- Weshalb wurde Prostitution in Deutschland legalisiert?
- Prostitution – der gefährlichste Beruf für eine Frau?
- Das Prostitutionsgesetz bringt keine erhoffte Verbesserung
- 2017: Überarbeitung des bisherigen Prostitutionsgesetzes
- Keine Verbesserung der Kriminalität durch Prostitutionsschutzgesetz
- Wer steckt hinter den "Berufsverbänden"?
- Berufsverbände sind nicht repräsentativ
- Welchen Einfluss haben die Verbände?
- Wie kann das "Nordische Modell" helfen?
- Warum hat Deutschland das Nordische Modell bisher nicht eingeführt?
- Deutscher Staat profitiert von der Prostitution
- Bundesregierung lehnt generelles Prostitutionsverbot ab
Fast zehn Jahre hat Huschke Mau im Rotlichtmilieu gearbeitet und dabei dauerhaft Gewalt erlebt: "Die Beschimpfungen von Freiern, das gewalttätige Durchsetzen von Sexpraktiken, die Gewalt von Zuhältern – und von dem, was ich gesehen habe, ist es die Regel, dass es Zwangsprostitution und Menschenhandel ist."
Weshalb wurde Prostitution in Deutschland legalisiert?
Bis zur Jahrtausendwende fand Prostitution im Verborgenen statt. Prostituierte waren damals oft von kriminellen Banden abhängig und faktisch rechtlos. Mit dem 2002 in Kraft getretenen Gesetz wurde die Prostitution legalisiert.
Die legale Prostitution muss verboten werden.
Das Prostitutionsgesetz sollte die Kriminalität verdrängen und die Arbeitsbedingungen verbessern. Es regelt damals die rechtliche Stellung von Prostitution als Dienstleistung. Prostituierte konnten nun ihren Lohn einklagen und sich regulär sozialversichern lassen. Prostituierte – das sollte von da an ein normaler Beruf sein.
Doch das Gegenteil sei eingetreten, kritisieren Experten wie Maria Decker.
Im Rotlicht herrschen Kriminalität, Zwang und massive Gewalt, in jeglicher Form.
Prostitution ist der gefährlichste Beruf, den eine Frau ergreifen kann
Internationale Studien zeigen: Bei Frauen in der Prostitution liegt die Sterblichkeitsrate um das Vierzigfache höher im Vergleich zu anderen Berufen. Todesursachen seien unter anderem Morde, Unfälle, Alkoholismus oder Drogenmissbrauch. 90 Prozent der Prostituierten nehmen Drogen, um alles ertragen zu können.
Das Risiko beispielsweise, als Prostituierte ermordet zu werden, sei achtzehnmal höher als bei anderen Frauen. Übrigens unabhängig davon, ob Prostitution legal oder illegal sei.
Das Prostitutionsgesetz bringt keine erhoffte Verbesserung
Dass das Prostitutionsgesetz Schwächen hat, hat auch die Bundesregierung festgestellt. In ihrem Auftrag ließ das Familienministerium das Gesetz 2007 überprüfen. Das Ergebnis: Es gab keine Verbesserung der sozialen Absicherung der Prostituierten. Auch die Ausstiegsmöglichkeiten und die Arbeitsbedingungen haben sich nicht verbessert.
Geschätzt soll es zwischen 400.000 und eine Millionen Prostituierte geben. Davon hatten sich nur wenige krankenversichern lassen. Außerdem gab es durch die Legalisierung nicht weniger, sondern mehr Kriminalität, sagt Manfred Paulus: "Man hat dann sehr früh erkannt, dass – was aus Polizeikreisen schon von Beginn an gesagt wurde – das Prostitutionsgesetz von 2002 zum Scheitern verurteilt ist."
Wie hat die Bundesregierung auf die Kriminalität in der Prostitution reagiert?
Jahrelang wurde nichts geändert, obwohl beispielsweise eine Studie der Universität Heidelberg 2013 zu dem Schluss kam, dass es in Ländern, in denen Prostitution nicht gesetzlich verboten ist, es mehr Fälle von Menschenhandel gibt.
Je mehr Freiheiten im Rotlichtmilieu eingeräumt werden, umso größer werden die Märkte.
Erst 2017 hat die Bundesregierung reagiert und das Gesetz überarbeitet. Das ehemalige Prostituiertengesetz heißt jetzt Prostituiertenschutzgesetz. Bordellbetreiber müssen ein Betriebskonzept und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, dann bekommen sie eine Erlaubnis. Und für Prostituierte gilt nun eine Anmeldepflicht. Sie bekommen einen Ausweis und müssen zur Gesundheitsberatung. Zudem gilt nun per Gesetz die Kondompflicht. Das Gesetz soll den Frauen – mal wieder – bessere Arbeitsbedingungen ermöglichen und die Kriminalität in den Griff bekommen.
Deutschland wurde zum Bordell Europas
Doch geändert habe das nichts, im Gegenteil, erklärt Manfred Paulus. Die Legalisierung habe weiterhin massenhaft Verbrecher angelockt und Deutschland so zur Drehscheibe für Zwangsprostitution und Menschenhandel gemacht. Fakt ist: Mit der Prostitution lässt sich viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt kann eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr bringen. Rund 90 Prozent der Prostituierten hätten einen Zuhälter, sagen Experten.
Jahrelang beherrschten deutsche Rockerbanden das Rotlicht – doch seit einiger Zeit haben ausländische Clans in Deutschland Fuß gefasst. "Das ist alles im Bereich der organisierten Kriminalität angesiedelt. Die hat eben erkannt, wie lukrativ und wie risikoarm diese Märkte mit der Ware Sex in Deutschland sind."
"Berufsverbände" in der Kritik
In der Prostitution kämpfen angebliche "Berufsverbände" gegen Regeln für die Sexbranche. Doch wer sind diese "SexarbeiterInnen" wirklich? Fakt ist: Diese Verbände stehen massiv in der Kritik. Denn eigentlich sollten sie sich für die Interessen der Prostituierten einsetzen. Recherchen (u.a. ZDF, SWR, Spiegel) aber zeigen: Hinter den angeblichen ExpertInnen dieser Organisationen – wie z.B. dem "Berufsverband Erotische und Sexuelle Dienstleistungen e.V.", der sich selbst gerne als "Prostituiertengewerkschaft" sieht - stecken fragwürdige Personen. Diese Verbände werden laut Recherchen überwiegend von Dominas/Prostituierten aus Deutschland angeführt, die offenbar freiwillig arbeiten, selbstbestimmt in Deutschland leben und genau wissen, wie das System funktioniert – im Gegensatz zu den mindestens 90 Prozent Prostituierten aus dem Ausland, die zum Großteil nicht mal die deutsche Sprache können. Hauptkritik aber: Diese "SexarbeiterInnen" – die Verantwortlichen der Verbände - betreiben meist selbst Prostitutionsstätten/Bordelle. Sie sind also auch Arbeitgeber, tun aber so, als seien sie Arbeitnehmervertreter.
"Berufsverbände" setzen sich für Interessen der Sexbranche ein
Die angeblichen "Berufsverbände" haben sich in der Vergangenheit für die Interessen der Sexbranche eingesetzt, von Zuhältern, Bordellbetreibern – bis hin zu denen der Menschenhändler, indem sie deren entscheidende Rollen im Prostitutionsgeschäft verharmlosen oder gar leugnen. Diese "SexarbeiterInnen" ind laut Recherchen LobbyistInnen der Prostitutionsbranche. Sie haben sich z.B. gegen die Kondompflicht eingesetzt, gegen verpflichtende Gesundheitsuntersuchungen oder auch gegen schärfere Maßnahmen beim Menschenhandel. Die angeblichen "Brufsverbände"waren u.a. auch gegen ein Verbot von Flatrate- und Gangbang-Bordellen. Und - zu deren Mitgliederzahlen: Geschätzt soll es zwischen 400.000 und eine Millionen Prostituierte in Deutschland geben. Ausgehend von 400.000 Prostituierten vertreten diese Verbände offenbar nicht mal fünf Prozent aller Prostituierten. Sie sprechen also für eine geringe Minderheit der in Deutschland tätigen Prostituierten. Dennoch erklären sie stets, dass die große Mehrheit freiwillig arbeite und Zwangsprostitution eine Randerscheinung sei.
"Berufsverbände" an Gesetzgebung beteiligt
Für Experten skandalös ist: Diese Verbände wurden damals im Rahmen der Legalisierung der Prostitution z.B. zu Experten-Anhörungen von Parteien eingeladen und als Experten für Prostituierte befragt. Sie nehmen an informativen Hintergrundgesprächen teil, treffen FachpolitikerInnen – sie beraten die Politik. Unter anderem hat 2001 das Familienministerium die Meinung dieser angeblichen "Berufsverbände" eingeholt. Experten kritisieren: Seit der Legalisierung tauchen immer die gleichen Dominas/Bordellbesitzer/"Edelhuren" dieser Verbände in TV-Beiträgen, Talkshows/bei Veranstaltungen auf und erzählen, was für einen Spaß es mache, sich zu prostituieren, plädieren für die Anerkennung der Prostitution als "Beruf wie jeder andere" – oder predigen, dass Prostitution die Verwirklichung der sexuellen Freiheit und der sexuellen Selbstbestimmung der Frau sei.
Auch das übrigens, laut Experten ein Mythos: Bei Prostitution gehe es nicht darum, mit wem Frauen Sex haben dürfen, sondern nur um die sexuellen Wünsche der Sexkäufer, der Freier - nicht um die Prostituierte und deren Sexualität. Studien zeigen: Die meisten Prostituierten empfinden ihre Tätigkeit nicht als Sex, sondern als sexuellen Missbrauch, nehmen Drogen, Alkohol oder Psychopharmaka - um ihre Tätigkeit überhaupt ertragen zu können. Prostitution bedeute laut Hilfsorganisationen keine sexuelle Freiheit. Es sei hingegen ein Menschenrecht, frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt über die eigene Sexualität zu bestimmen. Dieses Recht werde durch Prostitution nicht gefördert, sondern verhindert.
Was kann man angesichts dieser Entwicklung tun?
Das Europäische Parlament bezeichnet das System Prostitution als gewalttätig und zutiefst unmenschlich. Es hat festgestellt, dass nicht nur Zwangsprostitution, sondern auch die freiwillige die Menschenrechte verletzt – und fordert deshalb bereits seit 2014 von den Mitgliedsländern das sogenannte Nordische Modell einzuführen.
Dabei werden die Freier bestraft, wenn sie Sex kaufen – mit einer Geldstrafe und einem Monat Gefängnis. Prostituierte bleiben hingegen straffrei. Vorbild ist Schweden, das 1999 als erstes Land dieses sogenannte Sexkaufverbot eingeführt.
Statistische Untersuchungen in Schweden belegen: Die Anzahl der Prostituierten habe sich seit der Einführung des Modells mehr als halbiert. Die Kriminalität und der Menschenhandel seien laut Polizei zurückgegangen. Ein weiterer wichtiger Effekt: In der Bevölkerung hat ein Umdenken stattgefunden. Waren vor der Gesetzesänderung noch fast 70 Prozent der Schweden gegen ein Verbot, so sind heute rund 70 Prozent dafür.
Auch in Frankreich wurde das Nordische Modell eingeführt. 2016 hat dort eine überwältigende Mehrheit der Abgeordneten das Sexkauf-Verbot verabschiedet. Seitdem ziehe es immer mehr französische Freier nach Deutschland, auch nach Rheinland-Pfalz, warnt Manfred Paulus.
Warum hat Deutschland das Nordische Modell bisher nicht eingeführt?
Ein Hauptargument der Bundesregierung gegen das Nordische Modell ist, dass man es den freiwilligen Prostituierten ermöglichen müsse, diesen Job auszuführen. Doch Manfred Paulus erwidert: "Das können Prostituierte auch im Nordischen Modell weiterhin tun. Und die angebliche Freiwilligkeit ist sowieso ein Mythos."
Über 90 Prozent der Prostituierten arbeiten laut Experten unfreiwillig: "Die sind nicht aus freiem Willen in der Prostitution, sondern aus purer Perspektiv- und Alternativlosigkeit – weil sie das Geld brauchen", beklagt Maria Decker. Zudem würden laut Studien rund 90 Prozent der Prostituierten gerne aussteigen – und viele seien beim Einstieg noch minderjährig.
Ein weiteres häufiges Gegenargument, das auch vom Familienministerium Rheinland-Pfalz vertreten wird: Das Nordische Modell verlagere die Prostitution in den unkontrollierbaren Untergrund.
Der Untergrund, der ist doch schon hier. Der ist in diesen staatlich und behördlich genehmigten Bordellen und auf dem Straßenstrich. Die Menschenhändler und Zuhälter nutzen doch diese ganze Infrastruktur, die ihnen zur Verfügung gestellt wird durch die Legalisierung.
Auch das Argument, die Vergewaltigungszahlen würden durch Verbote steigen, sei falsch. In Schweden gebe es in der Statistik keine Steigerung diesbezüglich. Und laut Hilfsorganisationen sei die Annahme, dass Männer einen anderen bzw. stärkeren Sexualtrieb als Frauen haben, wissenschaftlich widerlegt.
Der Mythos, dass Prostitution Vergewaltigungen verhindere, basiere auf mehreren widerlegten, sexistischen und zutiefst problematischen Annahmen. Er suggeriere zudem, dass Prostituierte nicht vergewaltigt werden können. Dabei sind gerade Prostituierte einer extrem hohen Gefahr ausgesetzt, vergewaltigt zu werden – von Zuhältern und Sexkäufern gleichermaßen.
Studien in mehreren Ländern kommen zu dem Ergebnis, dass ca. 60 bis 75 Prozent der Prostituierten ein- oder mehrmals vergewaltigt worden sind.
Deutschland setzt auf die Selbstbestimmtheit von Prostituierten und Freiern
Deutschland hat weiterhin eins der liberalsten Prostitutionsgesetze der Welt – und eine engagierte Lobby. Die Gewerkschaft Verdi schätzt, dass mit Prostitution hierzulande geschätzt rund 15 Milliarden Euro pro Jahr umgesetzt werden. Experten kritisieren: Auch wegen der hohen Steuereinnahmen, schaue der Staat gerne weg. Er profitiert von der Prostitution und werde so, laut der Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen, selbst zu einem "Zuhälterstaat".
Das Bundesfamilienministerium hat die Prostitutionsgesetzgebung kürzlich erneut evaluieren lassen. Das Resultat: Zwar seien die Ziele nicht voll erreicht worden, aber die Schwachstellen seien behebbar. Doch die Evaluation wird massiv kritisiert, habe laut Experten und Hilfsorganisationen zahlreiche Mängel. Ein Beispiel: Angeblich wurden über 2000 Prostituierte bei der nicht repräsentativen Umfrage befragt – allerdings online. Doch über diesen Weg könne man den Großteil der Prostituierten, die täglich, fast rund um die Uhr bis zu 60 Freier bedienen müssen, oder kaum Deutsch sprechen, nicht erreichen.
Bundesregierung lehnt generelles Prostitutionsverbot ab
Die Forderungen nach einem generellen Prostitutionsverbot wie in Schweden lehnt die Bundesregierung weiterhin ab. Obwohl 2024 auch die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen von allen Mitgliedsstaaten die Umsetzung des Nordischen Modells gefordert hat.
Huschke Mau hat den Ausstieg geschafft, arbeitet gerade an ihrer Doktorarbeit als Historikerin – und kämpft seit Jahren für die Einführung des Nordische Modells.
Sie und immer mehr Kritiker fragen sich: Wie kann man das System Prostitution akzeptieren? Warum ist Prostitution für die meisten Regierungen, Intellektuelle und Menschenrechtsaktivisten eine Ausnahme? Wo sie sonst doch immer für das Recht auf ein menschenwürdiges Leben kämpfen. Weshalb schweigen so viele Menschen – oder glorifizieren Prostitution sogar? Weil die betroffenen Frauen sind? Weil so viele Männer Prostitution befürworten?
Für Huschke Mau ist eines unumgänglich: Das Nordische Modell muss eingeführt werden – auch in Deutschland.