Versprechen gebrochen?

Kinderarztmangel in Pforzheim: Ärztin wirft Stadt fehlende Unterstützung vor

Die Suche nach einem Kinderarzt ist für viele Eltern in Pforzheim eine Herausforderung. Nun ist ein Vorhaben der Stadt, die Situation zu verbessern, gescheitert. Eine Ärztin erhebt Vorwürfe.

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Von Autor/in Annika Jost

In Pforzheim gibt es zu wenig Kinderärzte. In den letzten Monaten hat sich die Situation für junge Familien sogar noch einmal verschärft. Der Grund: Das kommunale Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) der Stadt mit zwei Kinderärzten musste schließen. Doch eine Lösung, um die Lage für Eltern und ihre Kinder zu verbessern, ist offenbar noch nicht in Sicht.

MVZ in Pforzheim sollte eigentlich Situation verbessern

Die Kinder von Nicole Schumacher waren Patienten in der Kinderarztpraxis im MVZ. Mit ihrer chronisch herzkranken Tochter Lisanna war sie regelmäßig für Untersuchungen in der Praxis und um neue Rezepte abzuholen. Plötzlich stand sie im Juni dieses Jahres ohne Kinderarzt da.

Ich war geschockt, weil wir die vorherigen Jahre so gut betreut wurden in der Praxis.

Ursprünglich sollte das kommunale MVZ die Versorgungslage mit Kinderärzten in Pforzheim verbessern. Die Stadt hat dafür Anfang 2025 eine Kinderarztpraxis mit zwei Ärzten übernommen. Aus ihr ist das MVZ entstanden. Die Stadt habe versprochen die Praxis zu vergrößern und zusätzliche Ärzte einzustellen. Dafür ist die Praxis sogar in größere Räumlichkeiten gezogen.

Aber ein zusätzlicher Arzt, oder ein Arzt in Ausbildung, wurde nie angestellt. Obwohl es Interessenten gegeben habe, sagt Kinderärztin Monika Riexinger. Sie hat als eine von zwei Ärzten im MVZ gearbeitet und wirft der Stadtverwaltung vor, sich nicht an die alle Versprechungen gehalten zu haben.

Monika Riexinger glaubt, dass die Stadt Pforzheim sich mit dem MVZ überschätzt hat.
Monika Riexinger glaubt, dass die Stadt Pforzheim sich mit dem MVZ überschätzt hat.

Kinderärzte kündigen: MVZ in Pforzheim ohne Ärzte

Die Stadt Pforzheim äußert sich auf SWR-Anfrage schriftlich zu den Vorwürfen: "Die Anstellung zusätzlicher Ärzte stand immer unter der Bedingung der Förderung durch die kassenärztliche Vereinigung. Da diese nicht erfolgte, war auch keine Anstellung möglich."

Statt zusätzlicher Unterstützung sei aus der Stadtverwaltung mehr Druck gekommen, erzählt die Ärztin. Sie und ihr Kollege hätten immer mehr Patientinnen und Patienten behandeln sollen, während Gehälter zu spät überwiesen worden seien und es Streit über gestrichene Überstunden gegeben habe. Zu den Vorwürfen schreibt die Pressestelle der Stadtverwaltung, dass sie sich zu Personalangelegenheiten nicht äußern dürfe.

Der andere Kinderarzt in der Praxis im MVZ kündigte dann auf Ende Februar. Übrig blieb Monika Riexinger. Doch allein konnte sie den Betrieb nicht aufrechterhalten. Als auch in den Wochen danach keine Unterstützung kam, wie sie behauptet, beschloss auch sie zu kündigen. "Das ist keinem von uns leicht gefallen", betont Riexinger. "Wir hatten ein Vertrauensverhältnis zu den Patienten."

MVZ ohne Ärzte: So soll es weiter gehen

Seit Anfang August ist ein neuer Geschäftsführer des MVZ im Amt. Laut Stadtverwaltung sei er intensiv auf der Suche nach neuen Ärzten, die dort arbeiten wollen. Aktuell fokussiere sich die Suche allerdings auf den Bereich Hausärzte und Allgemeinmedizin, so die Stadt. Zeit hat sie dafür bis Ende des Jahres. Danach könnte der Kassensitz bei der Kassenärztlichen Vereinigung noch einmal um ein halbes Jahr verlängert werden, so die Stadt.

Es stehen hunderte Kinder ohne Kinderarzt da.

Der Wegfall der beiden Kinderärzte im MVZ habe die medizinische Versorgung von Kindern in Pforzheim noch schwieriger gemacht, so die Ärztin. In Pforzheim kommen auf einen Kinderarzt knapp 2.000 Kinder, das zeigt eine Auswertung des Vergleichsportals Verivox aus dem Jahr 2025. Zum Vergleich: Im bundesdeutschen Schnitt kommen 1.270 Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 15 Jahren auf einen niedergelassenen Kinderarzt. 

Auf Nachfrage des SWR berichten das Gesundheitsamt und die Kinder-Bereitschaftspraxis in Pforzheim von einem stabil hohen Niveau an Anfragen von Familien ohne Kinderarzt zu Impfungen und anderen ärztlichen Leistungen in den vergangenen Jahren.

Riexinger: "Stadt hat sich überschätzt"

Letztendlich habe sich die Stadt überschätzt, auch finanziell, glaubt Monika Riexinger. "Sie haben es sich einfacher vorgestellt, ärztliches Personal zu rekrutieren." Die Stadtverwaltung widerspricht auf Anfrage und schreibt, dass sie "mit der Gründung eines kommunalen MVZ Neuland betreten" hätten. Der gewählte Weg habe "Chancen eröffnet, [sei] aber auch mit Risiken verbunden [gewesen]".

Die jetzige Situation muss daher genutzt werden, um die unter den gegebenen Umständen bestmögliche Lösung zu finden. Daran arbeitet die Stadt mit dem neuen Geschäftsführer unter Hochdruck.

Hunderte Familien suchen neuen Kinderarzt: Nicht alle haben Glück

Kinderärztin Monika Riexinger hat mittlerweile eine neue Praxis in Remchingen im Enzkreis gefunden. Ein paar der Patientinnen und Patienten aus dem MVZ konnten in ihrer neuen Praxis aufgenommen werden. So auch Familie Schumacher mit Tochter Lisanna.

Nicole Schumacher war mit ihren Kindern Patientin im MVZ Pforzheim. Dann musste sie auf die Suche nach einem neuen Kinderarzt gehen.
Nicole Schumacher war mit ihren Kindern Patientin im MVZ Pforzheim. Dann musste sie auf die Suche nach einem neuen Kinderarzt gehen.

Da war ich sehr erleichtert. Es ist zwar ein Stückchen weiter weg. Aber das nehme ich in Kauf. Dann können wir eben nicht mehr mit dem Bus zum Arzt fahren, sondern müssen das Auto nehmen.

Sorgen macht sie sich allerdings um die Familien, die nicht einfach mit dem Auto in einen anderen Landkreis fahren können. Sie werden Schwierigkeiten haben, einen neuen Kinderarzt in Pforzheim zu finden, ist sie sich sicher.

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Autor/in
Annika Jost
SWR-Reporterin Annika Jost

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