Sommerdepression?

Warum Hitze für die Psyche gefährlich werden kann

Nicht nur für den Körper ist Hitze ein Risiko. Hohe Temperaturen begünstigen auch das Entstehen psychischer Erkrankungen.

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Von Autor/in Lara Löwe

Der Sommer in Baden-Württemberg war dieses Jahr heißer als je zuvor seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Auch Ende September kletterten die Temperaturen nochmal deutlich nach oben: Am Mittwoch verzeichneten Städte wie Mannheim und Karlsruhe Höchsttemperaturen von 29 Grad.

Hitze hat Auswirkungen auf die Psyche

Dass die vielen warmen Tage nicht nur Anlass zu Freude geben, machen Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) deutlich. Das RKI schätzt, dass bis Ende August allein in Baden-Württemberg 3.600 Menschen wegen der Hitze gestorben sind.

Nicht nur auf den Körper wirken die hohen Temperaturen, sie beeinflussen auch die psychische Gesundheit. Sebastian Karl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim beschreibt Auswirkungen, die für viele am eigenen Leib spürbar seien: Bei Hitze könne man sich weniger konzentrieren und der Schlaf sei schlechter, was sich wiederum auf die Leistungsfähigkeit und das allgemeine Wohlbefinden auswirke. Auch ein Zusammenhang zwischen Hitze und Aggression sei ziemlich gut belegt.

Leute werden reizbarer, die Zündschnur wird kürzer.

Das bestätigt auch Hans Knoblauch. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und unter anderem am Universitätsklinikum Ulm tätig. So seien an Hitzetagen mehr Unfälle im Straßenverkehr zu beobachten und auch eine Zunahme von häuslicher Gewalt.

Depressionen und Angststörungen können mit Hitze zusammenhängen

Hitze sei ein Stressfaktor, so Sebastian Karl. "Unser Körper funktioniert bei 37 Grad Körpertemperatur und wenn es draußen zu heiß wird, dann muss sich unser Körper runterkühlen", erklärt der Arzt. Das verbrauche Ressourcen, sodass weniger Kapazität für andere Stressfaktoren übrig seien.

"Die Forschung zeigt Zusammenhänge zwischen Hitze und dem Auftreten von psychischen Erkrankungen", berichtet Karl. Am stärksten sei dieser bei Depressionen und Angststörungen.

"Sommerdepression" in besonders heißen Gegenden

Während der winterliche Einfluss von weniger Tageslicht auf das psychische Wohlbefinden im Bewusstsein vieler vorhanden sei, sei der Stellenwert von Hitze in Deutschland weniger präsent, meint Karl.

Im besonders heißen Südwesten der USA hat Karl es anders erlebt. Hier sprächen seine Bekannten von einer "Sommerdepression". Denn da die Temperaturen tagsüber nur noch in klimatisierten Innenbereichen erträglich seien, fehlten den Menschen soziale Kontakte. Auch dieser Aspekt könne das Entstehen psychischer Erkrankungen begünstigen, so Karl.

Warum psychisch Erkrankte besonders gefährdet sind

Besonders für Menschen, die bereits unter einer psychischen Erkrankung leiden, kann Hitze gefährlich werden. "Man weiß zum Beispiel, dass Symptome von Depressionen und Angsterkrankungen in Hitzeperioden verstärkt auftreten", erklärt Hans Knoblauch vom Uniklinikum Ulm. Das hänge mit Hitzestress zusammen: Der Körper versuche, Wärme abzugeben, indem er schwitze, der Puls gehe schneller. Dies begünstige beispielsweise das Entstehen von Angst.

Menschen mit bestimmten Erkrankungen wie Sucht oder Demenz, würden deshalb in Hitzeperioden häufiger stationär in Notaufnahmen aufgenommen, "wegen Verstärkung psychischer Symptome", erklärt Knoblauch.

Forschende hätten auch einen Zusammenhang zwischen einem Anstieg der Temperatur und einer Zunahme von Suiziden festgestellt, so Knoblauch. Dieser beginne schon bei 25 Grad.

Bei hohen Temperaturen sollte man Medikamente vorsichtig dosieren

Ein weiteres Risiko sind Medikamente. Deren Wirkung könne sich bei höheren Temperaturen verstärken, erklärt Hans Knoblauch.

Besonders kritisch wird es laut Knoblauch, wenn die Konzentration des Medikaments im Blut, der sogenannte Blutspiegel, einen sehr engen Wirkungsbereich habe. Bei Lithium, einem Stimmungsstabilisator, sei das zum Beispiel ein Problem. Wenn Menschen, die dieses Medikament einnehmen, zu viel schwitzen oder zu wenig trinken, könne das zu einer Überdosierung mit schweren Folgen führen.

Häufig fehle jedoch das Bewusstsein für diese hitzebedingte Wirkungsänderung bei Medikamenten, so Knoblauch. Das betreffe sowohl Patientinnen und Patienten als auch Mediziner und Medizinerinnen, die das noch nicht routinemäßig einkalkulierten. An Universitäten fange es "gerade erst an, dass das überhaupt so mit einbezogen wird, dieses ganze Thema Klimawandel", so Knoblauch.

So schützen Kliniken sich vor der Hitze

Auch in Kliniken mangele es noch am Bewusstsein dafür, dass Hitze sowohl körperlich als auch psychisch gesundheitsgefährdend ist, stellt Monika Stöhr fest. Sie ist Mitglied der Klimakomission der Landespsychotherapeutenkammer.

Viele Räumlichkeiten seien nicht auf Hitzeperioden ausgelegt, berichtet sie. Es sei wichtig, dass Kliniken sich schon vor der ersten Hitzewelle vorbereiteten. Dafür gebe es Musterhitzeschutzpläne. Zum Beispiel sollte geprüft werden, ob die Jalousien funktionieren, die Getränkeversorgung ausreicht und genügend Sonnenschutzmittel da ist.

Auch werde empfohlen, bei der Terminvergabe auf Risikogruppen zu achten. Denn der Weg zur Klinik oder zur Praxis sei häufig mit starker Wärmebelastung verbunden. Es biete sich an "älteren Menschen oder auch Menschen mit einer Schizophrenie bevorzugt frühe Termine am Tag anzubieten, wenn das eben geht", so Monika Stöhr.

Baden-Württemberg sei von der zunehmenden Hitze besonders gefordert, erklärt sie. "Gerade in diesem Jahr gab es in keinem Bundesland so viele Hitzetote wie in Baden-Württemberg." Doch dafür sei das Land im Hitzeschutz "wirklich gut dabei", findet Stöhr.

Hitze ist ungerecht

Warum Hitze ungerecht ist

"Hitze ist echt ungerecht", sagt Knoblauch. Psychisch erkrankte Menschen seien besonders von ihr gefährdet. Aber auch soziale Faktoren würden eine Rolle spielen. Obdachlose könnten sich kaum vor Hitze schützen. Wer einen Swimmingpool im Garten habe, tue sich leichter, über eine Hitzeperiode hinwegzukommen.

Auch er findet es wichtig, dass Kliniken sich strukturiert auf Hitze vorbereiten. Doch, so Hans Knoblauch, die wichtigste Maßnahme sei der Klimaschutz: "Sonst doktorn wir nur an Symptomen rum."

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