36 Grad und es wird noch heißer. Das bedeutet für viele Menschen Stress – körperlich und psychisch. Wer sich anpasst, Routinen hinterfragt und gezielt nach Abkühlung sucht, kommt laut der Psychologin Dr. Birgit Weinmann-Lutz oft besser durch Hitzewellen. Welche Strategien helfen und welche Gewohnheiten eher schaden, erklärt sie hier.
SWR Aktuell: Frau Dr. Weinmann-Lutz, was passiert mit unserer Psyche, wenn es über mehrere Tage extrem heiß ist?
Dr. Birgit Weinmann-Lutz: Hitze bedeutet zunächst einmal körperlichen Stress. Gleichzeitig fehlen uns wichtige Ressourcen, um diesen auszugleichen – etwa weil wir uns schlechter abkühlen können oder nachts nicht mehr richtig schlafen. Viele Dinge, die normalerweise guttun, funktionieren dann nicht mehr wie gewohnt: Sport treiben, Freunde treffen oder andere Freizeitaktivitäten müssen plötzlich anders geplant werden. Hinzu kommt oft ein Gefühl der Hilflosigkeit.
SWR Aktuell: Viele Menschen fühlen sich bei großer Hitze antriebslos. Selbst alltägliche Dinge wie Einkaufen kosten plötzlich Überwindung. Warum ist das so?
Weinmann-Lutz: Weil unsere gewohnten Tagesabläufe plötzlich nicht mehr funktionieren. Gewohnheiten geben Sicherheit. Unter Stress greifen wir besonders stark auf sie zurück. Bei einer Hitzewelle muss man diese Routinen aber oft verändern.
Man könnte sagen: Es gibt keine falsche Hitze, sondern eine falsche Tagesstruktur. Wer früh lüftet, die Wohnung tagsüber verschließt, kühle Räume gezielt aufsucht oder Aktivitäten in die Morgen- und Abendstunden verlegt, entlastet Körper und Psyche. Wer dagegen versucht, den Alltag unverändert fortzuführen, gerät schneller in einen Teufelskreis aus Erschöpfung, Gereiztheit und schlechtem Schlaf.
SWR Aktuell: Welche Rolle spielt der Schlaf dabei?
Weinmann-Lutz: Eine sehr große. Wer über mehrere Nächte weniger als fünf Stunden schläft, gerät psychisch schnell aus dem Gleichgewicht. Man wird unausgeglichen, reizbarer und weniger belastbar. Mechanismen funktionieren schlechter. Schlechter Schlaf verstärkt also die Auswirkungen der Hitze zusätzlich.
SWR Aktuell: Macht große Hitze Menschen aggressiver?
Weinmann-Lutz: Ja. Wenn Hitze, Schlafmangel und das Gefühl der Hilflosigkeit zusammenkommen, befinden wir uns in einem hohen Stresszustand. Gleichzeitig passen viele gesellschaftliche Rahmenbedingungen – etwa Arbeitszeiten oder Gebäude – noch nicht gut zu längeren Hitzewellen.
Unter starkem Stress sinkt auch die Fähigkeit, das eigene Verhalten bewusst zu steuern und zu reflektieren. Die Zündschnur wird kürzer, Menschen reagieren schneller gereizt oder aggressiv.
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SWR Aktuell: Gibt es Menschen, die psychisch besonders unter Hitze leiden?
Weinmann-Lutz: Ältere Menschen sind häufig stärker betroffen, weil sie oft sehr feste Gewohnheiten haben und sich schwerer auf neue Situationen einstellen. Gleichzeitig stehen ihnen häufig weniger Ressourcen zur Verfügung.
Auch Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden oft stärker unter Hitze. Wer ohnehin mit Hoffnungslosigkeit oder Hilflosigkeit kämpft, kann durch zusätzliche Sorgen – etwa um die eigene Wohnung oder die Zukunft – noch stärker belastet werden. Dadurch können sich depressive Gedankenspiralen verstärken.
Hinzu kommt ein sozialer Aspekt: Menschen mit geringem Einkommen haben oft nicht die gleichen Möglichkeiten, sich gegen Hitze zu schützen. Klimageräte, Ventilatoren oder andere Hilfsmittel sind für viele schlicht nicht bezahlbar.
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SWR Aktuell: Was hilft psychisch dabei, mit extremer Hitze besser umzugehen? Und was sollte man eher vermeiden?
Weinmann-Lutz: Hilfreich ist vor allem eine offene Haltung. Statt zu denken: "Das geht alles nicht mehr", sollte man überlegen: "Was kann ich anders machen?" Diese Experimentierfreude wirkt dem Gefühl der Hilflosigkeit entgegen.
Vermeiden sollte man Alkohol. Und übermäßigen Handykonsum.
Wichtig ist außerdem, bewusst zu planen. Die heißesten Stunden sollte man möglichst in kühlen Räumen verbringen – zum Beispiel in einer Bücherei, einer Kirche, einem Supermarkt oder auch im eigenen Keller. Es lohnt sich auszuprobieren, was einem guttut.
Vermeiden sollte man dagegen Strategien, die zwar kurzfristig angenehm erscheinen, langfristig aber zusätzlich belasten. Dazu gehören Alkohol oder andere Substanzen ebenso wie übermäßiger Handykonsum.
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Gerade Alkohol verschlechtert die körperliche Belastung durch Hitze weiter, und exzessive Bildschirmzeit kann das Gefühl verstärken, von der Situation überwältigt zu sein.
Letztlich müssen wir akzeptieren, dass Hitzewellen eine neue Herausforderung sind. Menschen haben sich immer wieder an veränderte Lebensbedingungen angepasst. Diese Fähigkeit kann uns auch jetzt helfen.