Zu wenig Therapeuten und lange Wartezeiten

Psychische Störungen bei Jugendlichen: Wo bekomme ich in Karlsruhe Hilfe?

In Karlsruhe müssen immer mehr Kinder und Jugendlichen wegen psychischen Störungen behandelt werden. Das System ist aber alles andere als darauf vorbereitet.

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Von Autor/in Mirka Tiede

Psychologin Almut Munke vom Arbeitskreis Leben (AKL) in Karlsruhe steht zusammen mit Krisenbegleiterin Samantha Kurz vor einem Stuhlkreis einer 10. Klasse der Comenius Ganztagsrealschule an der Merkur Akademie. Sie hat Thesen zum Thema Suizid vorbereitet. Die Schülerinnen und Schülern sollen einschätzen, ob sie wahr oder falsch sind: "Diejenigen, die darüber reden, sich zu suizidieren, machen das sowieso nicht." Munke legt zwei Schilder auf den Boden. Auf einem steht "Ja" auf dem anderen "Nein". Die Klasse muss sich dann dementsprechend im Klassenzimmer positionieren.

Viele Vorurteile zum Thema Suizid in der Gesellschaft

Alle Schülerinnen und Schüler gehen in die Nähe des Zettels, auf dem "Nein" steht. "Ihr habt vollkommen recht, so ist es nicht", löst Almut Munke die Frage auf. "Die Menschen, die tatsächlich Suizid begehen, haben zu 80 Prozent in irgendeiner Form vorher mitgeteilt, dass sie diese Gedanken haben." In der Gesellschaft gebe es immer noch viele Vorurteile zum Thema Suizid, über das Thema werde nicht gerne geredet, so die Psychologin.

Die Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse der Comenius Ganztagsrealschule an der Merkur Akademie in Karlsruhe stehen am Schild, auf dem "Nein" steht.
"Wer über seinen Suizid spricht, macht es sowieso nicht." Die Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse der Comenius Ganztagsrealschule an der Merkur Akademie in Karlsruhe wussten schon, dass das nicht stimmt.

In Deutschland begehen laut Almut Munke jährlich etwa 10.000 Menschen Suizid. Die Zahl sei in den letzten Jahrzehnten immer stabil geblieben, erzählt die Psychologin den Schülerinnen und Schülern. Aber in den letzten Jahren sei sie angestiegen. Bei Menschen unter 30 Jahren sei Suizid die zweithäufigste Todesursache.

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Bedarf an Unterstützung bei psychischen Belastungen ist in Karlsruhe gestiegen

In den vergangenen Jahren sei der Bedarf an Unterstützung bei psychischen Belastungen gestiegen, erzählt Anja Hoffmann vom AKL gegenüber dem SWR. Den Peak habe man in der Coronazeit gemerkt. Die Menschen, die Hilfe suchen, werden immer jünger, so Hoffmann. Es kämen aber auch mehr Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen.

Bei dem Anstieg spielen verschiedene Aspekte eine Rolle: Beispielsweise, dass den Jugendlichen in der Coronazeit wichtige Bausteine in der normalen Entwicklung genommen worden seien - wie der Austausch mit Gleichaltrigen, erklärt die Expertin. Aber auch der russische Angriffskrieg in der Ukraine und die massiven Krisen, die danach folgten, hatten laut Anja Hoffmann und Almut Munke einen Einfluss auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen. Dabei habe in den Augen von Anja Hoffmann auch die bedrohliche Katastrophen-Rhetorik, die wenig Hoffnung lasse und wenig lösungsorientiert sei, Auswirkungen gehabt.

Gerade Schulen hätten beim AKL viel Bedarf angemeldet, sagt die Expertin. "Da wird unisono von den Lehrern gesagt, dass das ein Riesenthema geworden ist. Also sowohl selbstverletzendes Verhalten als auch Suizidalität oder Depressionen." Deswegen bietet der AKL an verschiedenen Schulen in Karlsruhe Workshops zur Suizidprävention an.

"Allgemein ist die ganze Jugend ein bisschen angespannt."

Das Angebot wird von den Jugendlichen gut angenommen. Es schaffe ein Bewusstsein, erzählt Schülerin Marlene Reiser. Inzwischen sei die Jugend auch schon viel informierter. "Ich glaube, vor 20 Jahren hätten noch nicht viele Leute in jungen Jahren mit dem Begriff Essstörung oder Depression so viel anfangen können", sagt sie. Sie selbst habe in ihrem Freundeskreis zwei Freundinnen, die Probleme hatten. Dort habe sie versucht, zu unterstützen und Verständnis zu zeigen.

Schülerin Marlene Reiser von der Comenius Ganztagsrealschule an der Merkur Akademie in Karlsruhe
Schülerin Marlene Reiser von der Comenius Ganztagsrealschule an der Merkur Akademie in Karlsruhe findet, dass die Jugend von heute schon viel über psychische Störungen weiß.

Allgemein sei die ganze Jugend angespannt. "Wenn man sich die politische Lage aktuell anschaut, ist es ein bisschen ungewiss, wie die Zukunft weitergeht - gerade wenn man jung ist und das alles mitbekommt, aber noch gar nicht die Möglichkeiten hat, mitzuentscheiden", erzählt die Schülerin. Sie selbst versuche aber positiv und entspannt zu bleiben.

Wenn ich mir jetzt jeden Abend den Kopf darüber zerbreche, ändere ich auch nichts.

Nicht jeder der Schülerinnen und Schüler kann über Probleme reden

Auch Marc Schuchart kennt ein paar Personen, die psychische Belastungen haben. Für ihn selbst sei es aber nicht so ein großes Thema. Als Junge falle es ihm aber schwer, über seine Probleme zu reden. "Wir werden so erzogen, dass ein Mann stark sein soll und nicht weinen darf."

Anders ist das bei Erlantz Murga Torre: "Wenn ich Probleme habe, dann rede ich meistens mit meiner Oma oder meiner Mutter - also mit Leuten, zu denen ich eine starke Verbindung habe, manchmal auch mit Freunden." Aktuell habe er vor allem Stress wegen der Schule. Denn demnächst stehen bei ihm die Prüfungen für den Realschulabschluss an.

System Schule ist nicht auf psychische Störungen vorbereitet

Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit in der Schule. Das System der Bildungseinrichtungen ist aber nicht darauf ausgelegt, sich um die psychische Gesundheit der Jugendlichen zu kümmern. "Im Moment ist Schule für Bildung zuständig, Medizin für Gesundheit und Jugendhilfe für Persönlichkeitsentwicklung. Und all diese Ressourcen wirken eher nebeneinander", sagt Jonas Nees von der Sozial- und Jugendbehörde in Karlsruhe. "Natürlich sprechen wir miteinander und kooperieren gut, aber es gibt letztendlich keinen ganzheitlichen Ansatz für das gute Aufwachsen."

Lehrkräfte seien nicht gut genug ausgebildet, um qualifiziert mit psychischen Belastungen und Störungen umgehen zu können. Das beobachtet Amina Memedi, Schulsozialarbeiterin der Schule. Dazu kommt aber auch noch die fehlende Zeit: "Ich unterrichte Fächer, in denen ich vorankommen möchte und muss. Und da ist es ein Spagat, wo sage ich: Ja, es geht weiter im Buch Seite ... und wo unterbreche ich den Schulalltag und gehe auf die Bedürfnisse, Nöte und Ängste der Schüler ein?", erzählt die Religionslehrerin der 10. Klasse, Elke Kalinski.

"Ich unterbreche öfter den Unterricht, um aktuelle Themen anzusprechen, zum Beispiel die Wahl in Amerika oder auch in Deutschland", sagt der Klassenlehrer Christian Schiel. "Ich denke, durch viele Gespräche kann man auch was bewirken, damit Unsicherheiten nicht entstehen." In den Augen von Amina Memedi müsste das komplette Schulsystem verändert werden. "Die Lehrer geben bereits ihr Bestes, aber das System setzt ihnen oft Grenzen."

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Wartezeiten für Therapieplätze liegt in der Regel bei einem Jahr

Es ist schwer, an Therapieplätze für Kinder und Jugendlichen zu kommen. Die Schülerinnen und Schüler müssten oft mit Wartezeiten bis zu einem Jahr rechnen, erklärt Amina Memedi. Sofort Unterstützung gebe es häufig erst dann, wenn es zu spät sei. Denn es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Psychotherapieplätzen, die von der Krankenkasse bezahlt werden.

"Das ist vom Gesetzgeber so gewünscht", erklärt Kai Sonntag von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. "Die Bundesregierung hat vor etwas mehr als 30 Jahren ein Regelwerk vorgegeben, wonach aus Kostengründen die Zahl der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte (und damit auch der Psychotherapeuten) begrenzt werden soll."

Kassenärztliche Vereinigung BW: Es gab bereits strukturelle Veränderungen

Die Kapazitäten seien bereits in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet worden. Und es habe bereits strukturelle Veränderungen gegeben, so Kai Sonntag. "So ist eine Akuttherapie eingeführt worden, ebenso Kurzzeittherapien und auch eine Sprechstunde, um Beschwerden erst einmal abzuklären. Hinzu kommt, dass auch Gruppentherapien verstärkt angeboten werden."

Das aktuelle System ist dennoch immer noch überlastet. Wie in vielen anderen Bereichen auch fehlt es außerdem an Fachkräften und Geld. "Wir müssen uns überlegen, wie kommen wir mit den bestehenden Ressourcen am besten klar?", sagt Jonas Nees. Dabei sei es wichtig, erklärt er, möglichst viel präventiv und frühzeitig einzugreifen, damit man im besten Fall gar nicht so viel Kapazitäten brauche. Insgesamt seien die Menschen aber schon deutlich sensibler und aufgeklärter, wenn es um das Thema psychische Belastungen gehe.

Wie helfe ich meinem Kind?

Ein Warnzeichen könne es sein, wenn das Kind sich zurückziehe, sagt Almut Munke. Zum Beispiel, wenn es ruhiger werde oder weniger erzähle. Auch bei nicht so redseligen Kindern sollten Eltern darauf achten. Oder auch wenn das Kind grundsätzlich sein Verhalten verändert, plötzlich viel mehr oder weniger isst, sein Äußeres vernachlässigt oder eine gedrückte Stimmung hat.

Ein Hinweis könne auch der fehlende Kontakt zum Freundeskreis sein. "Es gibt viele Kinder, die eh nicht mit den Eltern reden", erklärt die Psychologin. "Aber wenn sie nicht mehr in Kontakt mit dem Freundeskreis sind, dann sollte man eingreifen." Die Expertin empfiehlt, die Thematik direkt anzusprechen: "Du, ich nehme wahr, dass du ruhiger geworden bist, dass dich irgendwas zu bedrücken scheint." Damit signalisierten die Eltern dem Kind: "Ich sehe dich."

Danach solle man schauen, was kommt. Sollte der Jugendliche das Gespräch abblocken und es abstreiten, sollten Eltern wieder in die beobachtende Rolle gehen und das Thema nach einer gewissen Zeit wieder ansprechen. Auf jeden Fall sollten die Eltern dem Kind anbieten, entweder mit ihnen oder mit jemand anderem zu reden, rät Almut Munke. Anja Hoffmann empfiehlt darüber hinaus, sich als Elternteil selbst Hilfe zu holen. "Weil so was geht wirklich an die Substanz."

Es gibt verschiedene Hilfsangebote und Beratungsstellen in Karlsruhe, an die sich die Eltern, aber auch die Kinder selbst telefonisch oder schriftlich per E-Mail wenden können:

Wo frage ich nach einem Psychotherapieplatz?

Bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz kann der Patientenservice 116117 oder auch die Krankenkasse selbst helfen. Die verschiedenen Beratungs- und Hilfsangebote können darüber hinaus eine Überbrückung bieten, bis eine Therapie letztendlich beginnt.

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