Linien scheinen zu zittern, Flächen geraten ins Flimmern, Farben tauchen auf und verschwinden wieder. Wer die Arbeiten länger betrachtet, kann den Eindruck bekommen, dass sich etwas bewegt – obwohl alles stillsteht. Mit dieser Wahrnehmung spielt die neue Ausstellung „MOVE! Scheinbar kinetisch“ im Kunstmuseum Reutlingen.
Quadrate, so weit das Auge reicht! In dieser Ausstellung gibt es viele Möglichkeiten, den Anfang zu machen. Holger Kube Ventura, Leiter des Kunstmuseums Reutlingen, entscheidet sich für ein unscheinbares, graues Quadrat an der Wand. „Wir können mit diesem anfangen, das ist natürlich ziemlich krass“, sagt er.
Eine schwindelerregende Ausstellung
Was an der zunächst unscheinbaren grauen Fläche so „krass“ sein soll, zeigt sich erst aus der Nähe. Das 1,20 Meter große Bild der französischen Künstlerin Aurélie Nemours ist dicht an dicht mit winzigen schwarzen Quadraten bedeckt. Ein Kunsthistoriker habe sie gezählt, erzählt Kube Ventura: 17.771 Stück.
Er selbst könne das nicht nachzählen, so der Leiter des Kunstmuseums. Denn aus einigen Metern Entfernung beginnt das Bild schnell zu flimmern: „Ab zwei, drei Meter Entfernung wird einem schwindlig“, findet der Museumsleiter. Der Titel des Werks passt dazu: „Das Unzählbare“ von 1973.
Mehr als 80 Werke von 46 internationalen Künstlerinnen und Künstlern aus der Sammlung Konkrete Kunst zeigen, wie viel Bewegung in scheinbar statischen Formen stecken kann. Zu sehen sind Malerei, Zeichnung, Fotografie, Plastik, Collage, Serigrafie, Linolschnitt, Relief und Wandobjekte bis hin zu Rauminstallationen.
Holger Kube Ventura über die Idee hinter der Kunst
Diese konkrete Kunst entwickelte sich ab Mitte der 1920er-Jahre und setzte auf eine möglichst sachliche, abstrakte Bildsprache. Formen, Farben und Linien sollten für sich stehen, der persönliche Ausdruck der Künstlerinnen und Künstler trat dabei in den Hintergrund.
Holger Kube Ventura beschreibt die historische Idee so: „Damals gab es viele Künstler, die objektive, mathematische Kunst machen wollten.“ Das künstlerische Genie sei verpönt gewesen, davon habe man sich bewusst abgewandt, so der Leiter des Kunstmuseums Reutlingen.
Was die Kunst mit Einstein zu tun hat
Besonders wissenschaftlich arbeitet der Schweizer Künstler Hans Jörg Glattfelder. Seit rund 50 Jahren beschäftigt er sich mit Einsteins Relativitätstheorie und der Krümmung des Raumes. In seinen Arbeiten übersetzt er diese Idee in eine optische Täuschung.
Eine leicht verzerrte Raute mit aufgemalten Quadraten scheint sich vor den Augen zu verändern. „Wenn man es im Auge behält und daran vorbeigeht, dann scheint es sich zu wölben und zu kneten und kleiner und größer zu werden“, beschreibt es Holger Kube Ventura.
Kunst mit Klebeband
Es muss allerdings nicht gleich Einstein sein, um das Auge zu irritieren. Auch Deko-Klebeband reicht. Der Künstler Steffen Schlichter hat es in vielen Lagen auf eine Spanplatte geklebt. Das schwarz-weiße Muster erinnert an die Dekoration eines Spielzeugautos – doch aus der Nähe beginnt die Fläche zu flimmern und scheint sich in die Tiefe zu öffnen. „Ganz simpel eigentlich, aber der Effekt ist enorm“, sagt Kube Ventura.
Auch Klassiker der konkreten Kunst sind in Reutlingen vertreten, darunter Victor Vasarely und François Morellet. Von letzterem stammt eines der Lieblingswerke Kube Venturas: ein weißes Quadrat, überzogen mit drei gegeneinander verdrehten Rastern aus dünnen schwarzen Linien. Wer länger hinschaut, entdeckt darin plötzlich Kreise, die auftauchen und wieder verschwinden.
Aber wie entsteht der Effekt? Museumsleiter Holger Kube Ventura vergleicht es mit Regentropfen auf einer Wasseroberfläche: „Wir kriegen das überhaupt nicht ruhig gestellt mit dem Auge.“
Kunst-Picknick in Reutlingen
Ob Relativitätstheorie, Klebeband oder optische Täuschung: Die konkrete Kunst liefert dabei nicht unbedingt eine eindeutige Botschaft. François Morellet wollte vielmehr, dass jeder Betrachter etwas Eigenes in seinen Werken findet. Sein Bild dafür ist denkbar alltäglich: „Kunstwerke sind Picknickplätze: Man verzehrt, was man selber mitbringt.“
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