Erst waren es Medikamente, Generatoren und Stromaggregate, zuletzt weitere Hilfsgüter, Lebensmittel, Spielzeuge und Kuscheltiere, die per Konvoi aus Südbaden in die Ukraine geschickt wurden. Der russische Angriff auf die Ukraine ist fast drei Jahre her und mit der Zeit haben sich die Hilfen angepasst. Inzwischen geht es um langfristige Unterstützung und einen Wiederaufbau - auch wenn ein Ende des Kriegs nicht in Sicht ist.
Ein Spendenprojekt der Freiburger Bürgerschaft, darunter der ehemalige SC- Freiburg-Trainer Christian Streich, soll den Aufbau eines spezialisierten Traumazentrums in der ukrainischen Partnerstadt Lwiw unterstützen. Zum Start der Aktion gab es am Donnerstagabend eine Spendengala im St.-Ursula-Gymnasium, moderiert von SWR-Redakteurin Charlotte Schönberger.
Eindrücke aus der Ukraine lieferten an diesem Abend etwa der Freiburger Oberstaatsanwalt Klaus Hoffmann, der für die Ermittlung und Verfolgung von Kriegsverbrechen immer wieder nach Kiew gereist war und Tetyana Khabibrakhmanova, für internationale Kontakte im Rathaus von Lwiw zuständig.
Videoschalte nach Lwiv: "Freiburg wurde für uns zur Familie"
"Es bedeutet uns immer noch sehr viel, wenn an uns gedacht wird", sagte Khabibrakhmanova per Videoschalte an dem Abend. Und Freiburg sei zur Familie geworden. Sie fühle die Unterstützung und ist dankbar für die vielen Freundschaften. Am Anfang des Jahres war mithilfe der Unterstützung der Stadt Freiburg eine Schule, die bei einem Raketenangriff auf das Stadtzentrum von Lwiw Anfang September zerstört wurde, wieder renoviert worden.
Im Alltag versuche man, ein normales Leben zu führen, erzählt Khabibrakhmanova - man gehe in Cafés und Restaurants. Lwiw ist durch die Lage im Westen bislang verhältnismäßig sicher. Doch mental sei es ziemlich schwierig, etwa wenn man von den vielen Toten in Charkiw, Poltawa oder Odessa höre, sagt Khabibrakhmanova.
Kriegsversehrte kommen zur Traumabewältigung nach Lwiw
Lwiw sei geprägt von den täglichen Schweigeminuten für die verstorbenen Soldaten, den "toten Helden", wie sie genannt werden. Beerdigungen gebe es weiterhin - jeden Tag um 11:30 Uhr, berichtet Khabibrakhmanova. Allein aus Lwiw seien um die 50.000 Soldaten an der Front.
Wenn sie ohne Hände oder Beine zurückkommen, müsse auch deren Kopf heilen, sagt Khabibrakhmanova: "Alles beginnt mit der Traumabewältigung." Und so entstand die Idee des Traumazentrums.
Bau des Traumazentrums in Lwiv soll im Frühjahr beginnen
"Maysternya", was so viel wie "Werkstatt" bedeutet, heißt die Traumahilfe. Sie soll das mit Spenden aus Freiburg unterstützte Rehazentrum "Unbroken", wo seit dem Jahr 2023 rund 20.000 verwundete Soldaten und Zivilisten Protesen erhalten haben, mit medizinischer Versorgung ergänzen.
Soldaten, zivile Opfer, Angehörige und Familien sollen in Lwiw die psychologische Hilfe erhalten, die im ganzen Land dringend benötigt wird - zum Beispiel auch durch Kunsttherapie. Ab dem Frühjahr soll das Zentrum in Lwiv gebaut werden - in dem Gebäude eines alten Heizkraftwerks. Für den Winter wurde das Kraftwerk noch bereitgehalten, falls die Stadt aufgrund von zerstörter Infrastruktur darauf zurückgreifen müsste.
Christian Streich von Film aus der Ukraine tief berührt
Die Ukraine ist bei uns ein bisschen aus dem Fokus gerückt, findet Christian Streich bei der Veranstaltung. Nach der Präsentation eines Videos über das Rehazentrum "Unbroken" zeigte sich Streich zutiefst berührt: "Du siehst Menschen, die an der Front waren, die ihre Beine und Arme verloren haben und total positiv darüber sprechen, wenn sie die Prothesen haben, damit sie anderen helfen können."
Das gehe einem ganz nahe, wenn man es unmittelbar mitbekomme, sagt Streich. Er nennt das Beispiel eines Mädchens aus Lwiw, die ein Bein verloren hat, und mit einer Prothese wieder fünf Kilometer joggen gehen kann. Das Projekt sieht Streich als etwas sehr Zukunftsorientiertes, als etwas, was die Menschen in der Ukraine brauchen: "Was Russland und Putin machen, ist katastrophal."
Stadt Freiburg hilft mit rund einer Million Euro
Die Stadt Freiburg hatte angekündigt, die Unterstützung für ihre Partnerstadt Lwiw weiter auszubauen. Im Mittelpunkt stehe demnach das dringend benötigte Trauma- und Rehabilitationszentrum, hieß es. Dort sollen zehntausende Kriegsversehrte behandelt werden. Aus Freiburg fließen Spenden in Höhe von rund einer Million Euro in das Projekt.
"Es ist wirklich sinnvoll in den Bereich der Traumahilfe zu investieren", sagt Anke Wiedemann. Als Zuständige für Internationale Beziehungen bei der Stadt Freiburg ist sie eng im Austausch mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus Lwiw, und mit ihnen "inzwischen freundschaftlich verbunden", sagte sie. Die großer Herausforderung dabei: Überlegen, wie die Stadt Freiburg ihren ukrainischen Partner langfristig unterstützen kann. "Irgendwann wird der Krieg hoffentlich vorbei sein", zeigt sich Wiedemann optimistisch. Aber damit seien die Wunden nicht geheilt.
Jeder gespendete Euro aus Bürgerschaft von Stadt Freiburg verdoppelt
Für die Traumahilfe kamen am Donnerstagabend im St.-Ursula-Gymnasium etwa 45.000 Euro Spenden zusammen. "Ein tolles Zeichen der Solidarität", so Wiedemann. Die Summe fließt über das Konto der Stadt direkt nach Lwiw. Und die Stadt gibt außerdem für jeden gespendeten Euro aus der Bürgerschaft einen weiteren dazu.