Den Pisa-Schock dürften viele noch nicht ganz überstanden haben, wenn heute Morgen die Schulglocke das neue Schuljahr einläutet. Die Studie hatte die schlechtesten Leistungen für Deutschland seit Beginn der Erhebung offenbart. Etwa jeder dritte Jugendliche hat Probleme beim Rechnen und Lesen. Es gibt also offensichtlich viel zu tun für die Bildungsexperten in Baden-Württemberg. Der SWR hat mit Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern, Gewerkschaftsvertretern, Eltern und dem Kultusminister gesprochen. Das sind die vier großen Baustellen der Bildungspolitik im Land:
Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung gilt
Ab dem beginnenden Schuljahr haben alle Erstklässler einen Anspruch auf Ganztagesbetreuung, bis 2030 gilt das für alle Grundschulkinder. Konkret bedeutet der Anspruch, dass die Kinder acht Stunden am Tag - inklusive der Unterrichtszeit - an der Schule betreut werden. Wie genau diese Betreuung aussieht, kann je nach Kommune sehr unterschiedlich sein: denkbar sind dabei Ganztagesschulen, Nachmittagsangebote von Vereinen oder Horte.
Die Bildungsgewerkschaft Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert genau das. "Konkrete Standards fehlen noch immer", sagt die Vorsitzende Monika Stein. Sie befürchtet deswegen einen "Holper-Start" für den Ganztag und erwartet von Landesregierung und den kommunalen Spitzenverbänden rechtliche Rahmenbedingungen für alle Bildungseinrichtungen.
Einschulung nach den Sommerferien Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung: Was Eltern jetzt wissen müssen
Im September startet das neue Schuljahr in Baden-Württemberg. Dann haben Erstklässler einen Anspruch darauf, werktags acht Stunden lang betreut zu werden. Wie ist die Lage?
Eines der wesentlichen Ziele dieses Rechtsanspruchs ist die Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit. Auch Kinder, die zuhause weniger gefördert werden, sollen das künftig verstärkt in der Schule erfahren. Damit begegnet die Ganztagesbetreuung auch einer zentralen Forderung, die viele aus den Pisa-Ergebnissen ableiten.
Ganztag - aber wie steht es um die Qualität?
Fraglich ist aber, ob die jetzt startende Betreuung qualitativ überhaupt diesem Anspruch genügt. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) fordert einen verbindlichen Qualitätsrahmen. "Entscheidend sind ausreichend qualifiziertes pädagogisches Personal, geeignete Räume und verlässliche Kooperationsstrukturen", sagt der VBE-Vorsitzende Gerhard Brand. Der Rechtsanspruch dürfe nicht nur formal erfüllt werden - entscheidend müsse die pädagogische Qualität des Angebots sein.
Auch Kultusminister Andreas Jung (CDU) sieht in dem Ansatz eine große Chance. Er wolle eine Debatte darüber führen, wie die Ganztagesbildung gestärkt werden kann, so Jung vergangene Woche.
Vor einer verpflichtenden Ganztagesbildung warnt aber Vanessa Scholz vom Landeselternbeirat. Es gebe auch Eltern, die ihre Kinder nachmittags zuhause betreuen wollen, gibt Scholz zu denken. Es brauche individuelle Lösungen, an deren Ausarbeitung auch die Eltern beteiligt werden.
Lehrkräftemangel besonders an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren
In den meisten Schularten in Baden-Württemberg ist der Lehrkräftemangel nicht mehr so groß wie in den vergangenen Jahren. Gerade in ländlichen Regionen können allerdings laut Kultusministerium nicht immer alle Stellen besetzt werden. Die "Mobilität bei angehenden Lehrkräften" sei weiter gering ausgeprägt. Das heißt: Junge Lehrkräfte bevorzugen Städte wie Freiburg oder Karlsruhe gegenüber ländlichen Regionen.
Eine Schulart kämpft jedoch überall seit Jahren mit massivem Lehrkräftemangel: die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ). Die Situation sei dramatisch, sagt die GEW. Viele Schulen hätten nur 80 Prozent oder weniger der erforderlichen Lehrkräfte. Zum Vergleich: Um Unterricht wirklich verlässlich garantieren zu können, rechnen Experten mit einer Lehrkräfteversorgung von 110 Prozent. Laut Kultusministerium fehlen an den SBBZ die meisten ausgebildeten Lehrkräfte. 35 Stellen sind aktuell unbesetzt. Verschärft wird die Situation dadurch, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler im Land ein sonderpädagogisches Bildungsangebot benötigen.
Wie steht es um die frühkindliche Bildung?
Eine Lehre, die viele aus den verheerenden PISA-Ergebnissen ziehen, ist eine konsequente Fokussierung auf Frühkindliche Bildung. Auch Kultusminister Jung: "Es stellt sich die Frage, ob wir bei der Erfassung von Sprach- und Entwicklungsständen noch früher ansetzen und noch stärker kindgerecht fördern können als bislang im Schnitt mit 4,3 Jahren." In den ersten Jahren würden entscheidende Weichen gestellt.
Eine Maßnahme mit diesem Ziel, die allerdings erst bei durchschnittlich Fünfjährigen greift, ist neu in diesem Schuljahr: die Juniorklassen. Laut Kultusministerium handelt es sich dabei um ein der Grundschule vorgeschaltetes, verpflichtendes Schuljahr für Kinder, die nicht ausreichend Deutsch sprechen oder andere Entwicklungsdefizite haben. Die Hoffnung ist, dass weniger Kinder eingeschult werden, die eigentlich noch nicht schulreif sind.
Außerdem soll bald nach dem Willen der grün-schwarzen Koalition das letzte Kindergartenjahr kostenfrei und verbindlich werden. Auch hier mit dem Ziel, Kinder besser auf die Schule vorzubereiten. Wann die Koalition diese Idee umsetzen will, ist derzeit allerdings offen. Und es gibt auch Kritik: Der Landkreistag verweist darauf, dass bereits jetzt fast 96 Prozent aller Kinder im letzten Jahr vor der Schule einen Kindergarten besuchen. Die Debatte betreffe also rund 4.500 Kinder jährlich. Das Land kalkuliert derzeit mit Kosten von 200 bis 250 Millionen Euro pro Jahr für ein verbindliches, beitragsfreies letztes Kita-Jahr. Kritiker sagen, dieses Geld müsste gezielter eingesetzt werden.
Forderungen nach Demokratiebildung
Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD - eine dort als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei - die mit Abstand meisten Stimmen erhielt, mehren sich die Rufe nach mehr Demokratiebildung in der Schule. Besonders laut äußern sich dabei die Schülerinnen und Schüler selbst, etwa Johannes Stahl, Vorsitzender des Landesschülerbeirats (LSBR): "Wir können die Demokratie nur schützen, wenn wir lernen, warum wir die Demokratie schützen sollten und wie wir das tun." Der LSBR fordert deswegen, dass Gemeinschaftskunde künftig ab der siebten Klasse als Hauptfach unterrichtet wird.
Die GEW pflichtet Stahl bei. Demokratiebildung sei eine zentrale Herausforderung für die baden-württembergische Bildungspolitik, so die GEW-Vorsitzende Stein: "Unsere Demokratie ist in Gefahr. Es wird gerne davon gesprochen, dass Kinder zuerst Grundkompetenzen lernen müssen: Schreiben und Rechnen. Für mich gehören die Demokratiebildung und der selbstverständliche Umgang mit Vielfalt von Anfang an sowie in allen Schularten mit dazu."