Interview zu neuem Schulfach "Informatik und Medienbildung"

Erziehungswissenschaftler Thomas Knaus: "Die Einführung dieses Pflichtfachs wurde schlecht vorbereitet"

Ist das neue Schulfach "Informatik und Medienbildung" der große Wurf in der Bildungspolitik? Experte Thomas Knaus sieht Versäumnisse bei der Vorbereitung, hält die Einführung aber trotzdem für richtig.

Zum Schulstart in Baden-Württemberg am 15. September bekommen alle fünften und sechsten Klassen an Haupt-, Gemeinschafts-, Real- und Werkrealschulen sowie Gymnasien ein neues Schulfach: "Informatik und Medienbildung" soll dann schrittweise je nach Schulart bis hinauf in die neunte, zehnte und im wiedereingeführten G9 elfte Klasse unterrichtet werden. Die Einführung ist eine Reaktion auf eine Debatte, die seit vielen Jahren geführt wird - und auf eine wiederholte Empfehlung der Kultusministerkonferenz (KMK).

Aber wird das neue Fach angesichts all der Herausforderungen der digitalen Welt den Erwartungen gerecht werden können? Der Erziehungswissenschaftler und Experte für Medienpädagogik und Bildungsinformatik, Thomas Knaus, zeigt sich im SWR-Interview skeptisch. Nicht zuletzt, weil die Einführung durch das BW-Kultusministerium seiner Meinung nach "schlecht vorbereitet" wurde.

SWR Aktuell: Herr Knaus, zur Einführung und damit zum Start des neuen Schulfachs "Informatik und Medienbildung" mit dem neuen Schuljahr am 15. September steht noch kein Bildungsplan, der vorgibt, was eigentlich vermittelt werden soll. Sie waren zwischenzeitlich als Wissenschaftliche Begleitung beteiligt. Wie lief das?

Thomas Knaus: Als Medienpädagoge und Bildungsinformatiker hätte ich mich tatsächlich gerne in die Bildungsplanentwicklung des Fachs "Informatik und Medienbildung" eingebracht. Ich halte das neue Fach für sehr sinnvoll und überfällig. Ich wurde im März 2025 für die Wissenschaftliche Begleitung angefragt - seitdem haben wir allerdings nur spärliche Unterlagen erhalten. Zwischen April und Juli haben mein Kollege und ich versucht, mit schriftlichen Hinweisen konstruktiv in den Prozess einzuwirken.

Leider haben wir auf unsere Anregungen kaum substanzielle Rückmeldungen erhalten, Einladungen zu Terminen kamen äußerst kurzfristig, und meine Kritik an der Struktur des Gesamtprozesses blieb ebenfalls unbeachtet. Deshalb habe ich im Sommer meine Zusage zurückgezogen - denn mein Eindruck war, dass wir Wissenschaftler*innen hier eher als Feigenblatt dienen sollten - ich bin aber definitiv keine Partizipationsattrappe!

Ein zentrales Problem sehe ich darin, dass das neue Fach in zwei voneinander getrennten Teilgruppen erarbeitet wird: einer für Informatik und einer für Medienbildung. Wenn man aber ein gemeinsames Fach plant, müssen die Inhalte auch konzeptionell und didaktisch miteinander verbunden werden. Ansonsten stehen sie nur nebeneinander - oder sogar in Konkurrenz zueinander. Just genau das konnte ich beobachten: Als dann nach "absolut unverzichtbaren Inhalten" der Medienbildung gefragt wurde, war mein Eindruck bestätigt, dass es am Ende eher um ein Fach "Informatik mit ein bisschen Medienbildung" geht. Das ist sicher nicht im Sinne der politischen Entscheidungsträger. Und es ist definitiv auch nicht in meinem Sinne.

Prof. Dr. Thomas Knaus ist Professor für Erziehungswissenschaften und Leiter der Abteilung Medienpädagogik der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg. Zum Wintersemester folgt er dem Ruf an die PH Heidelberg: Er wird dort in der Medienbildung forschen und lehren. Als Medienpädagoge und Bildungsinformatiker forscht er seit über zwanzig Jahren zum digitalen Wandel in Bildungseinrichtungen.
Der Erziehungswissenschaftler, Medienpädagoge und Bildungsinformatiker Thomas Knaus Thomas Knaus

SWR Aktuell: Bisher ist für die Lehrkräfte, die das neue Fach unterrichten sollen, lediglich eine Lesehilfe mit thematischen Empfehlung vorhanden. Gerade bei Eltern könnte das den Eindruck erwecken, die Neuerung schlecht vorbereitet und aktionistisch an die Schulen zu bringen. Und die Lehrkräfte mit der Aufgabe alleine zu lassen. Ist es eine gute Idee, mit so wenig klaren Vorgaben ein neues Pflichtfach zu schaffen?

Knaus: Mein Eindruck ist, dass die Einführung dieses Pflichtfachs schlecht vorbereitet wurde. Bildungsplanentwicklung ist komplex, in jedem Curriculum steckt viel Arbeit - aber dennoch hätte ein durchdachter und abgestimmter Bildungsplan pünktlich zum Start vorliegen können. Mit mehr Sorgfalt und besserer Kommunikation wäre das bestimmt möglich gewesen. Andererseits: Lehrer*innen, die im Studium oder einer Fortbildung informatische und medienpädagogische Kenntnisse erworben haben, werden das neue Fach in der Übergangszeit sicherlich auch ohne den finalen Bildungsplan sinnvoll ausgestalten können.

SWR Aktuell: Setzt die Lesehilfe aus Ihrer Sicht die richtigen inhaltlichen Schwerpunkte?

Knaus: Nein, sie ist weder aus informatischer noch aus medienpädagogischer Perspektive wirklich ausgereift - gerade die Medienbildung kommt insgesamt zu kurz. Das habe ich der Kommission bereits im Frühjahr zurückgemeldet.

Ein Beispiel: In der Lesehilfe taucht der Begriff "digitale Mündigkeit" auf. Das klingt auf den ersten Blick ganz nett. Dieser Begriff ist aber wissenschaftlich unscharf und bislang kaum etabliert. Begriffe sind nicht bloß Wortklauberei: Sie öffnen oder verschließen Zugänge zu bestimmten Konzepten. Wer von "Medienbildung" oder "informatischer Bildung" spricht, knüpft an lange Traditionen und entsprechend tragfähige wissenschaftliche Fundamente an. Und findet dann auch hilfreiches und bewährtes Lehr- und Lernmaterial. Wer stattdessen auf modern klingende Leitbilder, wie "digitale Mündigkeit" oder auch "ChatGPT-Kompetenz" setzt, läuft Gefahr, genau diese Anschlussfähigkeit zu verlieren. Die nun veröffentlichte Lesehilfe gehört übrigens zu den wenigen Dokumenten, die die Wissenschaftliche Begleitung einsehen durfte. Mit unseren Hinweisen zur Verbesserung sind wir aber offensichtlich nicht durchgedrungen.

Baden-Württemberg

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SWR Aktuell: Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, "Informatik und Medienbildung" in einem Fach zusammen zu unterrichten?

Knaus: Ja, - wenn die Lehrplanentwicklung wirklich interdisziplinär angelegt worden wäre, also Informatiker*innen und Medienpädagog*innen von Anfang an an einem Tisch gesessen hätten, dann hätte daraus ein zukunftsfähiges Fach entstehen können. Gerade weil wir in einer von Medien und Digitalisierung geprägten Welt leben, ist Medienbildung für Kinder und Jugendliche unverzichtbar. Eltern stoßen angesichts der schnellen medientechnischen Entwicklungen hier manchmal an ihre Grenzen. Schule sollte daher - auch im Sinne der Chancengerechtigkeit - diese Lücke füllen und Schüler*innen befähigen, Medien nicht nur anzuwenden, sondern sie kritisch zu reflektieren, kreativ zu gestalten und ihre gesellschaftliche Bedeutung zu verstehen. Informatik vermittelt die Prinzipien und Strukturen der digitalen Technik; Medienbildung ergänzt die Perspektive auf die kritische Nutzung, die kreative Gestaltung sowie die gesellschaftlichen Wechselwirkungen von Medien, digitalen Systemen und Plattformen. Diese beiden Disziplinen könnten sich also hervorragend ergänzen. Aber: Für ein gemeinsames Fach müssen die konzeptionellen Verbindungslinien zwischen ihnen herausgearbeitet werden - sonst bliebe diese Aufgabe den Schüler*innen überlassen, und das wäre meines Erachtens eine Überforderung.

SWR Aktuell: Was muss abseits des Erstellens eines Bildungsplans noch getan werden? Sind die Lehrkräfte in Baden-Württemberg aus Ihrer Sicht ausreichend ausgebildet für den Unterricht in "Informatik und Medienbildung"?

Knaus: Auch hier hören Sie von mir ein Nein. Zunächst ist es positiv, dass das Land Baden-Württemberg im neuen Schulgesetz die Grundlage für das neue Fach geschaffen hat. Auf dieser verlässlichen Basis könnten die Universitäten und Pädagogischen Hochschulen nun ihr Studienangebot erweitern - das müssen sie aber auch, denn sowohl die Informatik als auch die Medienbildung sind gerade in der Lehrer*innenbildung bisher personell nicht stark genug aufgestellt.

Für die Medienpädagogik gilt dabei, dass sie gleich dreifach relevant für das professionelle Lehrer*innenhandeln ist: Erstens gehört sie zur Persönlichkeitsbildung angehender Lehrpersonen, weil alle Lehrer*innen zunächst über eigene Medienkompetenz verfügen sollten - man kann schließlich nur das lehren, was man selbst beherrscht. Zweitens umfasst sie die medienpädagogische Kompetenz, also die Fähigkeit, die Medienkompetenz von Schüler*innen gezielt fördern zu können. Dazu gehört, Mediatisierung und Digitalisierung zu verstehen, Medienangebote für Lehr- und Lernprozesse kritisch zu bewerten, selbst zu gestalten und sinnvoll einzusetzen. Drittens fördert die Medienpädagogik auch mediendidaktische Grundlagen, die in vielen Fachdidaktiken bisher noch nicht ausreichend berücksichtigt werden. Und viertens gibt es in der Medienpädagogik auch originäre Fachinhalte, Konzepte und Ansätze, die in der Lehrer*innenbildung behandelt werden sollten. Für all das genügt aber keineswegs eine einzelne Vorlesung! Doch für weiterführende Seminare fehlt den Hochschulen bisher das nötige wissenschaftliche Personal.

SWR Aktuell: Sind die Schulen technisch ausreichend ausgestattet?

Knaus: Der DigitalPakt Schule des Bundes war ein wichtiger Schritt, weil er immerhin finanzielle Mittel bereitstellte. Technik und finanzielle Mittel allein reichen aber nicht - entscheidend ist auch die pädagogische, technische und organisatorische Unterstützung der Schulen bei Einrichtung, Betrieb und Wartung der IT. Ohne entsprechende Unterstützung fühlen sich viele Lehrer*innen und Schulen mit der Technik alleingelassen. Genau damit haben mein Frankfurter Team und ich uns über 20 Jahre beschäftigt, und wir konnten regional sehr viel erreichen. Es bräuchte nur mehr Nachahmer - auch hier im Ländle. Aber solche Unterstützungsprojekte gibt es bundesweit leider bisher nur selten.

SWR Aktuell: Medienbildung als eigenes Fach wurde ja immer wieder in der Debatte um unser Schulsystem gefordert. Kann ein Fach mit einer Schulstunde pro Woche all den Erwartungen und Herausforderungen der Zeit gerecht werden?

Knaus: Exakt: Die Forderung nach Medienbildung in der Schule ist keineswegs neu - sie reicht bis zum Jahr 1989 zurück, die Kultusministerkonferenz (KMK) hat das 1995, 2012 und 2016 erneut aufgegriffen. Bis heute aber bleibt die Umsetzung in der Praxis - zumindest in der Breite - nur wenig zufriedenstellend.

Eine einzelne Stunde pro Woche ist natürlich sehr wenig. Aber es ist immerhin eine Stunde, denn derzeit kommt die Medienbildung bei vielen Schüler*innen in noch geringerer Weise an. Die "Leitperspektive Medienbildung" klingt zwar in der Theorie sinnvoll, scheitert in der Praxis aber daran, dass Schule und Lehrer*innenbildung nun mal fachbezogen organisiert sind. Von den Lehrer*innen wurde im Kontext der Leitperspektive bislang erwartet, Medienbildung "nebenbei" in ihren Fachunterricht zu integrieren - das funktioniert aber schlicht nicht, wenn sie im Studium nur vereinzelt medienpädagogische Inhalte studieren können. Das Problem ist strukturell: An nur 51 von 426 Hochschulen kann man überhaupt Medienpädagogik oder Medienbildung studieren. Solange das so ist, bleibt die fächerübergreifende Umsetzung eine Illusion. Insofern ist nun ein eigenes Fach sehr sinnvoll - als Ort der Verankerung und Vernetzung. Also: Natürlich ist eine Stunde knapp bemessen, zumal Medienbildung und auch die Informatik jeweils genug Inhalte hätten, um je ein eigenes Fach zu füllen! Aber selbst ein knappes Fach wäre ein Schritt in die richtige Richtung - gegenüber einer Leitperspektive, die bisher nur in der Theorie funktioniert.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Marc-Julien Heinsch
SWR-Redakteur Marc-Julien Heinsch

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