Durch die andauernde Hitze stehen die Wälder in Südbaden unter Dauerstress. Ein Forschungsteam der Universität Freiburg hat deshalb ein Waldstück bei Ettenheim (Ortenaukreis) mit Technik ausgestattet. Mithilfe von Sensoren, Kabeln und Stahltürmen testen sie, wie gut sich die Bäume an die extreme Hitze anpassen - und welche Arten in Zukunft als klimaresistent gelten können.
Eingerollte Blätter, braune Nadeln: Wald leidet unter Hitze
Was fehlt ist nur das wiederkehrende Piepen der medizinischen Geräte. Sonst erinnert vieles an eine Intensivstation: Dünne Schläuche hängen in 26 Metern Höhe aus den Ästen, Kabel führen zu Sensoren, die gewissermaßen den Puls der Bäume messen. Und die Diagnose ist klar: Dem Wald geht es nicht gut.
"Wir sehen braune Flecken auf den Blättern, die Buchenblätter fangen an, sich leicht einzurollen", beschreibt Professorin Christiane Werner von der Universität Freiburg besorgt den Zustand. "Bei den Douglasien sehen wir braune Nadeln, das sind schon ganz deutliche Stresszeichen." Und das sind nur die offensichtlichen Symptome.
"So krass war es noch nie!"
Von den Sensoren werden jede Menge Informationen direkt in die Universität geschickt. Die Daten, die die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hier auswerten sind noch eindeutiger: "So krass war es noch nie. Wenn das jetzt so weitergeht über viele Wochen, dann könnte es hier auch kritisch werden", sagt Werner. Der Intensivpatient Wald könnte dem Hitzestress erliegen.
Erster Forschungswald starb den Hitzetod
Vor vier Jahren haben Forschende der Universität Freiburg begonnen das Waldstück bei Ettenheim zu verkabeln. Mehr als 1.200 Sensoren haben sie an Wurzeln, Blättern und Ästen angebracht und im Waldboden vergraben. Um hoch in die Wipfel zu kommen wurden drei Stahltürme gebaut.
Davor hatten sie ein Waldstück in der Rheinebene ähnlich ausgestattet. Die Wurzeln der Bäume gingen dort weniger tief, die Hitzebelastung war größer. Der Wald starb während der Messungen einfach weg.
Werner und ihre Kolleginnen und Kollegen messen unter anderem Gase, die die Blätter abgeben, Feuchtigkeit und Duftstoffe. Mit kurzen Lichtimpulsen prüfen sie, wie gut ein Blatt das Licht noch verarbeiten kann. "Das ist ein Indikator, wie gestresst ein Blatt schon ist", erklärt Christiane Werner.
Forschungsergebnisse sollen helfen Wälder zu schützen
Das Ziel der Wissenschaft: ein Frühwarnsystem für den Wald entwickeln und besser verstehen, wann es kritisch wird - lange bevor die Bäume massenhaft absterben. Die Expertinnen und Experten hoffen nämlich auf eine Selbstheilung.
Werner spricht von einem "Gedächtnis für Stress". Bäume können sich an wiederkehrende Belastungen erinnern. Kommt ein ähnlicher Stress erneut, reagieren sie oft robuster. Wie stark dieser Effekt ist und welche Arten davon profitieren, untersucht das Team.
Warum braucht es so viel Aufwand, wenn Försterinnen und Förster doch schon einiges über Baumarten wissen? Christiane Werner sieht großen Forschungsbedarf. Viele Annahmen zur Trockenheitsresistenz seien durch die letzten Extremjahre ins Wanken geraten. "Wir haben lange gedacht, dass zum Beispiel die Buche sehr gut angepasst ist an Trockenheit und an die extremen Hitzen. Und wir sehen jetzt seit den letzten paar Jahren, dass auch die Buche an ihre Grenzen kommt."
Klimawandel zentrale Ursache für das Sterben der Wälder
Die vergangenen Dürrejahre seit 2018 haben die Wälder bereits geschwächt, erklären die Fachleute. Die vergangenen beiden Jahre waren zwar feuchter, doch die aktuelle Trockenphase bewertet Werner als "absolut neu" in ihrem Ausmaß. Stadtbäume stehen unter noch größerem Druck - dort ist es heißer, der Boden oft versiegelt und die Wasserversorgung schlechter.
Für Werner steht fest, dass der Klimawandel die zentrale Ursache ist. Der Zusammenhang zwischen CO₂-Ausstoß und Erwärmung sei seit den 1970er-Jahren wissenschaftlich belegt. "Das ist keine neue Erkenntnis", betont sie. Dennoch werde zu langsam gehandelt. Der Intensivpatient Wald braucht dringend Hilfe.