Blutabnahme neben Einkaufsregalen
Für die neuen Blut-Tests hat dm die Städte Karlsruhe und Konstanz als Pilotstädte ausgewählt: Hier kann man sich in einer Kabine in der Drogerie-Filiale Blut abnehmen lassen. Hinter dem Gesundheitscheck steckt das Partnerunternehmen Aware aus Berlin, mit dem dm zusammenarbeitet.
Bei Aware kann man unter zahlreichen Testpaketen wählen, zum Beispiel Herz-Kreislauf-System, Fruchtbarkeit, Haut, Diabetes-Risiko. Um herauszufinden, welches Blut-Testpaket sich eignet, kann man online ein Quiz machen. Ein großes Blutbild kostet 9,95 Euro. Das teuerste Testpaket von Aware analysiert 77 Biomarker für 579 Euro. Billiger wird es als Dauerkunde mit dem Blutanalyse-Abo.
Fachärzteschaft läuft Sturm
"Eine medizinische Anamnese als Ausgangspunkt für eine medizinische Diagnostik ist kein Quiz und medizinische Versorgung ist auch keine Unterhaltungsshow", sagt Hermann Helmberger vom Spitzenverband der Fachärztinnen und Fachärzte e.V. (SpiFa).
Es bringe nichts, Blutwerte ins Blaue hinein zu untersuchen. Ihm fehle das Gespräch mit dem Arzt, der gezielt Fragen stelle und Maßnahmen wähle, die dann auch von der Krankenkasse übernommen werden. Außerdem könne der Kunde mit den Ergebnissen nichts anfangen und müsse doch wieder seinen Arzt um Rat fragen:
Wir befürchten dadurch eine Flutung der ärztlichen Praxen, um all diese Dinge, die im Nebenschluss aufgetreten sind, wieder aufzuklären.
Prävention durch vorsorglichen Blick ins Blut?
Robin Sorg ist Director Medical Operations bei Aware. Der studierte Ernährungswissenschaftler ist davon überzeugt, dass der vorsorgliche und regelmäßige Blick ins Blut etwas bringt. Vieles bleibe sonst unerkannt, bis Krankheiten oder Mangelzustände schon fortgeschritten seien. Bisher gelte man im deutschen Gesundheitssystem als gesund, solange man keine diagnostizierte Krankheit habe.
Und genau hier setzen wir an: den Fokus auf die Prävention zu bringen und dabei Leute mündiger zu machen. Aufzuklären über Gesundheitsmarker, die man präventiv messen kann und so frühzeitig Erkrankungen und Entwicklungen erkennen kann.
Aware arbeitet mit Heilpraktikerinnen, die das Blut in der dm-Filiale abnehmen. Von dort geht das Blut mit einem Kühllaster in Partnerlabore. Fachärzte werten die Blutanalyse aus.
Mängel frühzeitig erkennen und mit dm-Produkten ausgleichen?
Fachärzte-Sprecher Hermann Helmberger formuliert seinen Verdacht vorsichtig: "Es mag zufällig sein. Aber wenn Sie sich diese Pakete anschauen, dann drängt sich der Verdacht auf, dass man an Produktreihen erinnert wird, die man beim Streifen durch den Drogeriemarkt auch schon mal gesehen hat."
Es geht um Nahrungsergänzungsmittel. Zur dm-Produktpalette gehören zum Beispiel Eisenpräparate zur Blutbildung, Vitamintabletten, Folsäure für Frauen mit Kinderwunsch.
Sebastian Bayer, Geschäftsführer für Marketing und Beschaffung bei dm entgegnet:
"Es ist natürlich so, dass wir über Blutparameter sehr viel über unseren Gesundheitszustand lernen können. Sie können heute diese Parameter auch beeinflussen, indem Sie Supplements, also Nahrungsergänzungsmittel, nehmen, die Einfluss darauf haben. Die bieten wir natürlich auch an. Das heißt, es ist schon ein Bezug zu unserem Kerngeschäft da."
Es würden aber keine medizinischen Daten zu Marketingzwecken verwendet.
Antwort auf Probleme im Gesundheitssystem?
Dm gehe es nicht nur ums Geld, betont Bayer: "Alles, was wir tun, muss sich am Ende des Tages betriebswirtschaftlich rechnen. Trotzdem glaube ich, dass wir einen Beitrag zur Entlastung des Gesundheitssystems leisten können."
Es fehle an Apotheken, Hausärzten, Fachärzten. Es gehe darum, den Menschen leicht zugängliche und bezahlbare Vorsorgeangebote zu bieten.
Telemedizinisches Zusatzangebot
Ein Reporter des WDR hat das Angebot von der Blutabnahme bis zum Ergebnis durchgespielt. Die Ergebnisse bekam er in der Aware-App.
Die Informationen waren eher allgemein gehalten. Zu seinen erhöhten Cholesterinwerten hieß es beispielsweise: "Achte darauf: Überschüssiges Cholesterin kann Arterien verstopfen und den Blutfluss erschweren – auf lange Sicht ist das schlecht fürs Herz-Kreislauf-System."
Die App schlug aber auch vor, einen Telemediziner zu kontaktieren. Das bezahlt die Krankenkasse. Der Telemediziner riet, einen Termin beim Hausarzt zu machen und dort noch einmal einen Bluttest zu machen.
Notruf absetzen Notfallarmbänder im Test: Wie sicher sind sie?
Bei Notfallarmbanduhren sollen im Ernstfall Angehörige oder eine Notrufzentrale verständigt werden. Kann man sich darauf wirklich verlassen?
Augenvorsorge mit KI
Dm bietet in weiteren Testgebieten wie in Düsseldorf, Köln und Aachen auch Augen-Vorsorgeuntersuchungen an. Im Rahmen des Augenscreenings können Volkskrankheiten wie grüner Star, altersbedingte Makuladegeneration (AMD) und diabetische Retinopathie erkannt werden.
In den Filialen steht eine Kabine mit zwei Geräten. Die Augenuntersuchung wird von dm-Mitarbeitern neben ihren sonstigen Aufgaben im Geschäft durchgeführt. Sie sind laut dm "speziell geschult". Sie folgen einer Schritt für Schritt Anleitung auf einem Tablet und führen einen Sehtest und ein Netzhautscreening durch.
Ziel: niedrigschwelliges Screening
Das 2024 gegründete Partnerunternehmen Skleo Health wertet die Untersuchung mit einer KI aus.
Das Augenscreening kostet bei dm 14,95 Euro. Macht man die Vorsorgeuntersuchung beim Augenarzt, dann kostet sie zwischen 30 und 100 Euro. Die Krankenkassen zahlen nur, wenn eine Krankheit diagnostiziert wird.
Augenarzt Steffen Emil Künzel ist einer der Gründer von Skleo Health. Das Gesundheitssystem sei überlastet, Augenarzttermine schwer zu bekommen. "Wir setzen sehr stark auf künstliche Intelligenz und auf Automatisierung. Man muss trotzdem betonen: Jede Aufnahme wird ärztlich validiert und von einem Arzt angeschaut."
Außerdem habe Skleo Health ein Netzwerk aufgebaut und sei in der Lage, jedem Kunden, bei dem eine Auffälligkeit festgestellt werde, zeitnah einen Augenarzttermin zu vermitteln.
Typische Spuren Augendiagnose - das verraten unsere Augen
Viele Krankheiten hinterlassen an den Augen und auf der Netzhaut typische Spuren. Manche lassen sich auf den ersten Blick erkennen, für andere ist eine augenärztliche Untersuchung nötig.
Augenvorsorge zum Schnäppchenpreis- taugt das was?
Der Bundesverband für Augenärzte kritisiert das Angebot scharf. Fehlerhafte Befunde könnten schwere Folgen haben.
Skleo Health-Gründer Künzel sagt, "dass die wichtigen Strukturen für die Erkennung der häufigsten Augenkrankheiten auf Skleo-Aufnahmen sicher zu sehen sind."
Mit einem großen Uniklinikum würden sie momentan eine groß angelegte Studie durchführen.
Stichprobe: altersbedingte Makuladegeneration wird erkannt
Um herauszufinden, ob Augenerkrankungen wie im Angebotsportfolio aufgeführt erkannt werden, haben wir eine Stichprobe gemacht: mit einer Patientin, die von ihrem Augenarzt bereits die Diagnose "altersbedingte Makuladegeneration" (AMD) bekommen hat.
Bei AMD verliert man mehr und mehr das scharfe Sehen. In Deutschland haben etwa sieben Millionen Menschen AMD.
Die gute Nachricht: Die AMD-Erkrankung wurde erkannt. Das Ergebnis kam per Email und war sehr vorsichtig formuliert: Es gebe Anzeichen für eine AMD. Es handele sich bei dem Screening allerdings nicht um eine konkrete diagnostische Leistung. Das Ergebnis solle bei einem Augenarzt überprüft werden.
Augen beim Sehtest vertauscht
Das Ergebnis wirft aber auch Fragen auf. Denn die Patientin hat zusätzlich zur altersbedingten Augenerkrankung schon seit ihrer Kindheit eine weitere Seh-Einschränkung.
Sie kann auf dem linken Auge kaum etwas sehen. Dies teilte sie der sie betreuenden dm Mitarbeiterin vor Durchführung der Tests auch mit. Den Sehtest konnte sie deshalb nur mit rechts machen. In der Auswertung wurden die Augen vertauscht.
Kritiker sagen, dass das Personal bei dm für die eingesetzten Medizinprodukte nicht ausreichend qualifiziert sei. Die Wettbewerbszentrale hat wegen dieses und vier weiterer Punkte eine Klage gegen das Augenscreening bei dm angekündigt.
Die Wettbewerbszentrale ist ein Abmahnverein, an den sich Unternehmen wenden können, wenn sie einem Konkurrenten unlauteren Wettbewerb vorwerfen.
Stellungnahme von dm und Skleo Health
Zur Frage, warum die Augen der Patientin bei der Auswertung vertauscht wurden, äußern sich dm und Skleo Health nicht. Sie argumentieren allerdings, dass eine Patientin mit bestehenden Augenvorerkrankungen für das Augenscreening ungeeignet und die Testteilnahme deshalb nach den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Screenings ausgeschlossen sei.
Die AGB sind allerdings auf der Internetseite nicht zu finden. Beim Augenscreening in der Filiale verbergen sie sich unter einem Link auf dem Tablet. Kunden können die AGB beim Vertragsabschluss abklicken, ohne den Link zu öffnen.
Hilfe und Rat
Wer sich zum Thema Augenvorsorge informieren möchte, findet Hilfe bei verschiedenen Organisationen wie der Selbsthilfevereinigung Pro Retina oder dem Verein AMD-Netz, in dem sich unter anderem Augenärzte, Augenoptiker und Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen haben.
Das AMD-Netz macht auf einen kostenlosen Selbsttest aufmerksam, der erste Hinweise auf Netzhauterkrankungen geben kann. Der Amsler-Gittertest dient dazu, Veränderungen im zentralen Gesichtsfeld des Auges früh zu erkennen.
Den Test könne man sogar zu Hause mithilfe der Wandfliesen im Bad oder in der Küche machen. Man hält ein Auge zu und visiert mit einem handbreiten Abstand von der Wand einen Punkt an. Die Linien zwischen den Fliesen sollten dabei immer gerade erscheinen.