hoy liegt gut 100 Meter vom Ufer entfernt. Normalerweise ist sie vollständig von Wasser umgeben. Bei niedrigem Wasserstand kann sich das ändern. Dann wird das Wasser zwischen Insel und Festland so flach, dass die Hoy zu Fuß erreichbar sein kann. Aus einer Insel wird vorübergehend fast ein Teil des Festlands. Üblicherweise passiere das insbesondere im Winter, heißt es von der Stadt Lindau. Die diesjährige Situation entspreche nicht den üblichen Verhältnissen der vergangenen Jahre, sagte eine Sprecherin. Auch in der flachen Reutiner Bucht verändert sich die Uferlinie deutlich. Seegrund und breite Uferflächen können zum Vorschein kommen.

Die Insel Hoy im Bodensee im Jahr 2020. Damals war die Mauer unbeschädigt, die Weide hat aber bereits ihren Hauptast verloren.
Die Insel Hoy im Bodensee im Jahr 2020 - im Sommer umrundet von Wasser. Pressestelle Stadt Lindau (Archivbild)

Auch am österreichischen Ende des Bodensees hinterlässt Niedrigwasser sichtbare Spuren. Rund um Bregenz und besonders Richtung Rheinmündung gibt es ausgedehnte flache Uferbereiche. Allerdings ist die Gegend an der Rheinmündung ein Sonderfall. Der Alpenrhein bringt ständig Material wie Sand und Kies in den Bodensee. Dadurch verändert sich der Untergrund dort immer wieder. Wann dort der Seegrund zu sehen ist, lässt sich deshalb nicht an einem bestimmten Pegelstand messen.

Was könnte bei weiter sinkendem Bodensee noch auftauchen?

Die bisher sichtbaren Flächen sind noch lange nicht alles, was der Bodensee bei extremem Niedrigwasser preisgeben kann. Fällt der Pegel weiter, werden aus kleinen Kiesbänken große Inseln.

Wie groß die vorübergehenden Inseln werden können, zeigt das Jahr 1972. Damals sank der Pegel Konstanz im März auf rund 237 Zentimeter. Der Straßenrain zwischen Reichenau und Mettnau ragte weit aus dem Wasser. Aus der normalerweise überspülten Untiefe war eine richtige Insel geworden. Und die Reichenauer nutzten die seltene Gelegenheit: Am 26. März 1972 wurde auf dem Straßenrain ein Fest gefeiert. Hunderte Menschen kamen. Die Bürgermusik spielte auf dem normalerweise überfluteten Seegrund. Ein Gedenkstein erinnert bis heute an das außergewöhnliche Ereignis.

Kaiserstraße im Bodensee: Was steckt hinter der Legende?

Im flachen Teil des Untersees liegt auch die sogenannte Kaiserstraße oder Königsbrücke. Dabei handelt es sich um flache Kiesrücken und Untiefen, die bei extremem Niedrigwasser aus dem Bodensee hervortreten können. Um sie ranken sich Geschichten von einer alten Verbindung durch den See von der Insel Reichenau zur Spitze der Halbinsel Mettnau. Eine richtig versunkene Straße ist bislang aber nicht nachgewiesen. Die natürlichen Kiesrücken gibt es dagegen tatsächlich.

Teufelstisch: Der spektakulärste Felsen wartet noch unter Wasser

Der vielleicht spektakulärste Niedrigwasser-Fund liegt nicht am Untersee, sondern im Überlinger See. Zwischen Konstanz-Wallhausen und der Marienschlucht liegt der Teufelstisch. Der Name passt zu seiner Form. Der Felsen besitzt oben eine ungefähr 22 Meter lange und zehn Meter breite Platte. Normalerweise liegt sie unter Wasser. Bei extremem Niedrigwasser kommt sie zum Vorschein. Und anders als bei vielen Sand- und Kiesbänken lässt sich beim Teufelstisch relativ gut eingrenzen, wann es spannend wird.

Der Teufelstisch im Bodensee am 6. August 2026.
So sah der Teufelstisch im Bodensee am 6. August 2026 aus.

Sinkt der Pegel Konstanz unter ungefähr 240 Zentimeter, können Teile der Felsplatte aus dem Wasser ragen. Je weiter der Wasserstand des Bodensees sinkt, desto mehr davon erscheint. Beim Niedrigwasser 1972 sank der Pegel Konstanz auf rund 237 Zentimeter. Damals lagen am Untersee große Flächen trocken. Auch der Teufelstisch war deutlich zu sehen.

Unterhalb von ungefähr 230 Zentimetern wird es spektakulär: Dann kann die gesamte Oberfläche des Teufelstischs aus dem Bodensee ragen. Solche Ereignisse sind allerdings selten. Berichtet wird davon unter anderem aus den Jahren 1823, 1854, 1858, 1909, 1949, 1963 und 1972. Seit mehr als 50 Jahren hat sich dieses Schauspiel nicht mehr wiederholt.

Der niedrige Wasserstand kann übrigens auch Gefährliches freilegen. So rät etwa die Stadt Friedrichshafen in einer Pressemitteilung zur Vorsicht bei ungewöhnlichen Funden. "Auch mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden in Friedrichshafen vereinzelt Bomben, Granaten oder andere Kampfmittel entdeckt", schreibt die Stadt. Wer beim Spazierengehen und Baden im See auf einen ungewöhnlichen Gegenstand stößt, möglicherweise aus Metall, sollte diesen auf keinen Fall berühren oder bewegen. Außerdem sollte umgehend die Polizei oder Feuerwehr informiert werden.

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Autor/in
Friederike Fiehler
SWR-Redakteurin Friederike Fiehler Autorin Bild

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