"Es ist nicht mein Müll, aber mein Dorf"

Aus Liebe zu Deutschland sammelt dieser Engländer tausendfach Müll

Seit 18 Jahren wohnt Steve Townsley aus England bereits im Kreis Karlsruhe. Dass er seine Wahlheimat Deutschland liebt, zeigt er gerne. Zum Beispiel, indem er Müll sammelt.

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Von Autor/in Johannes Stier

Steve Townsley aus Stettfeld im Kreis Karlsruhe liebt Deutschland. Und das, obwohl er Engländer ist. Seiner Liebe zu Deutschland verleiht der Brite auf besondere Weise Ausdruck. In seinem Heimatort zieht er regelmäßig durch die Straßen und sammelt massenweise Müll auf.

Aus England über Griechenland nach Deutschland

Dass Steve Townsley Deutschland liebt, erkennt man nicht nur an seiner Tasse mit der Deutschlandflagge. Wer sich mit dem 71-jährigen Engländer unterhält, merkt schnell, wie verbunden er mit seiner Wahlheimat ist.

Seit 2008 lebt Steve mit seiner Frau Sharon in dem Zweitausend-Seelen-Ort Stettfeld. Verliebt in die Gegend haben sich die beiden, als sie im Griechenlandurlaub Deutsche kennenlernten. Die luden Steve und seine Frau in ihre Heimat nach Zeutern ein, einem anderen Ortsteil von Ubstadt-Weiher. Nach vielen Besuchen entscheidet sich das Paar vor 18 Jahren nach Stettfeld in Deutschland zu ziehen. Mittlerweile gehören der gut gelaunte Steve und seine fröhliche Frau im Ort einfach dazu.

Jeder kennt den Steve - und seine Frau natürlich auch. Und sein Hobby, Müll zu sammeln.

Weil er Deutschland liebt, sammelt er Müll

Dass Steve in Stettfeld bekannt ist wie ein bunter Hund, hat einen Grund. Denn weil sich der Brite in seiner deutschen Wahlheimat so wohl fühlt, will er etwas zurückgeben und fängt im vergangenen April an, Müll zu sammeln. Hundert Mal wollte er zunächst rausgehen, insgesamt 10.000 Teile Müll einsammeln.

Steve Townsley aus England sammelt Müll, weil er den Ort Stettfeld so liebt. Dabei trifft er zum Beispiel seinen Kumpel Rolf Gärtner.
Steve Townsley aus England sammelt Müll, weil er den Ort Stettfeld so liebt. Dabei trifft er zum Beispiel seinen Kumpel Rolf Gärtner. Johannes Stier

Mittlerweile hat er schon über 23.000 Teile Müll eingesammelt und sagt selbst, er könne nicht damit aufhören. Es mache fast ein bisschen süchtig. Und Steve Townsley ist noch lange nicht fertig mit dem "litter picking", wie er es nennt. Sein aktuelles Ziel: 35.000 Müllstücke aufsammeln.

Deutschland war ein spannendes Abenteuer, das sich gelohnt hat

Für Steve und seine Frau war der Umzug von England nach Deutschland damals ein Neuanfang. "Alles war neu, alles war frisch, es war ein neues Leben und eine Herausforderung, aber es war gut", sagt Steve. Und dann erzählen Sharon und Steve bei einer Tasse Tee in ihrem Haus, wie glücklich sie in Stettfeld sind. "Wir sehen von außen, wie gut es hier ist", sagen beide. Und sie erleben, dass die Menschen immer freundlich und hilfsbereit sind und dass es einfach schön hier ist, schwärmen beide.

Jeden Tag, wenn ich hier aufwache, ist es wie im Urlaub. Wir lernen etwas Neues und es macht immer Spaß.

Wenn Steve Zeit hat, trinkt er gerne Bier aus der Region und isst dazu ein knuspriges halbes Hähnchen, sein deutsches Lieblingsessen. Auch seine Frau Sharon ist Deutschland-Fan, versteht mittlerweile sogar die verschiedenen Dialekte der Bewohner im Pflegeheim, in dem sie arbeitet.

Das Ehepaar Steve und Sharon glücklich zu Hause in Stettfeld auf der Couch mit einer Tasse englischem Tee.
Das Ehepaar Steve und Sharon glücklich zu Hause in Stettfeld auf der Couch mit einer Tasse guten englischen Tee. Johannes Stier

Bei aller Liebe für Deutschland hat Steve Townsley seine alte Heimat in England natürlich nicht vergessen. Bei seinen Mülltouren trägt er ein Trikot seines Lieblingsfußballvereins Coventry City. Das Logo des Vereins prangt auch auf dem Mülleimer, mit dem er unterwegs ist. Mit einer Müllzange bewaffnet sammelt er alles Mögliche auf.

Zigarettenkippen, Papierfetzen, liegengelassene Fast-Food-Verpackungen und anderen Abfall. Sogar eine Viagra-Packung, ein unbenutztes Kondom und einen Schwangerschaftstest hat er schon gefunden, wie er lachend erzählt. Dabei zählt er jedes bisschen Abfall, das in seinen Eimer oder in der blauen Mülltüte landet, mit einem Klicker mit. Der unangenehmste Abfall war bislang eine Windel, erklärt Steve grinsend, "eine volle Windel".

Draußen sein, nachdenken, aber auch etwas zurückgeben

Beim Müllsammeln geht es Steve Townsley aber nicht nur darum, seinen Ort sauber zu halten. Trifft er auf andere Menschen, dann redet und lacht er mit ihnen. Steve und seine Frau Sharon leben seit 18 Jahren hier, fühlen sich wohl, schwärmen von den Menschen, der Landschaft und dem Essen. Mit der Aktion will er auch etwas zurückgeben, erklärt Steve. Und ganz nebenbei hat er durch das Müllsammeln schon drei Kilogramm abgenommen, erzählt er stolz.

Es ist nicht mein Müll, aber es ist mein Dorf. Es ist ein kleines Geschenk an Stettfeld.

Ab und an ein Besuch in der alten Heimat

Ab und an besucht das unerschrockene Paar die alte Heimat in England. Ansonsten macht Steve Werbung bei englischen Freunden für die Gegend rund um Ubstadt-Weiher und nennt sich grinsend inoffiziellen Tourismusbotschafter. Englischen Gesprächspartnern, die nicht verstehen können, wieso die beiden nach Deutschland gegangen sind, entgegnet Steve, sie müssten einfach mal zu Besuch kommen. In Deutsch sagt er wörtlich: "Wenn du gehst, du verstehst." Und sonst will er weiter Müll sammeln und einfach bleiben:

Meine Heimat ist hier, und ich hoffe für immer.

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Johannes Stier
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