In vielen Kindertagesstätten und Kindergärten fehlt Personal. Weil am Rhein (Kreis Lörrach) hat bereits einiges versucht, um neues Personal zu gewinnen. Doch bislang blieb der Erfolg aus. Mit indischen Auszubildenden soll sich das jetzt ändern.
Lakshit Roonwal sitzt am Boden, umringt von Kindern, und spielt mit Playmobilfiguren. Die Kinder halten sie ihm abwechselnd vors Gesicht und machen ein Ratespiel. Es wird viel gescherzt, gelacht und gealbert.
Indischer Mathematiklehrer: Deutsch hat er im Netz gelernt
Der 25-Jährige stammt aus einer Kleinstadt in Nordwest Indien und ist seit Juni in Weil am Rhein. In der Kita "Haus der kleinen Stühle“ wird er als Erzieher ausgebildet. In Indien hat er Mathematik und Pädagogik studiert. Anschließend drei Jahre als Lehrer gearbeitet. Deutschland war schon lange sein Traumland. Und so hat er sich die Sprache selbst beigebracht, sagt er, übers Internet. Das erforderliche Zertifikat legte er beim Goethe-Institut ab.
Ich war nervös, wusste nicht, ob ich an Gesprächen teilnehmen kann. Aber schon im Juni habe ich hier gemerkt, das geht und ich wurde selbstbewusster.
Lakshit Roonwal spricht sehr gut deutsch. "Alemannisch ist die nächste Herausforderung“, sagt Christoph Braun augenzwinkernd. Der Personalleiter der Stadtverwaltung hat den jungen Mann für die Ausbildungsstelle online interviewt und dann auch eingestellt. Die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung haben bei der Wohnungssuche geholfen und stehen auch weiterhin dem Auszubildenden zur Seite.
Weitere Inder kommen im Januar
Roonwal ist einer von zwei Indern, die mit ihrer Ausbildung im Dreiländereck begonnen haben. Anfang des kommenden Jahres kommen neun weitere hinzu. Bei dem Rekrutierungsprojekt sind weitere Gemeinden beteiligt: Binzen, Eimeldingen, Grenzach-Wyhlen und auch eine Kirchengemeinde, die händeringend Erzieher und Erzieherinnen suchen. So soll langfristig dem Personalmangel in den Kitas in der Region entgegengewirkt werden.
Reportage Bundesvibe in der ARD-Mediathek Wie die Kita-Krise Familien und Fachkräfte unter Druck setzt
Die ARD-Reportage Bundesvibe begleitet Familien und Fachkräfte im Alltag zwischen Betreuungsausfällen, steigenden Kosten und Jobdruck. Auch eine Mutter aus dem Raum Freiburg zeigt, wo das System hakt.
Die Idee, Arbeitskräfte in Asien anzuwerben und auszubilden, stammt vom Weiler Metzgermeister Jogi Lederer. Er hat schon mehrere Inderinnen und Inder in seinem Betrieb ausgebildet. Ein Projekt, das Nachahmer findet. Und das Weils Oberbürgermeisterin Diana Stöcker einfach mal ausprobieren wollte: "Wir brauchen Fachkräfte, nicht nur wir in Weil am Rhein und nicht nur wir in der Region, sondern in ganz Deutschland. Wir haben als Arbeitgeber schon viele Methoden ausprobiert: mit Quereinsteigern, mit Menschen mit Migrationshintergrund, die schon hier wohnen, die bereits hier sind und das ist jetzt ein anderes Modell." Mit dem sie hofft, Erfolg zu haben.
Wer ausbildet, profitiert meist selbst davon, weil die Mitarbeitenden bleiben. Davon ist Kita-Leiterin Sandra Trefzer überzeugt. Sie hat ein beständiges Team, viele ihre Mitarbeiterinnen sind teilweise mehr als 20 Jahre dabei. Mit Unterbrechungen, mit Babypausen, aber viele kämen wieder.
Frau als Chefin für indische Fachkraft ein Problem?
Für Sandra Trefzer ist Lakshit Roonwal ein Glückstreffer. Sie war begeistert, wie gut er deutsch spricht, sogar Witze mache er. Und er gehe gut mit den Kindern um. Erst war sie skeptisch, ob er als Mann mit einer Frau als Chefin zurechtkommt, zumal er aus einer stark männerdominierten Gesellschaft kommt. Aber auf die Frage beim Einstellungsgespräch sagte er nur: "Wir leben doch im 21. Jahrhundert!"
Lakshit Roonwal sagt, diese Einstellung habe er von seinem Vater. Der Vater habe ihn zurechtgewiesen, als er Kochen als Frauensache abgetan habe. Er habe ihm beigebracht, dass es keine typischen Frauen- und Männerberufe gäbe.
Lakshit Roonwal entdeckt viel Neues: "Ruhig ist es hier"
Den ersten Monat seiner Ausbildung zum Erzieher hat Lakshit Roonwal nun hinter sich. Er besucht regelmäßig die Berufsschule in Lörrach. Jeden Tag lernt der wissbegierige junge Mann etwas Neues hinzu, ob in der Schule, in der Kita oder im alltäglichen Leben.
Was ihm besonders gefällt? Das ist die Ruhe. Denn in Indien sei es viel lauter, selbst die Kinder in der Kita seien leiser und weniger chaotisch als seine Schülerinnen und Schüler in Indien. Auch Mülltrennung findet er gut und dass in Weil am Rhein die Grenzen in die Schweiz, nach Frankreich offen sind. Doch worauf er besonders gespannt ist: auf seinen ersten Schnee im Leben.