Arzt über Patient: "Ausgetrocknet, überhitzt, 40 Grad"

Hitze in Stuttgart: Notaufnahmen am Limit

Die Hitze stellt auch für die Notaufnahmen eine große Herausforderung dar. Ein Stuttgarter Klinikarzt fühlt sich durch die Belastung zeitweise an die Corona-Pandemie erinnert.

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Auch an diesem Tag Ende Juli soll es wieder heiß werden. Stephan Lorenz steht im Klinikum Stuttgart ein Arbeitstag mit bis zu 38 Grad Außentemperatur bevor. Der Oberarzt ahnt, was das für seine Arbeit in der Notaufnahme bedeuten wird. "Ich rechne leider damit, dass der ein oder andere sich gehörig verschätzt und hier am Ende Hilfe suchen wird", sagt der Oberarzt.

Die Reportage von SWR Aktuell-Reporterin Caroline Häfele bei YouTube:

Die Körpertemperatur muss runter

Gleich soll der erste Hitzepatient des Tages zu Lorenz und seinem Team in die Notaufnahme des größten Krankenhauses in Baden-Württemberg eingeliefert werden. Sie wissen, dass es sich um eine ältere Person aus seinem Pflegeheim handelt - "irgendwie ausgetrocknet, überhitzt, 40 Grad", erklärt der Stuttgarter Arzt. Sobald Hitze-Patienten und -Patientinnen da sind, gibt es ein Ziel: Die Körpertemperatur muss runter. "Das Ziel ist immer, 39 Grad zu erreichen, also ein normales Fieber, und die Werte über 40 Grad, über 41 Grad schnellstmöglich zu senken", so Lorenz.

Über einen Katheter werden Menschen von innen gekühlt

Sein Team setzt bei Hitzefällen zum einen auf vergleichsweise simple Methoden wie kalte Lappen. Zum anderen hat das Klinikum aber auch zusätzliches Equipment angeschafft: einen eigenen Kühlschrank voller Beutel mit Flüssigkeit. Über einen Schlauch wird Patientinnen und Patienten die gekühlte Flüssigkeit über die Blase in den Körper gepumpt, damit der Patientenkörper möglichst rasch von innen gekühlt wird.

Ein Mann hält einen Beutel voller gekühlter Flüssigkeit in der Hand.
Über einen Schlauch wird die gekühlte Flüssigkeit über die Blase in den Körper gepumpt.

Die Palette der medizinischen Hilfsmittel ist damit aber noch nicht ausgeschöpft. "Es gibt andere Konzepte, da packt man Patienten in Leichensäcke und leert Wasser rein", berichtet Oberarzt Lorenz. Doch für kritisch instabile Menschen sei das nichts. "Sie sind dann nass, die kann man nicht mehr greifen, da hält kein Pflaster mehr", erklärt er.

RKI: Wohl knapp 10.000 Hitzetote in diesem Jahr

Noch ist der Sommer nicht vorbei. Doch bereits jetzt schätzt das Robert Koch-Institut, dass allein in diesem Sommer in Deutschland knapp 10.000 Menschen an den Folgen zu hoher Hitze gestorben sind. Zum Vergleich: Bei Verkehrsunfällen sind im gesamten Jahr 2025 knapp 3.000 Menschen gestorben. Im Laufe der Jahrzehnte ist die Zahl der Hitzetage gestiegen, also der Tage mit Temperaturen von mindestens 30 Grad. 1950 erlebten die Menschen in Deutschland noch rund drei solcher Tage, vergangenes Jahr waren es bereits rund elf Tage und damit fast vier Mal so viele.

Klinik: Sportler mit Hitzschlag sind kein Massenphänomen

Diese Hitze macht vielen Menschen so zu schaffen, dass sie schließlich in einer Klinik behandelt werden müssen. Stephan Lorenz vom Klinikum Stuttgart fühlt sich durch die Belastung während der Hitzewelle zeitweise an die Corona-Pandemie erinnert. Die Rettungsfahrzeuge in Stuttgart fahren nicht nur zum Klinikum, sondern auch zum Marienhospital und zum Robert-Bosch-Krankenhaus.

Oberarzt Stephan Lorenz vom Klinikum Stuttgart steht vor der Kamera.
Oberarzt Stephan Lorenz vom Klinikum Stuttgart fühlt sich durch die Belastung während der Hitzewelle zeitweise an die Corona-Pandemie erinnert.

"Der akute Hitzschlag beim Sportler, der sich in der Hitze überanstrengt, kommt zwar vor", erklärt das Marienhospital auf SWR-Nachfrage. Sehr viel häufiger seien jedoch schwer vorerkrankte vor allem ältere geriatrische Patientinnen und Patienten betroffen. Durch die Hitze entgleise ihre chronische Erkrankung. "Vor allem Nieren- und Herzerkrankungen sind der Klassiker", so das Marienhospital.

Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses, erklärt auf SWR-Nachfrage, dass die Situation in der Notaufnahme seines Krankenhauses besser sei als im Juni bei der ersten großen Hitzewelle. Damals sei es über mehrere Tage hinweg noch heißer gewesen und Menschen hätten von lebensdrohlichen 43 Grad Körpertemperatur heruntergekühlt werden müssen.

Stuttgart

Robert-Bosch-Krankenhaus wappnet sich für die nächste Extremlage Abkühlung mit Eiswürfeln im Leichensack: Der Alltag im Krankenhaus während der Hitzewelle

Die extreme Hitze hat Spuren hinterlassen. Das Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart will künftig besser vorbereitet sein. Unter anderem hat man sich eine Eismaschine angeschafft.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Alte Gebäude erschweren die Arbeit bei Hitze

Hinzu kommt: Die meisten Krankenhäuser haben keine Klimaanlagen. Das belastet Menschen, die sich in der Klinik eigentlich von den Folgen der Hitze erholen sollen. Das liegt auch an Gebäuden aus einer Zeit, in denen Klimaanlagen noch keine große Rolle spielten. Darunter leiden nicht nur Patientinnen und Patienten, sondern auch die Beschäftigten.

Facharzt Mark Simon erklärt in der Notaufnahme des Klinikums Stuttgart, auch dieses Gebäude aus den 1960er-Jahren sei baulich nicht auf eine solche Hitze ausgelegt. Da helfe nur, "mit kleinen Klimageräten dagegen zu arbeiten - so gut wie es geht." Anders dagegen im Gebäude der Onkologie, das 2024 fertiggestellt wurde: Auch dank Decken- und Fußbodenkühlung ist es hier um etwa fünf Grad kühler.

Das Klinikum Stuttgart von außen
Nicht alle Gebäude des Klinikums sind recht neu, manche Altgebäude müssen umgebaut werden.

Früher waren Klimaanlagen verpönt

In Sommern wie in diesem Jahr rächen sich Fehlentscheidungen der Vergangenheit. Stephan Lorenz kritisiert, dass nicht vorausschauender gehandelt wurde. "Es sind Entscheidungen, die sind quasi vor 20 Jahren getroffen worden", erklärt er. Damals seien Klimaanlagen verpönt gewesen. Damals sei die vorherrschende Meinung gewesen, aus Gründen des Klimaschutzes sollten öffentliche Funktionsbauten nicht mit Klimageräten ausgerüstet werden. "Jetzt ist quasi politisch die Rolle rückwärts und die gleichen Leute sagen, 'Jetzt brauchen wir dringend überall eine Klimaanlage'", kritisiert Lorenz.

Das Klinikum Stuttgart investiert in Hitzeschutzmaßnahmen und versucht, durch mobile Klimageräte, Hitzeschutzfolien an Fenstern und eingerichteten "Cooling Zones" gegen die heißen Temperaturen zu bestehen. Durch Um- und Neubauten sollen bis 2033 mehr Stationen auf dem Stand sein, der schon jetzt zum Beispiel bei der Onkologie besteht.

Die Landesregierung hat nach der ersten Hitzewelle Ende Juni eine Arbeitsgruppe für den Hitzeschutz eingerichtet. Doch zunächst muss sie sich einen Überblick verschaffen. Das Land hat die Fördermittel für den Hitzeschutz in diesem Jahr erhöht. Ob das reicht, ist allerdings fraglich. Gemeinsam mit anderen Bundesländern hofft Baden-Württemberg deshalb auf zusätzliche Unterstützung vom Bund.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Caroline Häfele
Caroline Häfele ist Teil des Teams von "Zur Sache! Baden-Württemberg".
Christian Spöcker
Christian Spöcker, SWR

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