In Baden-Württemberg sind 1.440 Lehrerjobs unbesetzt - und 20 Jahre lang hat offenbar niemand etwas davon gewusst. Gleichzeitig müssen hunderte Referendare und Referendarinnen fürs Gymnasium fürchten, nach den Sommerferien ohne Job dazu zu stehen. Bringen die aufgetauchten Stellen neue Hoffnung? Wir haben mit jungen Lehrkräften aus Baden-Württemberg gesprochen.
1.440 unbesetzte Stellen: Neue Chance für Referendare?
Die Nachricht habe "eingeschlagen wie eine Bombe", sagt ein angehender Gymnasiallehrer aus der Region Karlsruhe, der aus Sorge vor beruflichen Konsequenzen lieber anonym bleiben will. Er ist Anfang 30 und hat bislang keine Stelle gefunden. "Erst einmal war die Euphorie groß", sagt der Referendar. Dann die Ernüchterung: Die offenen Stellen betreffen eher weniger die Gymnasien. Nach wie vor gebe es zwar die Möglichkeit, eine Stelle vor allem über Krankheitsvertretungen zu bekommen. Aber: "Die Aussicht auf eine unbefristete Stelle am Gymnasium ist nahezu hoffnungslos."
Die Aussicht auf eine unbefristete Stelle am Gymnasium ist nahezu hoffnungslos.
Wie konnten die Lehrerstellen so lange übersehen werden und wann werden neue Lehrkräfte eingestellt? Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu:
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Baden-Württemberg hat 1.440 Lehrerstellen unabsichtlich nicht besetzt, obwohl Lehrkräfte dringend gebraucht werden. Umso mehr Fragen stellen sich - die wichtigsten Antworten.
Lehrer ohne Job - auch wegen G9
Erst kürzlich war bekannt geworden, dass mehr als die Hälfte der angehenden Lehrkräfte fürs Gymnasium wohl nicht übernommen wird. Grund dafür ist der gesunkene Bedarf im Zusammenhang mit der Wiedereinführung von G9. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) möchte die Referendarinnen und Referendare fürs Gymnasium dagegen für andere Schulformen, an denen großer Lehrermangel herrscht, begeistern - etwa für berufliche Schulen, Real- oder Gemeinschaftsschulen.
Die freien Stellen will das Kultusministerium zügig nachbesetzen. Dabei liegt der Fokus auf Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ), aber auch die Krankheitsreserve über alle Schulformen hinweg soll aufgestockt werden. Eine dauerhafte Einstellungsmöglichkeit für Gymnasiallehrkräfte an SBBZ besteht nach Angaben des Kultusministeriums nur, wenn es dort einen Bildungsgang Gymnasium gibt. "Gymnasiallehrkräfte, die keine Stelle finden, können darüber hinaus als befristet Beschäftigte an SBBZ eingestellt werden", so der Sprecher weiter. Dann sei keine Verbeamtung möglich und der Vertrag sei grundsätzlich auf ein Jahr befristet.
Die unbesetzten Lehrerstellen waren auch bei SWR Aktuell Baden-Württemberg Thema:
Referendare: Kultusministerium soll schnell handeln
Der Referendar aus dem Raum Karlsruhe hat sich für Gemeinschaftsschulen und berufliche Gymnasien beworben, auch im ländlichen Raum - und erhielt bislang kein Stellenangebot, wie er sagt. Vom Kultusministerium erwartet der angehende Lehrer schnelles Handeln. "Die Belastungen für Lehrkräfte sind sehr hoch. Da gibt es keine Zeit, ein Jahr zu warten, bis man die Stellen besetzt."
Das Kultusministerium will Gymnasiallehrkräften eine vorübergehende Einstellung an anderen Schularten anbieten, verbunden mit einer Wechseloption nach drei Jahren ins gymnasiale Lehramt, hieß es. Das bedeutet, dass man an einer Schule unterrichtet, die das Abitur anbietet, was auch eine Gemeinschaftsschule sein kann. Es ist also keine Wechselgarantie ans Gymnasium. Der Referendar würde sich wünschen, dass es künftig weniger Hürden für den Wechsel zurück ans Gymnasium gibt, wie er sagt.
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Ist das ein Schildbürgerstreich? Über 20 Jahre fällt niemandem auf, dass in Baden-Württemberg hunderte Lehrerstellen unbesetzt sind. So reagiert das Kultusministerium.
Privatschule abgesagt - jetzt keinen Job
Wenig Hoffnung auf einen Job nach den Sommerferien - trotz der aufgetauchten Stellen - hat auch eine Referendarin aus dem Enzkreis. Auch sie möchte lieber anonym bleiben. Die Nachricht von der IT-Panne und den unbesetzten Stellen konnte sie zuerst nicht glauben. "Im Nachhinein wundert es mich aber nicht sehr stark, weil das ganze System sehr intransparent ist."
Es gibt keinen Lehrermangel, sondern Stellenmangel.
Die junge Frau befindet sich in den Endzügen ihres Referendariats und hat nach den Sommerferien trotz Bewerbungen keine Stelle. Sie sei nicht darüber informiert worden, dass es so wenige Stellen gebe. "Ich hatte im November eine Stelle an einer Privatschule und die habe ich abgelehnt, weil ich davon ausging, dass ich eine Stelle an einem öffentlichen Gymnasium bekomme", sagt sie. Hätte sie gewusst, wie wenig Stellen es geben werde, hätte sie sich auch in anderen Bundesländern beworben. Auch viele ihrer Kolleginnen und Kollegen aus dem Referendariat seien arbeitslos. An einer Privatschule oder Berufsschule jetzt noch unter zu kommen, hält sie angesichts der vielen arbeitslosen Lehrkräfte für wenig realistisch. "Es gibt keinen Lehrermangel, sondern Stellenmangel", ist sie überzeugt.