Seit fast 30 Jahren fährt Wolfgang Allehoff unfallfrei. Er hat die höchste Schadenfreiheitsklasse und seit fast 20 Jahren dasselbe Auto. Eigentlich ein Musterkunde für jede Versicherung.
Als Vorsitzender der Liberalen Senioren Baden-Württemberg hat Wolfgang Allehoff öfter Klagen von Mitgliedern gehört, wie teuer ihre Autoversicherung geworden sei. Dass er selbst auch betroffen ist, hat er jetzt erst bemerkt.
Dieses Jahr - vorher ist mir das gar nicht aufgefallen - ist es von 591 auf 728 gestiegen. Bei gleicher Schadensfreiheitsklasse, so nach dem Motto, sie haben jetzt das und das zu zahlen.
Kein Unfall und trotzdem plötzlich höhere Kosten bei der Kfz-Versicherung?
Wolfgang Allehoff hatte keinen Unfall, keine höhere Fahrleistung und auch keinen Fahrzeugwechsel. Alles ist wie gehabt – bis auf sein Alter. Er ist 76 Jahre alt. Genau daran liegt es, dass er jetzt mehr zahlen soll, wie ihm seine Versicherung auf Nachfrage bestätigt.
Unfall in der Werkstatt Ohne Verschulden in der Kfz-Versicherung hochgestuft?
Für einen Schaden zahlen, den ein Mitarbeiter einer Autowerkstatt angerichtet hat? Ein Fall aus Mutterstadt zeigt, worauf es bei der Kfz-Haftpflichtversicherung ankommt.
Tarifsprünge wegen hohen Alters?
Es stimmt zwar, dass ältere Menschen bei Unfällen häufiger die Hauptverursacher sind und mehr Schäden verursachen als Fahrer mittleren Alters. Aber rechtfertigt das solche Tarifsprünge? Das haben wir uns in der Redaktion gefragt.
Versicherungen dürfen das Alter berücksichtigen, das ist nicht neu und auch erlaubt. Schließlich ändern sich die Risiken im Laufe des Lebens. Auch sehr junge Fahrer zahlen mehr. Doch wie stark wirkt sich das Alter tatsächlich auf die Tarife aus?
Wir untersuchen das mit einem Modellkunden mit gleichbleibenden Angaben zum Fahrzeug, zum Wohnort, zur Schadenfreiheitsklasse und zur jährlichen Fahrleistung entwickelt. Nur das Alter verändern wir.
Kfz-Versicherung vergleichen: Wie stark beeinflusst das Alter den Beitrag?
Auf einem Vergleichsportal schauen wir uns für den Modellkunden die Angebote von acht großen Versicherungen an. Das Ergebnis überrascht. Bis Anfang 60 ändert sich wenig. Danach steigen die Beiträge im Durchschnitt deutlich an.
Zwischen 62 und 75 Jahren verteuert sich der Versicherungsschutz besonders stark: in unserer Stichprobe um fast 60 Prozent.
Mit 81 Jahren kostet derselbe Versicherungsschutz im Mittel sogar mehr als doppelt so viel wie mit 52 Jahren.
Alterszuschläge: Enorme Unterschiede bei den Versicherungen
In unserer Stichprobe fällt auf, dass sich die Alterszuschläge von Versicherung zu Versicherung erheblich unterscheiden.
Während die Signal Iduna den Beitrag zwischen 52 und 75 Jahren um rund 46 Prozent erhöht, liegt der Zuschlag bei der DEVK fast doppelt so hoch.
Auf Nachfrage antworten fast alle Versicherungen ähnlich. Die Württembergische Gemeinde-Versicherung a.G (WGV) schreibt etwa: „Die konkreten Kalkulationsgrundlagen, Gewichtungen und Tarifparameter sind Bestandteil unserer unternehmensinternen Kalkulation.“
Es handelt sich also um ein Geschäftsgeheimnis.
Höheres Unfallrisiko als Grund für Seniorenzuschläge?
Eine Gesellschaft spricht auf unsere Anfrage hin mit uns. Alexander Erpenbach strickt bei der DEVK die Tarife und erklärt: „Wenn wir das veröffentlichen würden, könnten die Konkurrenten einfach abschreiben beziehungsweise versuchen, uns Kunden abzujagen. Soweit veröffentlicht das kein Versicherer. Jede Altersgruppe zahlt den Beitrag, den sie auch wirklich an Schäden produziert und das ist uns sehr wichtig. Denn die Prämie, die die alten Leute nicht zahlen würden, wenn wir also weniger Zuschlag nehmen in der alten Gruppe, müssen ja dann andere Fahrer bezahlen. Das trifft dann die Jüngeren.“
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wertet rund 100 Millionen Versicherungsverträge und die dazugehörigen Schäden aus. Diese Daten dienen vielen Versicherern als Orientierung.
Große Versicherer erstellen allerdings Schadensbilanzen auf Basis der eigenen Kunden.
Das erzählt auch Alexander Erpenbach: „Wir kalkulieren unsere Prämien nicht nach den GDV-Daten, sondern nach eigenen Daten. Wir haben über drei Millionen versicherte Fahrzeuge und regulieren jedes Jahr 400.000 Schäden. Das ist eben der Konkurrenz-Unterschied. Wenn eben alle eins zu eins die GDV-Daten verwenden würden, gäbe es diese Unterschiede nicht.“
Kampf um Schadensregulierung Kfz-Haftpflicht: Wird regelmäßig gekürzt?
Warum zahlen Kfz-Haftpflichtversicherungen oft weniger, als Gutachten vorsehen? Werkstätten und Autofahrer berichten von unfairen Kürzungen.
Erhöhung der Kfz-Versicherungsbeiträge trotz Schadenfreiheitsklasse
Auch Wolfgang Baumbast aus Ehingen kann die enormen Unterschiede bei den Alterszuschlägen nicht nachvollziehen. Er und Wolfgang Allehoff kennen sich aus der Seniorenarbeit. Wolfgang Baumbast fährt seit mehr als 40 Jahren unfallfrei, engagiert sich bei der Kreisverkehrswacht, hat die höchste Schadenfreiheitsklasse. Trotzdem ist auch seine Versicherung massiv teurer geworden.
Hier aus dem Jahr 2023, habe ich die Police da, und da habe ich noch 365 Euro Jahresbeitrag bezahlt, dann wurde ich 68 und dann kam es zum großen Sprung. Zwei Jahre später bin ich dann schon mit 781 Euro zur Kasse gebeten worden.
Auch Wolfgang Baumbast hat die Erhöhung erst spät bemerkt. Wie viele andere ältere Menschen habe auch er seine Beitragsrechnung nur selten kontrolliert. Gerade Senioren sind ihrer Versicherung oft seit Jahrzehnten treu und vertrauen darauf, fair behandelt zu werden.
Altersdiskriminierung: Fehlende Transparenz für Senioren
Ferda Ataman ist Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes. Eine aktuelle Studie ihrer Beratungsstelle kritisiert die Tarifgestaltung der Versicherer für ältere Menschen scharf. Nicht die Risikokalkulation sei das Problem. Sondern die fehlende Transparenz.
Dazu sagt die Beauftragte für Altersdiskriminierung: „Das ist ehrlich gesagt genau unser Kritikpunkt. Wir haben nur festgestellt, dass ältere Menschen aufgrund ihres Lebensalters und nicht aufgrund ihrer Unfälle, Unfallanzahl, höhere Beträge bezahlen. Und da ist es wichtig, dass Unternehmen, die das anbieten, eben ihre Kalkulationsgrundlagen offenlegen. Weil wenn es keine Diskriminierung gibt, und davon gehen wir jetzt erstmal aus, dann sollte es auch kein Problem sein, darzustellen, auf welcher Grundlage berechnet wurde. Im Moment ist es so, dass es keine Auskunftsansprüche gibt.“
Ferda Ataman fordert mehr Transparenz – notfalls per Gesetz.
Die zuständige Finanzaufsicht BaFin, die unter anderem die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben der Versicherer überwacht, sieht das anders. Anhaltspunkte für Verstöße gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz habe die Behörde nicht festgestellt.
Geld sparen bei der Kfz-Versicherung: Lohnt sich ein Tarifvergleich?
Für Wolfgang Allehoff und Wolfgang Baumbast steht fest: Gerade im höheren Alter lohnt es sich, Tarife zu vergleichen.
In unserem Tarif-Check liegen zwischen dem günstigsten und dem teuersten Angebot für einen 81-jährigen Modellkunden mehr als 600 Euro pro Jahr.
Treue zahlt sich bei der KFZ-Versicherung nicht aus, erst recht nicht im Alter.