An der Grenze zwischen Schönheit und Unbehagen
Ein schwarzer Büffelkopf auf einem Holzbrett. Das Maul ist leicht geöffnet, die Augen treten aus den Höhlen. Sie starren die Betrachtenden an. Vera Mercer hat dazu bunte Wiesenblumen arrangiert. Es ist ein verstörendes Stillleben, an dem der Blick haften bleibt.
"Wären die Augen noch ganz frisch und normal, dann wäre es einfach nur ein ganz normaler Büffelkopf", sagt Museumsdirektorin Isabel Greschat. "Aber dadurch, dass diese Augen so aus den Höhlen quellen, hat der so einen irren Blick und ist so an der Grenze zwischen schön und unheimlich. Das ist es ja, was Mercer auch wirklich interessiert."
Vera Mercer nimmt die Scheuklappen weg
Schön und unheimlich zugleich, vielleicht für manchen sogar irritierend makaber. Es scheint, als wolle Vera Mercer an unseren Sehgewohnheiten rütteln, wenn sie etwa tote Fische fotografiert, die die Mäuler aufreißen, als seien sie noch hungrig. Objekte, die man eher im Kühlhaus vermutet, als im Museum.
Den toten Fisch als etwas besonders Schönes wahrzunehmen, entspreche nicht unserer Gewohnheit, erklärt Museumsdirektorin Greschat: "Das ist so etwas, wo sie einfach die Scheuklappen wegnimmt und sagt: ‚Ja, aber es sind doch tolle Farben und es ist spannend. Und warum sollte es dann nicht schön sein?."
Mercer: Tote Materie ist nicht abstoßend
Vera Mercer selbst sieht im Umgang mit toter Materie in der Kunst etwas "Natürliches, nichts Abstoßendes", erzählt sie beim Rundgang durch die Ausstellung. Dass sich die Materie mitunter in den Tagen des Fotografierens verändere, auch im Geruch, störe sie nicht. Selbst nicht, wenn aus Hundekadavern Würmer krabbelten.
Schon früh hat die einstige Tänzerin ihren Blick für Dinge und Menschen geschärft. Ging mit ihrem ersten Mann, dem Schweizer Tänzer und Eat-Art-Begründer Daniel Spoerri nach Paris und fotografierte mit einer geschenkten Kamera zuerst Menschen in Cafés:
Wir sind jeden Tag dorthin gegangen und ich konnte sehen, was die Leute machen. Ich habe gerne Menschen fotografiert und jetzt immer noch. Die können auch sehr still sein. Etwas muss ich herauskriegen - im Moment.
Ein Spiel mit Licht und Schatten
Licht und Schatten spielen in ihrer Fotokunst immer eine wichtige Rolle, so Vera Mercer. Eine Riesenkrabbe platziert sie vor heimeligem Kerzenlicht und erzeugt so eine fast mystische Atmosphäre.
Die Künstlerin zeigt gerne opulente Fülle, arrangiert üppiges Blumenwerk und serviert uns einen rosa Schweinskopf auf einem Silbertablett. Damit hält sie uns auch den Spiegel der Endlichkeit vor, so Museumsdirektorin Isabel Greschat:
"Auch alle Blumen, die wir sehen, sind abgeschnitten. Alle Früchte und Gemüse sind auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Reife und danach kommt auch nur noch der Verfall. Natürlich geht es in erster Linie um Schönheit, es geht um Fülle, es geht um diese Kunst des Arrangements und des Zusammenspiels. Aber immer auch schwingt dieser Gedanke mit, dass das Leben endlich ist."
Um einen kritischen Blick gehe es Vera Mercer dabei aber nie, so Greschat. Der Titel der Ausstellung "Das gefräßige Auge" beschreibe ihre Gier und ihre Neugier auf das, was ihr vor die Linse kommt, ganz treffend, erzählt die Künstlerin schmunzelnd.
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