Es ist noch nicht so lange her, da stellte das BW-Kultusministerium in einem internen Papier fest: "Bisher bleibt es dem Zufall überlassen, ob Schülerinnen und Schüler, die vom Schulbesuch zurückgestellt werden, in diesem Jahr eine gezielte und wirksame Förderung erhalten." Ein offensichtlich unhaltbarer Zustand, denn das Bildungsniveau in BW rutschte immer weiter ab. Schulstudien hatten ergeben, dass gut ein Drittel der Zehnjährigen große Probleme beim Lesen und Schreiben hat.
Der Handlungsdruck war also groß. Bei der Suche nach den Ursachen für diese Krise kam die grün-schwarze Landesregierung vor etwa zwei Jahren darauf, dass es vor allen Dingen an den Sprachdefiziten vieler Kinder aus Migrantenfamilien liegen müsse. Der Zuzug vieler ukrainischer Kriegsflüchtlinge verschärfte diese Problemlage noch einmal. Im Frühjahr 2024 einigten sich Grüne und CDU dann auf ein millionenschweres Paket zur Sprachförderung und den Slogan "Auf den Anfang kommt es an".
Ausbau dauert noch bis zum Schuljahr 2028/2029
Weil für den dringend benötigten Förderunterricht in Kita und Grundschule aber Pädagogen und Hilfslehrkräfte gebraucht werden, die nach und nach rekrutiert werden müssen, dauert es noch, bis alle Maßnahmen greifen. Bis zum Schuljahr 2028/2029 soll die Sprachförderung verbindlich werden, denn dann soll es ein flächendeckendes Angebot geben.
Ein Drittel der Kinder hat Bedarf an Sprachförderung
Verbindlich heißt dann auch, dass Eltern ihre Kinder in die Kita schicken müssen, wenn diese sprachlichen Nachholbedarf haben. Stellt sich also bei der verpflichtenden Schuleingangsuntersuchung durch das Gesundheitsamt heraus, dass ein ungefähr viereinhalbjähriges Kind kein Deutsch kann, muss es im Jahr vor der Grundschule in die Kita. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) geht davon aus, dass etwa ein Drittel zusätzlich gefördert werden müssen. Das wären ungefähr 30.000 Kinder pro Jahr.
Im letzten Kita-Jahr sollen diese Kinder ein intensives Sprachtraining mit vier Stunden pro Woche bekommen - in Gruppen mit durchschnittlich acht Kindern. Laut einem Sprecher des Kultusministeriums gibt es bisher 950 solcher Sprachfördergruppen, die aus maximal zwölf Kindern bestehen sollen. Das Ausbauziel sind aber 1.900 Gruppen, was man in zwei Jahren geschafft haben will.
Die Juniorklasse ist der 1. Klasse vorgelagert
Ein halbes Jahr vor der Einschulung sollen die Kinder dann nochmal getestet werden. Sprechen die Kinder danach noch immer nicht genug Deutsch, um eine Grundschule besuchen zu können, sollen sie ab dem Schuljahr 2026/2027 in sogenannten Juniorklassen gefördert werden - diese ist der Klasse 1 vorgelagert. Bisher gibt es dem Sprecher zufolge 274 sogenannte Grundschulförderklassen, die nun in Juniorklassen umbenannt werden. Bis zum Schuljahr 2028/2029 sollen landesweit 832 Standorte geschaffen werden. Die Juniorklassen haben 25 Wochenstunden Unterricht und eine Größe von zwölf bis 20 Schülerinnen und Schülern.
Vorbereitungsklassen für neu zugewanderte Kinder
Zuletzt gab es Irritationen über die Frage, ob Kinder mit nicht-deutscher Herkunftssprache, die die deutsche Sprache noch nicht im erforderlichen Maße beherrschen, nicht in Juniorklassen sollen. Hintergrund war eine Formulierung im entsprechenden Schulgesetz. Kultusministerin Schopper widersprach diesem Eindruck. Sie erläuterte, dass für Kinder, die erst seit kurzem in Deutschland sind und keine oder kaum Deutschkenntnisse haben, die sogenannten Vorbereitungsklassen vorgesehen sind. Diese gibt es ab der 1. Klasse und sind vor allem dafür vorgesehen, den Kindern Deutsch beizubringen.
Die neuen Juniorklassen seien dagegen für Kinder, bei denen erhebliche Sprachdefizite festgestellt worden sind. Hier gehe es eher um Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern oder Großeltern schon vor längerem nach Deutschland gekommen sind. Für alle Kinder mit Sprachproblemen gilt, dass sie auch nach dem Übergang in die "normale" Klasse weiter begleitende Förderung erhalten sollen. Hier soll auch der Ausbau des Ganztags an der Grundschule helfen. Ab dem Schuljahr 2026/2027 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung in der Grundschule.
Das Ministerium will auch das in Corona-Zeiten entwickelte Konzept "Lernen mit Rückenwind" weiter nutzen, bei dem Hilfskräfte wie Studierende zum Einsatz kommen. Statt sich aber auch pandemie-bedingte Lernlücken zu konzentrieren, soll das Programm vor allem darauf ausgerichtet sein, die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen an Grundschulen noch stärker zu fördern.
Daneben möchte das Kultusministerium mehr sogenannte multiprofessionelle Teams in die Grundschulen schicken. Bisher gibt es im Rahmen eines Modellversuchs an jeweils vier Standorten in den vier Regierungsbezirken solche Teams. Diese setzen sich aus Menschen mit unterschiedlichen Fachkenntnissen zusammen. Zum Beispiel gehören Handwerker oder Künstler dazu oder Physiotherapeuten und auch junge Menschen, die ein Freiwilliges Pädagogisches oder Freiwilliges Soziales Jahr oder einen Berufsfreiwilligendienst machen.