Triggerwarnung: In diesem SWR1 Neuanfang geht es um das Thema Vergewaltigung. Eine Geschichte, die Mut machen kann und soll – aber für manche Personen emotional belastend sein oder negative Gefühle auslösen kann. Deshalb: Sucht euch den richtigen Zeitpunkt, euch diese Geschichte anzuhören oder zu lesen.
Falls ihr Hilfe benötigt, wendet euch an die Stellen, die wir weiter unten im Artikel verlinkt haben.
Auch die Seele kann heilen. Das ist wie mit Wunden, mit Krankheiten. Natürlich bleibt da was zurück. Aber die Seele verändert sich auch im Verarbeiten. Sehr spannend, was mit der Seele passiert.
Christine (wir nennen sie hier nicht mit ihrem richtigen Namen) ist bei unserem Treffen 57 Jahre alt. Die Frauenärztin aus dem Landkreis Esslingen ist musikalisch, sportlich und kreativ. Zarter Körper, kluger Kopf – eine Frau, die selbstbestimmt unterwegs ist. Immer mit einem "Ja" zum Leben. Und: neugierig auf alles – "auf fast alles", sagt sie lächelnd.
Vergewaltigungs-Prozess endet mit Bewährungsstrafe
Womit Christine nie im Leben gerechnet hat, das passiert an einem Abend im Dezember 2024: Sie wird vergewaltigt. In einem Hamam, von einem jungen Masseur, der aus Tunesien stammt. Ein abgelehnter Asylbewerber. Er wird letztlich zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.
Ein bitteres Urteil für Christine. Und trotzdem, sagt sie, bereut sie keinen einzigen Tag, an dem sie gekämpft hat.
Das hat Sinn gemacht, diesen Prozess durchzustehen und dieses Verfahren auszuhalten. Das ging ja über eineinhalb Jahre. Es war ein ganz harter und schwerer Weg, das geb' ich zu. Aber wenn ich es mir überlege, war es ganz richtig so. Ich fühle mich irgendwie auch gestärkt.
Christines "orientalischer Albtraum" beginnt 2024
Christine hat eine Massage in einem Hamam gebucht. Dieses orientalische Bad ist nicht irgendeine Klitsche in irgendeinem öden Industriegebiet, sondern liegt mitten in einer schwäbischen Kleinstadt im Landkreis Esslingen. Die Wellnessanlage wirbt mit Zertifikat und Sternchen.
Christine will sich an diesem Abend in der Vorweihnachtszeit etwas Gutes tun, betritt den Hamam und vertraut drauf, dass sie dort in besten Händen ist. Was dann passiert, wird sie später als "orientalischen Albtraum" bezeichnen.
Ich meine, in so einem Umfeld: öffentliches Schwimmbad, gebuchte Massage. Ich war ja schließlich nicht im Swingerclub. Es war ja nicht irgendeine pikante Örtlichkeit. Und von daher ging ich wirklich fest davon aus, dass da alles sauber läuft.
Wenige Stunden später steigt Christine verstört in ihr Auto. Sie erinnert sich an die starken Schmerzen im Unterleib. Als sie zuhause ankommt, kann sie wieder klar denken, greift zum Telefon und ruft die Polizei an. "Die kamen auch sofort", sagt Christine. Da war sie noch voller Massage-Öl, erinnert sie sich. Der ganze Körper, die Haare, die Haut – und auch die Vergewaltigung klebte noch in jeder Pore.
Da kam diese Wut. Über diese Ungerechtigkeit, die da passiert ist. Dieses unglaubliche Unrecht, das mir gebracht wurde durch diese Masseure. Und der starke Impuls, da anzurufen. Das war noch nicht einmal so sehr meine eigene Vergewaltigung, sondern das war die Vorstellung, dass das dort morgen so weitergeht. Und dass sich das täglich wiederholt. Das war unerträglich für mich.
"Natürlich ist es auch schwierig, diese Taten anzuzeigen", sagt Christine. Sie kennt das alles sehr gut aus ihrem Alltag als Frauenärztin.
Ich hab vollstes Verständnis dafür, dass die allermeisten Frauen ihre Gründe haben, warum Sie diese Straftaten nicht anzeigen. Ich versuche immer, meine Patienten zu ermutigen, das zu tun. Aber ich sag' ganz ehrlich: Keine einzige meiner Patientinnen, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, hat diese Tat angezeigt.
Christine hat sich für den anderen Weg entschieden. Sie rief die Polizei – und macht eine sehr gute Erfahrung: Der Polizist und die Polizistin gehen sehr sensibel vor und bedrängen sie in keinster Weise. Der männliche Polizist bot ihr sogar an, sich von der Vernehmung zurückzuziehen.
Auch zwei Beamtinnen bei der Kripo "haben das extrem gut gemacht", sagt Christine. Da habe sich sehr viel getan in den letzten 20 Jahren, resümiert sie.
Angst vor dem Prozess: Glaubt mir der Richter die Vergewaltigung?
Christine geht vor Gericht – und möchte ganz bewusst, dass ihre Vergewaltigung öffentlich verhandelt wird. Eine gewisse Angst bleibt anfangs.
Das ist das allerschlimmste, wenn man eine Vergewaltigung erlebt hat und der Richter glaubt einem nicht. Ich denke, das ist eine der größten Ängste von Opfern von Sexualdelikten: Das erniedrigt einen dann ja noch einmal, das kommt dann zu Schuld-Verschiebungen.
Christine bleibt stark und kämpferisch. Das zeigt auch ihr Körperhaltung im Prozess: beeindruckend! Stundenlang saß sie im grünen Blumenkleid dem Angeklagten gegenüber – mutig, aufrecht und hochkonzentriert. Als Zeugin und – ganz wichtig, wie sie sagt – als Nebenklägerin. Als die bekam sie über ihre Anwältin Einblick in die Akten.
Als Nebenklägerin erfährt man viel mehr um das Verfahren herum. Auch das ist eine ganz starke Empfehlung von mir und ein Rat an Betroffene, unbedingt als Nebenkläger aufzutreten, weil man dann viel mehr Möglichkeiten hat, Dinge zu verstehen.
Zwei Prozesse und Unverständnis über das Urteil
Was Christine noch nicht weiß, als sie vor dem Richter im Amtsgericht Esslingen aussagt: Sie wird zwei Prozesse durchstehen müssen. Ihr Vergewaltiger ist voll geständig, der Richter verurteilt ihn wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten.
Doch dann geht der Täter in Berufung – das Landgericht Stuttgart mildert die Strafe und verhängt zwei Jahre auf Bewährung. Mit dem ersten Urteil, sagt Christine, konnte sie leben – mit dem zweiten: schwierig!
Ich hab mich im zweiten Prozess tatsächlich nicht gesehen gefühlt. Das ist das Gefühl, was dominiert hat und was traurig macht und mich auch sehr enttäuscht von unserem Landgericht. Ich hätte mir vor allem mehr Sichtbarkeit von mir als Opfer gewünscht.
Warum kippte das Landgericht die Gefängnisstrafe?
Der Täter hatte angegeben, dass er zum Tatzeitpunkt 20 Jahre und sieben Monate alt war. Damit rutscht er in Deutschland noch knapp unter das Jugendstrafrecht. Verhandelt wurde vor Jugendschöffengerichten. Im ersten Verfahren vor dem Amtsgericht Esslingen kam die Kammer zum Schluss, dass die Vergewaltigung, so wörtlich, "keine jugendtypischen Züge trägt"und entschied auf Gefängnisstrafe nach allgemeinem Strafrecht. Bei der Berufung vor dem Landgericht Stuttgart wird das Jugendstrafrecht angewendet und auf Bewährung entschieden.
Darum erhielt der Vergewaltiger im Berufungsprozess eine Bewährungsstrafe
In der Urteilsbegründung betonte der Stuttgarter Richter unter anderem nochmals den Erziehungs-Ansatz des Jugendstrafrechts. Außerdem habe der Täter einen Ausbildungsvertrag vorlegen können und hatte keine Vorstrafen. Christine konnte das Urteil nicht nachvollziehen.
Alles, was diese Strafe ein Stück weit zur wirklichen Strafe hätte werden lassen, wurde annulliert in meinen Augen. Der Täter kommt keinen einzigen Tag ins Gefängnis. Der hat jetzt zwei Jahre auf Bewährung. Da gibt's dann zehn sexualtherapeutische Stunden und dann gibt es noch eine Geldstrafe, die ihm nicht so sehr wehtun wird, denk' ich. Aber sonst ist da nichts. Es geht ja hier nicht um einen Ladendiebstahl. Er hat mein Leben wahrscheinlich lebenslänglich verletzt.
Warum aber ist der Täter, dieser junge Mann, im Dezember 2024 – also zum Zeitpunkt der Vergewaltigung – eigentlich überhaupt noch im Land gewesen? Das fragt sich Christine immer wieder, denn sein Asylantrag war bereits im März 2024 abgelehnt worden.
Wut, Ohnmacht, Rebellion: Was machen Krisen mit Christine?
In den vielen Gesprächen mit Christine über ihren langen Kampf um Gerechtigkeit wird schnell klar: Es geht nicht um die Erzählung "Krisen machen uns stark". Es geht um die Frage "Wie geht es weiter?": Wie baut man Wunden und Narben in sein Leben ein?
Grübeln, sagt Christine, hilft schon mal gar nicht. Mitleid? Nur bedingt. Menschen? Ja, wenn es die richtigen sind. Und Wut hilft, schiebt Christine nach. Lieber wütend sein, als verzweifelt.
Ja, Wut hilft mir, durch's Leben zu gehen. Ich bin ja kein so ganz bequemer Mensch, ich kann ganz schön unbequem sein. Ich hab' einen unglaublichen Gerechtigkeitswillen. Wenn der getriggert wird, entstehen bei mir Kräfte. Ich denke, die sind auch mit die Ursache dafür, warum ich so schnell die Polizei gerufen habe.