Fehlgeburt ist Trauma und Tabu zugleich
Wir haben den Kinderwunsch gemeinsam gehabt und haben uns darauf gefreut - und dann ist die Schwangerschaft da. Natürlich waren wir im siebten Himmel. Und dann sind wir ganz ganz hart gefallen.
Das Thema Fehlgeburt, so sagt Nicole, sei einfach nicht existent für die beiden gewesen. Bis dahin hatten sie sich gar keine Gedanken dazu gemacht. Bei ihnen gab es nur ein klares "ne Schwangerschaft klappt!", so Marco.
Wenn es zu einer Befruchtung gekommen ist, ist man schwanger - und neun Monate später ist das Kind da. Das is' halt leider nicht: Das mussten wir schmerzlich lernen und haben dann mit dem Tabuthema auch nicht recht gewusst umzugehen.
Sechs ungeborenen Kinder mussten die beiden hergeben. Sechs Sternenkinder. Aufgegeben haben die beiden aber nicht.
Die Partnerschaft als Rettungsanker
Was sie vor dem Verzweifeln gerettet hat? Vielleicht ein Schuss "Spießigkeit", sagen die beiden selbstbewusst und lachend – also dieses "in guten wie in schlechten Zeiten", dieses beständig festhalten an den gemeinsamen Träumen und aneinander.
Die Hoffnung, dass es gut ist und es klappt, hat uns da durchgetragen.
Und dann ging sie in Erfüllung, die Hoffnung der beiden, eine Familie mit Kindern zu gründen. Marie kam auf die Welt.
"Landesstelle Früher Kindstod Baden-Württemberg": Hier finden Betroffene Hilfe
Marie und Theo: Der Kinderwunsch ging zweifach in Erfüllung
3 Jahre nach unserem ersten Gespräch nehmen wir noch einmal Kontakt mit Nicole auf. Mittlerweile hat Marie einen kleinen Bruder: Theo. Die beiden toben durchs Haus, während wir uns unterhalten. Wie geht es Nicole und Marco heute?
Uns geht es super gut. Wir haben unsere zwei Wunder: Marie und Theo. [...] Wir haben Momente, wo wir innehalten und sagen "Kuck mal, was wir geschafft haben, wir haben jetzt unsere kleine Familie". Diese Momente sind vielleicht nochmal intensiver.
Nicole hatte sich damals professionelle Hilfe gesucht. Bei einer Maltherapie beispielsweise konnte sie ihren Verlust noch einmal genau reflektieren. Geholfen dabei hat ihr auch ein Abschiedsritual, bei dem ein von Marco gebasteltes kleines Holzherz eine sehr zentrale Rolle gespielt hat.
Das Holzherz war so wichtig, weil es ein Zeichen war, das alles verbildlicht hat. Wir hatten bei der Trauer ja nicht wirklich etwas in Händen. Da etwas haptisches zu haben, das man auch loslassen kann, war uns sehr wichtig.
Abschied von den Sternenkindern am Meer
Was dann geschehen ist, war für die beiden ein ganz wichtiger Schritt auf ihrem Weg, Abschied zu nehmen: Nicole ist mit ihrem Mann Marco ans Meer gereist. Dort haben die beiden das Holz-Herz ins Wasser gelegt.
Wir haben dem Herz zugeguckt, wie es wegschwimmt. Eine Robbe ist aufgetaucht und damit herumgeschwommen. Das war ein ganz magischer Moment.
Obwohl das Herz im Meer verschwand, hat Nicole bis heute nicht das Gefühl, dass es verschwunden ist. Es sei eher "überall". Auch heute noch, wenn Marco und Nicole am Wasser sind, haben sie das Gefühl, dieses Herz sei bei ihnen.
Aus Schmerz wird Wärme
Ab und an denken die beiden noch an ihre sechs Sternenkinder. Der Schmerz über den Verlust ist bei Nicole und Marco "nicht weg aus unseren Gedanken". Aber im Alltag sei er nicht mehr so präsent, sagt Nicole. Der Schmerz sei eher als "eine Art Wärme im Herzen" zu spüren.
Auch jetzt, wenn ich an den Moment zurückdenke, erfüllt es mich noch einmal von innen heraus.
Dieses Ritual des Loslassens, des sich Verabschiedens, hat die beiden dafür bereit gemacht, ihre Hoffnung auf eine kleine Familie nicht aufzugeben – und die ist mit Marie und Theo in Erfüllung gegangen.
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