Medizinisches Cannabis ist das einzige, was noch hilft. Dominik ist medizinisch "austherapiert". Der 31-jährige Tourette- und Asperger-Patient hat mehrere Medikamente und Therapien ausprobiert, bevor er etwas verschrieben bekommen hat, was ihm endlich hilft: Cannabis inhalieren. Mit dem GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz zahlen die Krankenkassen jedoch nicht mehr für medizinische Cannabisblüten.
Tics, Schmerzen und Übelkeit: Ohne Cannabis geht bei Dominik nichts
Dominik ist 31 Jahre alt und bereits Frührentner. Seine Tics schränken ihn im Alltag ein, aber verursachen auch Schmerzen. "Ich haue oder schlage mir selber auch auf die Knie, auf die Brust - eben als Tic", erzählt er. Schmerzen und Verkrampfungen durch seine Tics, innere Unruhe, Schlafstörungen und Morgenübelkeit: Dabei helfen ihm die Cannabisblüten. Ohne das medizinische Cannabis käme er morgens nicht aus dem Bett. "Ich kann mir nicht mal einfach eine Stulle schmieren", sagt Dominik. Zu groß wäre die Gefahr, dass er sich selbst mit einem Messer in der Hand während eines Tics verletzt.
Er verdampft oder vaporisiert die Blüten oder einen bestimmten Extrakt. Dann inhaliert er den Wirkstoff. Die Wirkung trete binnen wenigen Minuten ein. Ab dem Tag, an dem er zum ersten Mal Cannabisblüten vaporisiert hatte, sei es ihm viel besser gegangen, erzählt Dominik. "Ich hatte meine Tics weitestgehend im Griff."
Das waren die schönsten zwei Jahre, die ich in meinem Leben hatte.
Die Cannabisblüten haben Dominik so sehr geholfen, dass er sogar einen Minijob beginnen und seinen Führerschein machen wollte. "Das ist mir eigentlich in einer Nacht ohne Übergangslösung genommen worden."
GKV-Gesetz: Cannabisblüten werden nicht mehr gezahlt
Am 30. Juli 2026 ist das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz in Kraft getreten. Das Ziel ist, die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu stabilisieren. Damit gibt es seit August für gesetzlich Versicherte auch keine Kostenerstattung für medizinische Cannabisblüten mehr. Es gibt zwar andere Cannabis-Arzneimittel, die noch bezahlt werden, wie Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon - bei Dominik wirkt es aber nur, wenn Cannabis verdampft wird.
Laut Kassenärztlicher Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) haben 2.450 Menschen in Baden-Württemberg im ersten Halbjahr 2026 Cannabisblüten verschrieben bekommen.
Entweder ich bin bei Ärzten, Anwälten oder streite mit der Krankenkasse.
Auf einmal ohne Medikament oder Alternative
Das besondere an den Cannabisblüten sei, dass sie so schnell wirken. Das bestätigt auch Apotheker Felix Maertin von der Rhein-Apotheke Karlsruhe. Bei der Einführung des Gesetzes sei nicht klar gewesen, mit welchen alternativen Medikamenten die betroffenen Patienten versorgt werden könnten. Maertin merkt an, wie kurzfristig die gesetzliche Änderung gekommen ist: "Wir wurden von Gesetzgeber und Krankenkassen im Stich gelassen, indem nicht gesagt wurde, was es für Alternativen gibt, die erstattet werden."
Es sind jetzt fast zwei Monate, in denen Patienten keine Therapie bekommen und der Gesetzgeber sich noch überlegt, wie er auf diese Situation reagieren möchte.
Mittlerweile habe man Alternativen ausgelotet, so der Apotheker. Aber mit eigenem Risiko: "Wir wissen nicht, bezahlt es die Krankenkasse. Oder bezahlt sie es am Ende nicht."
1.300 Euro pro Monat und Existenzängste
Für Dominik gibt es kein Alternativmedikament, das wirkt. Im Moment muss er die Cannabisblüten selbst zahlen. Für seinen Bedarf kommt er in einem Monat zum Beispiel auf rund 1.300 Euro. Er habe finanzielle Ängste, weil er solche Summen von seiner Rente nicht finanzieren könne. Und Dominik sieht auch ein generelles Problem: Schwerkranke Menschen seien eben oft nicht in der Lage, zu arbeiten.
Ich stand von heute auf morgen ohne Medizin da, und ich habe wirklich Existenzängste.
Cannabisblüten gestrichen: Ersparnis durch andere Medikamente?
Dass mit dem GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung wirklich stabilisiert werden können, bezweifelt Dominik. Zumindest in seinem Fall. Eine orale Therapieeinheit, die er nehmen solle, koste rund 700 Euro - die Cannabisblüten für seinen Bedarf pro Tag 30 Euro. In der Regel zahlt man für medizinische Cannabisblüten zwischen vier und zehn Euro pro Gramm.
Die Konsequenzen zahlen wir am Ende sowieso alle: In der Form, dass die Patienten dann in Krankenhäusern landen, weil sie nicht gut therapiert werden.
Auch Apotheker Felix Maertin meint, dass die Rechnung im Bereich der Cannabisblüten nicht aufgehe. "Was mich so ärgert ist, wir reden jetzt über diese 2.500 Menschen, bei denen wir hoffen, dass wir dann Geld einsparen, indem wir die Blüten aus der Erstattung streichen."
Diese Patienten würden allerdings auf andere Arzneiformen umgestellt werden müssen, bräuchten erneut Arzt- und Apothekenkontakte und müssten beraten werden. Das würde zusätzliche Kosten verursachen, die bei weitem höher seien als das, was die Blüten am Ende kosten würden.
"Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll" Keine Cannabis-Blüten mehr auf Kassenrezept: Was das für Patienten bedeutet
Seit dem 30. Juli 2026 ist es per Gesetz verboten, medizinische Cannabis-Blüten auf einem Kassenrezept zu verordnen. Das soll Geld sparen. Für Patientinnen und Patienten ist das eine Katastrophe.
Dominik und seinen Angehörigen bleibt wie den anderen Betroffenen nur eins: Hoffen und weiter dafür kämpfen, das Medikament zu bekommen, das hilft. "Das sind alles Menschen, die haben dafür gekämpft", meint er. Seit dem Tag, an dem es ihnen weggenommen wurde, würden diese Menschen leiden. "Sie müssen jetzt wieder auf Opiate zurückgreifen, sie müssen wieder beweisen, dass man Sachen nicht verträgt. Und es nervt mich, weil es einfach nur Leid erzeugt - Leid bei kranken Menschen, die es nicht verdient haben."