Eine SMS wie vom echten Anbieter
Ben (Name von der Redaktion geändert) war bereits seit fünf Jahren Kunde von Trade Republic und investierte seine Ersparnisse in ETFs. Im Februar erhielt der 24-Jährige eine SMS, die scheinbar direkt von Trade Republic stammte.
Die Nachricht wirkte seriös und erschien sogar im bestehenden Nachrichtenverlauf mit dem Unternehmen. Darin wurde behauptet, eine Auszahlung sei vorgemerkt worden. Falls diese nicht autorisiert sei, solle er umgehend eine angegebene Telefonnummer kontaktieren.
Für Ben gab es zunächst keine Anzeichen für einen Betrug. Die Nachricht war fehlerfrei formuliert und wirkte authentisch.
SMS-Spoofing: Wenn Betrüger echte Absender imitieren
Möglich wurde die Täuschung durch sogenanntes SMS-Spoofing. Dabei manipulieren Kriminelle die Absenderinformationen einer SMS so, dass sie scheinbar von einem bekannten Unternehmen stammt.
Grund dafür sind Schwachstellen im internationalen SMS-Netz. Viele Mobilfunknetze überprüfen die Absenderangaben nicht ausreichend. Das Smartphone des Empfängers ordnet die gefälschte Nachricht deshalb automatisch dem bestehenden Chatverlauf des Unternehmens zu. Für Verbraucher ist eine solche Fälschung oft kaum zu erkennen.
Professionelles Callcenter setzt Opfer unter Druck
Nachdem Ben die Nummer aus der SMS angerufen hatte, landete er in einem professionell organisierten Callcenter. Die Mitarbeiter sprachen akzentfreies Deutsch und gaben sich als Mitarbeiter von Trade Republic aus.
Die Betrüger behaupteten, sein Depot sei akut gefährdet. Um sein Vermögen zu schützen, müsse er das Geld sofort auf ein angebliches Treuhandkonto überweisen.
Unter diesem Druck begann Ben, sein Depot aufzulösen. Innerhalb weniger Minuten tätigte er vier Überweisungen auf ein Konto bei der Targobank, das er zuvor nie genutzt hatte. Insgesamt über 18.000 Euro.
Warum stoppten die Sicherheitssysteme die Überweisungen nicht?
Hätte Trade Republic solch auffällige Transaktionen nicht stoppen müssen? Der Neobroker weist den Vorwurf zurück und betont, dass der Kunde vor den Überweisungen mehrfach gewarnt worden sei:
„Bei auffälligen Transaktionen greifen in der App gezielte Sicherheitsfunktionen (...). Dem Kunden wurde unmittelbar vor der Freigabe der Überweisungen eine explizite Warnmeldung in der App angezeigt. Er hat u.a. bestätigt, den Kontoinhaber des anderen Kontos persönlich zu kennen und dieser Person zu vertrauen. Im Warnhinweis war explizit enthalten, dass wir Kunden niemals bitten, Geld zu überweisen.“
Trotz dieser Warnhinweise stellt sich die Frage, ob die ungewöhnlichen Transaktionen hätten gestoppt werden müssen. David Riechmann, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, sieht Banken grundsätzlich in der Verantwortung, Zahlungsströme zu überwachen.
„Banken trifft da eine Pflicht, diese Transaktionen zu monitoren, also immer zu gucken, wo geht Geld rein, wo geht Geld raus, was sind denn die Zahlungsströme. Und wenn da unübliche Zahlungsströme sind, dann muss man halt auch schnell eingreifen und diese unterbinden, um die Kunden zu schützen“, sagt Riechmann.
Fehlender Kundenservice erschwerte schnelle Hilfe
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Erreichbarkeit von Trade Republic. Zum Zeitpunkt des Betrugs verfügte das Unternehmen über keine klassische Servicehotline.
Ben versuchte nach eigenen Angaben mehrfach, Kontakt zu Trade Republic aufzunehmen. Weder telefonisch noch über den Chat erhielt er kurzfristig Hilfe durch einen menschlichen Ansprechpartner.
Aus Sicht von Verbraucherschützern kann gerade in Betrugssituationen ein direkter Kontakt entscheidend sein. Kunden hätten so die Möglichkeit, verdächtige Nachrichten unmittelbar überprüfen zu lassen.
Bafin warnt offiziell vor der Betrugsmasche
Nur wenige Wochen nach dem Vorfall veröffentlichte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) eine offizielle Warnung vor genau dieser Betrugsmasche.
Nach Einschätzung von Experten ist es ungewöhnlich, dass die Aufsichtsbehörde vor einer einzelnen Phishing-Kampagne warnt. Dies deutet darauf hin, dass die Zahl der betroffenen Kunden erheblich gewesen sein könnte.
Trade Republic reagiert mit neuem Kundensupport
Im April führte Trade Republic einen erweiterten Kundenservice ein. Nach Unternehmensangaben stehen inzwischen mehr als 1.000 Mitarbeiter rund um die Uhr für Kundenanfragen zur Verfügung – sowohl per Live-Chat als auch telefonisch.
Zusätzlich setzt die Bank nun auf sogenannte verifizierte Nachrichten. Dabei werden Name und Logo des Unternehmens besonders gekennzeichnet, damit Kunden echte Mitteilungen leichter von Fälschungen unterscheiden können.
Für bereits geschädigte Kunden wie Ben kommen diese Maßnahmen jedoch zu spät.
Hoffnung für Verbraucher durch laufende Gerichtsverfahren
Ob Ben sein Geld zurückerhält, ist derzeit ungewiss. Banken berufen sich in vergleichbaren Fällen häufig auf grobe Fahrlässigkeit der Kunden und lehnen eine Erstattung ab.
Allerdings könnten zwei laufende Gerichtsverfahren die Situation künftig verändern.
Vor dem Europäischen Gerichtshof wird derzeit die Frage geprüft, ob Banken bei umstrittenen Transaktionen zunächst erstatten müssen, bevor sie gegebenenfalls das Geld vom Kunden zurückverlangen können, wenn dieser grob fahrlässig gehandelt hat.
Zudem beschäftigt sich der Bundesgerichtshof mit der Frage, ob Banken verpflichtet sind, verdächtige Echtzeit-Überweisungen automatisch zu erkennen und zu stoppen.
Sollten die Gerichte verbraucherfreundlich entscheiden, könnte dies die Rechte von Betrugsopfern deutlich stärken.
So können sich Verbraucher schützen
- Jede unerwartete Nachricht kritisch hinterfragen.
- Keine Telefonnummern aus SMS oder E-Mails anrufen.
- Keine Links in verdächtigen Nachrichten anklicken.
- Ausschließlich bekannte Kontaktwege des Anbieters nutzen.
- Telefonnummern und Inhalte der Nachricht im Internet recherchieren.
- Sich in den Account des Anbieters einloggen und Kontobewegungen checken
Wer Opfer eines Betrugs geworden ist, sollte sofort alle Beweise sichern, Strafanzeige bei der Polizei erstatten, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) informieren und sich rechtlichen Rat einholen. Die Schlichtungsverfahren können ebenfalls helfen.