Wer am lautesten schreit, setzt sich durch: Der Weißglöckner aus dem nördlichen Südamerika hat mit etwa 113 Dezibel bisher als lautester Vogel gegolten - Kettensägen-Niveau, direkt im Regenwald.
Jetzt legt das Team um den Biologen João Menezes von der University of Massachusetts Amherst nach: In einer neuen Studie in der Fachzeitschrift Evolution haben sie die Lautstärke von 123 Arten im Feld vermessen, 113 davon zum ersten Mal. Ergebnis: Zwei weitere Arten liegen "Kopf an Kopf" mit dem Weißglöckner - darunter sein naher Verwandter, der Nacktkehl-Glockenvogel "mit wirklich extrem lauten Rufen", wie Menezes sagt.
Drei Vogelarten auf Presslufthammer-Niveau
Die Studie identifiziert drei Arten, die über 120 Dezibel in einem Meter Entfernung erreichen - Presslufthammer-Niveau: den Weißglöckner als bisherigen Rekordhalter aus Regenwäldern im nördlichen Südamerika, seinen Verwandten Nacktkehl-Glockenvogel, der in Wäldern an der Südostküste Brasiliens sitzt und den ganzen Tag Weibchen anlockt, sowie die Rotfußseriema aus brasilianischen Savannen.
Menezes sagt über die Seriema: "Ich hätte nicht vermutet, dass sie so laut ist!" Denn sie ist ein ganz anderer Vogel als die Glockenvögel. Besonders laut werde es bei Glockenvögeln, wenn Rivalen und Weibchen ganz nah sind. Laut Menezes singen diese Vögel bei Abständen von nur 60 Zentimetern am lautesten. "Das ist also wirklich, wirklich laut. Eine Sache, die wir uns fragen, ist: Haben sie irgendeine Art von Gehörschutz?"
Wie Tierlaute im Regenwald gemessen werden
Gemessen wurde mit Alltagsgeräten: "Schallpegelmesser werden meist im Zusammenhang mit Lärmbelastung am Arbeitsplatz eingesetzt. Und Laserentfernungsmesser benutzen typischerweise Golfer, um die Entfernung zum Loch zu messen", sagt Menezes. Der eine liefert Dezibel, der andere die genaue Distanz.
Im Feld ist das mühsam: "Oft verstummt der Vogel oder fliegt weg. Man muss den Vogel zum Messen gleichzeitig sehen und hören!" Selbst verbreitete Arten wie die Kanadagans waren bisher kaum systematisch vermessen - und liegen deutlich unter den Rekordhaltern.
Warum laute Rufe für Vögel ein Vorteil sind
Für die Biologie ist weniger der Rekord spannend als die Funktion der Lautstärke. Henrik Brumm vom Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz sagt: "Je lauter sie singen, desto größer ist die Distanz, über die sie kommunizieren können."
Lautes Singen kostet Energie und kann Feinde anlocken - gerade deshalb kann es ein ehrliches Signal für Fitness sein. Sexuelle Selektion kann die Lautstärke über Generationen immer weiter hochtreiben. "Wenn es zwei Männchen gibt und eins singt ein bisschen lauter, dann werden sich die Weibchen wahrscheinlicher mit diesem Männchen verpaaren", so Brumm.
Anatomie der "Extremsänger": Schnabel und Körperbau
Die Forschenden suchten systematisch nach Merkmalen, die Lautstärke erklären. Menezes sagt: "Wir haben einen guten Zusammenhang zwischen Anatomie und Amplitude gefunden." Klar scheint: Eine weite Schnabelöffnung hilft, besonders laute Töne zu erzeugen - "lauter als große Säugetiere wie Elefanten, Wölfe und Bisons", so der Biologe.
Größere Körper können tendenziell lauter sein, dieser Effekt sei aber unsicher, weil bei vielen Arten nur wenige Individuen gemessen wurden, gibt der Verhaltensbiologe Henrik Brumm vom MPI zu bedenken. Lautstärke entsteht in sehr unterschiedlichen Lebensweisen - im Regenwald wie in Savannen. Und auch kleine Arten beeindrucken: In Deutschland gilt der winzige Zaunkönig laut NABU gemessen an seiner Körpergröße als einer der lautesten Singvögel.
Wer ist nun wirklich der lauteste Vogel?
Eine einfache Rangliste gibt es nicht - es kommt darauf an, was man genau vergleicht: Den lautesten einzelnen Ruf oder den Durchschnitt über mehrere Rufe und Tiere.
Im Moment sieht es so aus: Der Nacktkehl-Glockenvogel liefert den lautesten Einzelruf, die Rotfußseriema ist im Durchschnitt über mehrere Tiere am lautesten, und der Weißglöckner hat die höchsten gemittelten Spitzenwerte. "Egal, nach welchem Kriterium man schaut, diese drei stechen immer heraus", sagt Menezes - einen eindeutigen "Champion" will er aber nicht küren.
Henrik Brumm betont: Für die Biologie ist dieser Titel zweitrangig, entscheidend sei, dass Lautstärke als eigenes Merkmal verstanden wird - sie bestimmt, wie weit Vögel miteinander kommunizieren können, welche Männchen bei der Partnerwahl bevorzugt werden und wie Arten sich an ihren Lebensraum anpassen.