Eine Freiburger Delegation hat in dieser Woche die ukrainische Partnerstadt Lwiw besucht und sich dort ein Bild davon gemacht, wie der Krieg den Alltag in Lwiw prägt. Für Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) war es bereits der sechste Besuch in den vergangenen acht Jahren. "Ich war in jedem Kriegsjahr persönlich vor Ort", erklärte er. Die Städtepartnerschaft zwischen Freiburg und Lwiw besteht seit 1990 und hat für beide Seiten eine besondere Bedeutung.
Alltag trotz Krieg: Rund 58.000 Menschen aus Lwiw an der Front
Rund drei Tage waren Martin Horn und die Freiburger Delegation in der Ukraine. In Lwiw (früher: Lemberg) liege Alltag und Krieg nah beieinander, berichtet der Oberbürgermeister. Während die Menschen ihrem Alltag nachgehen, sei der Krieg überall präsent.
Auf der einen Seite gibt es ein tägliches Leben. Wir haben über 100.000 Studierende allein in Lemberg, das heißt, es ist eine junge, eine quirlige Stadt, auf der anderen Seite Leid, Elend und Krieg.
Aktuell würden rund 58.000 Einwohnerinnen und Einwohner aus Lwiw an der Front kämpfen. Gleichzeitig wachse der Friedhof für die Gefallenen immer weiter. Derzeit werde ein neues Gräberfeld angelegt. Jeden Tag gebe es Trauerfeiern für die Getöteten, so Horn.
Die Zerstörung der jüngsten Raketeneinschläge in Lwiw
"Ganz besonders greifbar wurde dieser furchtbare Krieg, als wir uns vor Ort die letzten Raketeneinschläge angeschaut haben." Besonders bewegt und erschüttert hat Freiburgs Oberbürgermeister das Schicksal einer Frau namens Tanja. Denn bei den jüngsten russischen Angriffen ist direkt neben ihrem Bett eine Rakete eingeschlagen. "450 Kilogramm Sprengstoff, der nicht explodiert ist", schildert Horn die Eindrücke von vor Ort.
Das muss man sich mal vorstellen, man liegt im Bett und die Rakete schlägt ein und trotzdem überlebt man, weil sie nicht explodiert.
Es blieb ein riesiger Krater in dem Hochhaus zurück, mehrere Wohnungen in dem Gebäude wurden zerstört.
Menschen in Lwiw zwischen Erschöpfung, Durchhaltevermögen und Mut
Der Krieg habe die Menschen sichtbar erschöpft, so Horn. Viele Familien haben Angehörige verloren, viele Verletzte Arme oder Beine. "Der Krieg zermürbt auf jeden Fall", sagte Horn. Gleichzeitig beeindrucke ihn die Widerstandskraft der Menschen: "Was ich in Lwiw an Kraft, Mut, Hoffnung und Durchhaltevermögen erlebe, das ist wirklich bemerkenswert."
Auch die Schnelligkeit bei den Entscheidungen, die vor Ort getroffen werden und bei der Verwendung der Spendengelder beeindruckt Freiburgs Oberbürgermeister.
Rund 3,4 Millionen Spendengelder aus Freiburg für die Partnerstadt
Aus Freiburg kamen nach Angaben der Delegation bislang rund 3,4 Millionen Euro an Spenden zusammen. Zunächst flossen die Gelder unter anderem in Notstromgeneratoren und Krankenhausinfrastruktur. Inzwischen liegt ein Schwerpunkt auf Prothesenversorgung und Traumatherapie. Freiburg unterstützt unter anderem eine Prothesenproduktion in Lwiw. "Die Freiburger Spenden werden sehr gezielt für ganz konkrete Projekte eingesetzt", so Horn.
Traumazentrum in Lwiw Wie Freiburger Kriegsopfern in der Ukraine mit Kunsttherapie helfen
Der Grundstein für ein Traumazentrum im größten Rehazentrum für Kriegsverwundete im ukrainischen Lwiw wird bald gelegt - auch dank vieler Spenden aus der Partnerstadt Freiburg.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit ausbauen
Während der drei Tage besuchte die Freiburger Delegation außerdem das Netzwerk "Unbroken". Ein Zusammenschluss aus medizinischen Einrichtungen, Reha-Zentren und Unterkünften für Veteranen. Dort seien bislang rund 27.000 Menschen versorgt worden. Das Netzwerk wächst weiter, weil der Bedarf durch den Krieg ständig steigt.
Neben humanitärer Hilfe wollen Freiburg und Lwiw auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit ausbauen. "Das ist nicht nur eine Stadt, die Hilfe braucht, sondern auch eine starke und selbstbewusste Stadt." Geplant seien weitere Kooperationen, vor allem im IT- und Start-up-Bereich.
Anhaltende Hitze auch für Lwiw eine enorme Belastung
Wie vielerorts belastet die anhaltende und extreme Hitze zusätzlich die Infrastruktur des kriegsgezeichneten Lwiw. Straßen und Gleise mussten gekühlt werden, damit sie weiter nutzbar blieben. Das fordere die Stadt zusätzlich heraus, so Horn.